Donnerstag, 13. Oktober 2011

Ein Stein aus dem Heiligen Land erzählt

von Raid Sabbah

Seit einigen Jahrzehnten ist es mit der alten Beschaulichkeit im Heiligen Land vorbei. Zwar war es davor manchmal genauso hektisch, aber die Ereignisse blieben meistens recht überschaubar. Vielleicht lag das auch daran, dass ich nicht viel mitbekommen habe. Aber seit 30 Jahren ist dieser Landstrich nicht mehr wieder zu erkennen. Ich bin ziemlich oft durch die Gegend geflogen. Bestimmt weil ich gerade die richtige Größe habe. Ich liege gut in der Hand und passe in jede Steinschleuder. In den letzten 10 Jahren war es besonders schlimm. Da war ich fast ständig in der Luft. Und eins kann ich ihnen sagen: Das ist wirklich kein Spaß. Besonders dann nicht, wenn man wie ich an Höhenangst leidet. In einem Affenzahn fliegt man in schwindelnden Höhen dem Ziel entgegen. Und dann der Aufprall. Wissen sie wie oft ich mir dabei was gebrochen habe? Und wissen sie wie schmerzhaft das ist? Aber glauben sie darauf würde irgendjemand Rücksicht nehmen? Nicht die Bohne. Ein rücksichtloses und selbstsüchtiges Pack ist das. Und ich mache da keinen Unterschied zwischen Israelis und Palästinensern, zwischen Juden, Moslems oder Christen. Für mich sind die alle gleich. Menschen halt!

Unter dem Schuh eines Propheten

Eigentlich bin ich kein besonderer Stein. Und bis auf die Ereignisse der letzten 30 Jahre ist die Geschichte des Heiligen Landes fast spurlos an mir vorbeigegangen. Im Grunde habe ich bislang alle großen Ereignisse verschlafen. Einmal, und das ist sehr sehr lange her, wurde ich zur Bestrafung eines Verbrechens missbraucht. An das Vergehen und die Umstände kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber an den Akt der Bestrafung schon. Ein regelrecht traumatisches Erlebnis. Denn noch nie zuvor bin ich mit Menschen in Berührung gekommen. Sagte ich Berührung? Viel zu harmlos. Das war eine Kollision, ein Aufprall, ein Frontalzusammenstoß. Ich wurde aufgehoben, durch die Luft geschleudert und prallte dann mit voller Wucht auf einen Menschenkörper, der bis zur Hüfte eingegraben war. Wieder und immer wieder. Ich weiß gar nicht wie lange die ganze Prozedur ging, weil ich irgendwann das Bewusstsein verloren habe. Als ich schließlich wieder zu mir kam, war ich von einer dunkelroten, unangenehm klebrigen Flüssigkeit überzogen. Später erfuhr ich, dass es sich bei der Flüssigkeit um Blut und bei der Bestrafung um eine Steinigung handelte. Stellen sie sich das vor! Diese Leute benutzten uns, um ihresgleichen hinzurichten. Wenn die sich auf solche bestialische Weise umbringen wollen, nur zu! Die sollen machen, was sie wollen. Aber ich – ich will damit nichts zutun haben.

Als die Katapulte der Römer auf die Mauern von Jerusalem zielten, habe ich mich von dieser kriegslüsternen Meute nicht vereinnahmen lassen und mich von dem ganzen Trubel zurückgezogen. Und als die Römer die Stadt wieder aufbauten, gab es genug andere Steine, die sich regelrecht anbiederten, nur um Teil dieser Stadt zu werden. Die glaubten allen Ernstes, dass diesmal die Mauern Jerusalems überdauern würden. Ha, da hatten sich meine Artgenossen aber gehörig geschnitten. Im Laufe der letzten 2000 Jahre wurde die Stadt nämlich 20 mal belagert, 2 mal völlig zerstört und 18 mal wiederaufgebaut. Beeindruckende Bilanz, nicht wahr?

Wie dem auch sei. Die großen Ereignisse sind alle ohne mich abgelaufen. Ich glaube nicht einmal, dass ich Jesus gesehen habe. Damals wurden so viele Menschen von den Römern ans Kreuz genagelt, wie hätte ich da Jesus herausfinden sollen. Auch in der Schlacht von Hittin habe ich mich nicht missbrauchen lassen. Und Richard Löwenherz habe ich ebenso die kalte Schulter gezeigt. Ich verbrachte anschließend viele Jahrhunderte gemeinsam mit anderen Steinen in der Begrenzungsmauer eines Olivenhains. Es war die schönste Zeit meines Lebens. Jedes Jahr sah ich die Bauern wie sie sich liebevoll um ihre Olivenbäume kümmerten und die Ernte einfuhren. Ich sah sie, wie sie mit einer riesigen Steinpresse Olivenöl gewannen, das sich ihre Kinder mit frisch gebackenem Fladenbrot schmecken ließen. Und ich sah wie diese Kinder zu Erwachsenen heranreiften, irgendwann die Arbeit ihrer Eltern übernahmen, und nach einem friedlichen und erfüllten Leben die Arbeit wiederum an ihre Nachkommen abgaben. Was sonst hätte ein Stein auch machen können, als da zu liegen und alles zu beobachten? Ich hatte nicht das Glück, auf einen Propheten zu treffen, der mir eine besondere Aufgabe zugewiesen hätte, und sei es nur die, unter seinem Schuh zu liegen.

Die Israelis kommen

Über Jahrhunderte lag ich also da und bewachte die Olivenbäume. Und eines Tages, wie aus dem Nichts, kamen die Israelis – oder besser gesagt Juden, die Israelis wurden, was immer sie auch vorher gewesen sein mochten. Zuerst dachte ich, die sind wie die anderen, wie die Osmanen oder die Briten. Eine Last für meine arabischen Bauern, doch kein Problem für mich. Aber da hatte ich mich getäuscht. Denn sie kamen mit Bulldozern, rissen die Mauer ein, in der ich die letzten Jahrhunderte friedlich vor mich hingedöst hatte, und ebneten das Feld ein. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Natürlich, jetzt wuchsen Tomaten, Bohnen, Zucchinis und andere Sachen in langen Reihen, und es schien, als würde alle Arbeit von den Maschinen getan. Und von den Arabern natürlich, die ihre Rücken über den Reihen krümmten. Aber was war mit mir?

Ich wurde von Feld zu Feld gestoßen, von Kinderfüßen getreten oder achtlos am Wegesrand liegen gelassen. Es schien, als ob man mich nicht einmal mehr für eine Barrikade brauchen könnte. Heutzutage wird ja selbst die kleinste Begrenzungsmauer aus Beton gefertigt. Steine mit Stolz und Würde, Steine, die Geschichte erlebt und geschrieben haben, werden nicht mehr wertgeschätzt. Und seit der Anti-Folter Konvention der Vereinten Nationen werden wir nicht einmal mehr bei Steinigungen herangezogen. Es ist zum Verzweifeln. Ich hatte das Gefühl ein nutzloses, überflüssiges Dasein zu führen. Einmal hob mich ein Tourist auf, der ein Andenken an das Heilige Land wollte. Das löste in mir ziemlich gemischte Gefühle aus. Zum einen hatte ich die Aussicht, irgendwie nützlich zu sein; andererseits wollte ich aber meine Heimat nicht verlassen. Ich landete zwischen Bananenschalen, gebrauchten Taschentüchern und einer stinkenden Burgerverpackung in einer Mülltonne am Flughafen. Weil ich mich wohl selbst als Erinnerungsstück auf irgendeinem Kaminsims nicht besonders eignete.

Das war halt mein Leben. Bis eines Tages die Steine werfenden Jungs mich in die Hände bekamen. Irgendwie ehrt mich das ja auch. Ich meine mir kann ja nicht wirklich was Schlimmes passieren. Die paar Blessuren und die Höhenangst. Das kann ich verkraften. Oder nicht?

Donnerstag, 8. September 2011

Detlef's Bericht vom FC 19 -
2. September 2011

Fußball gegen Folk Club im September – 1:1

von Detlef Stachetzki

Der Folk Club hat es schon schwer. Im August musste er gegen gutes Wetter und Bundesligaeröffnung konkurrieren. Bei der aktuellen Septembersession war das Wetter ebenfalls biergartenmäßig, und zu allem Überfluss spielten die Fußball-Nationalmannschaften Deutschlands und Österreichs um die EM-Qualifikation. Das Ergebnis war ein glattes Unentschieden – nicht beim Fußball, sondern beim Duell Fußball gegen Folk Club. Der kann selbst bei Länderspielen seine treuen Gefolgsleute motivieren. Da der Fußball das aber auch konnte, war es nicht ganz so voll wie gewöhnlich, aber nicht minder interessant und hörenswert.

Diesmal eröffnete kein markerschütternder Schrei aus Master Johns gutgeölter Kehle den Abend (er hatte die zweiwöchige Kur mit lauwarmer Cervisia auf der heimatlichen Insel erstaunlich gut überstanden), nein, Co-Master Barry Roshto übernahm das Begrüßungsritual mit erheblich leiseren Tönen. Leider musste der Arme wegen einer Armverletzung den weiteren Abend auf der Bank verbringen und schickte stattdessen seinen Ersatzspieler aufs Feld – dazu später.

John Harrison bewies beim Warm up erneut, dass er einen Bildungsauftrag verspürt, den er mit Charme und Charisma und stimmgewaltig obendrein erfüllt. Diesmal war der schottische Nationalheld Bonnie Prince Charlie Gegenstand der kleinen musikalischen Geschichtsstunde, die John mit dem a Cappella gesungenen Gedicht „Charlie is my Darling“ von Robert Burns eröffnete. Robert Burns ist ebenfalls eine schottische Lichtgestalt, deren Gedichte im Folk Club bereits des öfteren zu hören waren. Den glücklosen schottischen Stuart-Prinz, dessen Armee von den „bösen“ Engländern bei Culloden abgeschlachtet wurde, besang John auch in seinem letzten Lied dieses Auftritts mit dem Titel „Over the Sea to Skye“. Heute hätten Charlie und seine Retterin auf der Flucht, Flora McDonald, nicht mehr über die raue See zu rudern brauchen. Eine ganz unromantische Brücke verbindet das „Festland“ jetzt mit der wilden und schönen Hebrideninsel. Zwischen den beiden Liedern über den Nationalhelden, gab es mit „The Manchester Rambler“ von Ewan McColl noch einen sozialkritischen Aufrüttler aus den dreißiger Jahren: “I may be a wage slave on Monday, but I am a free man on Sunday”. „Keep your Hands off her“ von Altmeister Leadbelly alias Huddie Ledbetter brachte dagegen mit seinem erfrischenden Rhythmus die Zuhörer in sanfte Bewegung.

Gerhard Sonnenberger, der das erste Mal im Folk Club auftrat, sorgte mit „Dat is Liebe“ für ein wenig fröhliches rheinisches Lokalkolorit im Saal. Auch „Seit du da bist“ von Hannes Wader und das Lied „Sing, sing sing“ wurden mit viel Beifall aufgenommen.

Unser alter Bekannter Lothar Heinrich, der eigentlich zusammen mit Peter Phlips angekündigt war, meisterte seinen Part auch allein mit Bravour und legte gleich mit „Sea of Heartbreak“, dem durch Johnny Cash bekannt gewordenen Country-Song, los und brachte richtig Stimmung in die Meute. Seine Liebe zur Country-Music bewies er zudem mit „Welcome Home Native Son“ von Bobby Bare. Bei Brenda Lees Lied „End of the World“ konnten alle sich so richtig ihren Gefühlen an die sechziger Jahre hingeben. Eine weitere Anleihe an die Sechziger war Lothars letztes Lied vom „Man Who Shot Liberty Valance“, einst unvergleichlich von Gene Pitney interpretiert.

Einen ersten Höhepunkt des Abends bescherten uns die Special Guests Stefanie Hölzle und Daniel Marsch aus Hückeswagen, die als Duo „Tangoyim“ das Publikum verzauberten. Mit ihren überwiegend jiddischen gesungenen Klezmer-Liedern entführten sie uns in eine ferne und vergangene Welt der jüdischen osteuropäischen Schtetl. Beide begeisterten mit ihrer Musikalität, ihrem virtuosen und fast schwerelosem Spiel auf mehreren Instrumenten (Stefanie mit Geige, Bratsche und Klarinette; Daniel mit Akkordeon und Geige) und ihrem ausdrucksvollen und intonationssicheren Gesang. „Der Gassensinger“, „Der Filosof“ „Vu bistu geven (wo bist du gewesen)“ waren einige der vorgetragenen Lieder. Dazu gab es mehrere Instrumentalstücke, ein Lied aus Mazedonien und ein Zigeunerlied in französischer Sprache.

Der Chronist empfiehlt allen, sich die Internet-Präsenz von „Tangoyim“ mit vielen Musikbeispielen und stets aktuellen Auftrittsankündigungen anzuschauen (www.tangoyim.de). Ein Besuch bei einem der zahlreichen Konzerte der Gruppe auch in unserer Nähe lohnt sich mit Sicherheit!

In die besondere Atmosphäre des Abends fügte sich der Auftritt von Barry Roshtos Frau Christiane an der Geige (viele Geigen heute!), die zusammen mit ihrem Sohn David am Klavier (Barrys Ersatzspieler, siehe oben) spielte, nahtlos ein. Die beiden spielten eine Reihe von Instrumentalliedern, darunter einige Renaissance Stücke, Musik aus dem Irland des 18. Jahrhunderts, eine Instrumentalversion des Ragtimes „Turkey in the Straw“ und der Irish Reel „Drowsy Maggie“ – eine schöne und von beiden mit viel Gefühl vorgetragene Abwechselung.

Unser Spezialist für Musik, die ans Herz geht und ein wenig bis sehr traurig ist, Thomas Steffens, hatte danach wieder einige Schmankerl für uns bereit. Dank der verteilten Refrainzettel gab es fürs Publikum die lang ersehnte Gelegenheit, bei einigen Liedern mitzusingen. Das Dubliners-Lied „Liverpool Lou“, von der Melodie her auch vielen mit dem Titel „Hamburger Deern“ bekannt, machte den Auftakt, immerhin ging es hierin „nur“ um Liebesleid. Mit Mark Knopflers „Madam Geneva“ stieg er dann tiefer hinein in die Welt menschlichen Elends („keeping the demons at bay“). Bei „Eleanor Rigby“ sang der Saal mit, aber ob allen die deprimierende Botschaft der Sinnlosigkeit bewusst war, die das Lied vermittelt („no one was saved“)? Musikalisch war das Lied, von Thomas auf eine besondere Weise interpretiert, eine glatte Offenbarung. Sir Paul hätte seine helle Freude daran – wir sollten ihn mal einladen – er kriegt auch Freibier allerdings keine lauwarme Cervisia! Die Fortsetzung des Reigens der Schwermut machte er mit „Her Father Didn’t Like me Anyway“ vom seligen Gerry Rafferty.

Eine kleine Überraschung (sogar mit positiver Stimmung) zum Abschluss brachte er mit dem Plattdeutsch gesungenen Lied „Fresenhof“ von Knut Kiesewetter. Manch einer suchte krampfhaft zu ergründen, welche Sprache da gerade zu Gehör kam.

Zum Abschluss des Abends gesellte sich Ecki Schwandke mit seiner Geige zu Stefanie Hölzle und Daniel Marsch und bildete mit ihnen das Trio „World Wide Fiddlers“, wie es John nannte. Die drei machten mit uns eine musikalische Folklore-Reise über Schweden, den Süden der USA, Rumänien, Ungarn und Bayern. Als Mitbringsel aus dem Land mit dem weiß-blauen Himmel brachten sie unserer verdutzten Wirtin ein besonderes Ständchen mit der Ankündigung „Frau Wirtin entschuldg’n Sie, oba mir zoin net“, worauf ein hilfreicher Folk Club Enthusiast den Dreien sofort eine Runde ausgab..

Nach so viel Bombardement mit musikalischen Glanzlichtern fiel es zwar ein bisschen schwer, den Abend zu beschließen, aber mit einem besonderen „Jock Stewart“, dem traditionellen Abschiedslied, ging es dann doch einigermaßen. Das Besondere war diesmal, dass John in unbekannter, weil beliebiger Tonart loslegte, die Profis an Akkordeon und Gitarre aber nach wenigen Takten die Tonart „raus hatten“ und eine besonders gefühlvolle und zarte Begleitung hinlegten – ein Genuss! Wir freuen uns auf eine Wiederholung!

Auf Wiedersehen beim nächsten, dem zwanzigsten, Folk Club am 7. Oktober 2011.

Montag, 5. September 2011

3 Pix & 3 Songs...FC 19

Here are three more fotos of the evening





Everyone is welcome to semd me fotos for the blog.
I will put up as many as I can get to...

Here is the Link to 3SongsBonn.com

http://3songsbonn.com/2011/09/03/strings-n-thingsbonn-folk-club-september/


In this article you will find more of John Hurd's folksy, informative reporting and many brilliant fotos!

Thanks again John!

John's Fotos

Samstag, 3. September 2011

FC 19 - First Impressions

Here are some of my snapshots from last Fri. Folk Club Nr. 19
More to come!


As John traditionally began the evening,
it looked like we might have a smaller crowd than usual




By the time Gerhard did his Floor Spot,
a good crowd of 50 or so had trickled in...




Lothar


Special Quests : Tangoyim


Christiane & David




Thomas


Special Quests : World Wide Fiddles




The Usual Ending with the Anthem

Until Then...

Mittwoch, 17. August 2011

FC 18 - Detlefs Bericht

Macht ein Folk Club auch im August Sinn?

von Detlef Stachetzki

Ferienzeit und Barry Roshto verreist, bestes Biergartenwetter mit Aussicht auf Regen am folgenden Samstag, dazu noch die Eröffnung der Bundesligasaison mit dem Knüllerspiel HSV gegen Dortmund – beste Voraussetzungen also für einen leeren Saal im Schützenhaus. Aber weit gefehlt, die echten Folk-Fans zieht es am ersten Freitag im Monat mit magischer Kraft in die Estermannstraße in Graurheindorf – und sie wurden nicht enttäuscht. Ein hochklassiges Programm und viele Gelegenheiten zum Mitsingen sind einfach unschlagbar.

Master John Harrison startete diesmal mit dem a Capella gesungenen Gedicht „If“ des Nobelpreisträgers Rudyard Kipling, einem Beitrag aus der Kategorie „Weiterbildung in englischer Literatur“. Dem Publikum blieb aber nicht viel Zeit, um über die poetische Umschreibung des Wesens eines wirklichen Mannes nachzudenken, als bereits der irische Gassenhauer über die üppige Fischhändlerin Molly Malone („the tart with the cart“) zum Mitsingen einlud. Zum Andenken an den Club der 27er, der erst kürzlich mit Amy Winehouse prominenten Zuwachs bekommen hat (langsam wird’s eng da oben), sang John wiederum a Capella das bekannte Lied der Alt 27erin Janis Joplin „Mercedes Benz“. Vielleicht gefällt ihm das Lied so gut, weil er selbst einen Mercedes besitzt, für den Ihn die Untertürkheimer Autobauer vermutlich eine Prämie für einen Lebensdauer-Test gewähren. Uns hat es jedenfalls auch gut gefallen (auch ohne eigenen Benz). Nochmals recht nachdenklich ging es dann bei Johns letztem Lied „Siege of Sarajevo“ zu. Die Eigenkomposition aus dem Jahre 1995 beschäftigt sich anhand der erschütternden Vorkommnisse bei der Belagerung Sarajewos im jugoslawischen Bürgerkrieg damit, wie dünn das Eis zwischen Zivilisation und brutaler Barbarei ist.

Nach den zahlreichen Gedankenanstößen heiterte uns Andreas Nick zuerst mit einer kleinen kunstvollen Gitarrenetüde („so vertreibe ich mir oft die Zeit, wenn ich auf dem Sofa sitze“) auf und rockte danach mit dem Stones Lied „Jumping Jack Flash“ los. Auch die folgende kleine selbstkomponierte Ballade handelte nicht von den Widrigkeiten der Welt, lediglich bei Hendrix’ „All Along the Watchtower“ (leicht abgewandelt – „an dem Lied kann man sich die Finger verbrennen, daher lieber eine eigene Version“) war wieder die kleine Anspielung auf den Club 27 präsent.

Mit eher positiven Inhalten ging es dann bei den Liedern von Daniel Mennicken und Andrea Wilmes („ZweiZeit“) zu. Mit Andreas tragender, intonationssicherer und variabler Stimme und Daniels professionellem und versierten Gitarrenspiel war es eine Lust, den drei selbstkomponierten Liedern „Es ist so schön, bei dir zu sein“, „Blue Sting“ und „Already Made“ zuzuhören. Beim letzten Lied bewies Daniel, dass er nicht nur exzellent Gitarre spielen sondern auch vorzüglich singen kann. ZweiZeit im Duett, ein Genuss!

Als ob uns nicht schon genügend schwere Kost an diesem lauen Sommerabend geboten wurde, beglückte uns anschließend unser guter alter Bekannter Thomas Steffens mit dem todtraurigen, aber dennoch wunderschönen Lied „And the Band Played Waltzing Mathilda“ von Eric Bogle, mit dem die Gräuel bei der Schlacht von Gallipoli im Ersten Weltkrieg besungen und beklagt werden („never knew there were worse things than dying“). Einen kleinen Sonnenstrahl bekamen wir dann mit „My Irish Molly“ serviert, bevor das traurige Lied „Liverpool Lullaby“ uns wieder beinahe zu Tränen rührte. Kompliment aber an Thomas, der zwar nicht ganz so sexy daherkommt wie weiland Cilla Black, aber dem Lied über die Armut und die Aussichtlosigkeit eines Kindes in einem deprimierenden Säuferhaushalt in Liverpool eine viel eindringlichere Stimmung gab als die junge Cilla im Minirock-Outfit der 60er Jahre. Heitere Erlösung gab’s dann beim Lied über die Irish Pubs, die es überall in der Welt gibt, sogar in Honolulu und Moskau. Dabei konnte das Publikum dank reichlich verteilter Refrainzettel kräftig mitsingen. Die Achterbahn der Gefühle blieb uns erhalten, dank des traurigen Liedes über den Untergang des „Lifeboat Mona“, das Thomas aber wunderschön vortrug und bei dem das Publikum wieder aus voller Kehle mitsang.

War es das mit den traurigen und nachdenklichen Liedern? Mitnichten! John hatte nach der Pause offenbar sein melancholisches Pulver noch nicht verschossen (vermutlich weil er tags darauf in die Ferien nach Britannien fahren musste – drei Wochen lang nur lauwarme Cervisia, brrrrr!). Jedenfalls gehört das a Capella gesungene Gedicht „Danny Deever“ von Rudyard Kipling über die Exekution eines britischen Soldaten wegen heimtückischen Mordes an seinem – vermutlich sadistischen – Vorgesetzten zwar zu den eindrucksvollen aber nicht zu den heiteren Stücken englischer Dichtkunst. Abgerundet wurde die Session der Melancholie mit einer weiteren ergreifenden Hommage an den Club 27: Das Lied „Angel in Disguise“ von Johns Freund Jonathan Ole Wales Rogers, der im Alter von 27 Jahren nach dem Nachhausebringen des Babysitters mit dem Auto tödlich verunglückt war.


Steve Perry
, der Mann mit der brasilianischen 10saitigen Gitarre „Viola Caipira“ brachte ein wenig Erleichterung. Diesmal hatte er seinen brasilianischn Hut gegen eine der amerikanische Mütze vertauscht und war ab sofort total in seinem Element. Das Hillbilly-Lied von den „Martins und den Coys, the wreckless mountain boys“ trug er witzig und gekonnt vor. Steve verstand es dabei ausgezeichnet, die Bottleneck-Technik auf das südamerikanische Instrument anzuwenden. Bei aller Komik des Liedes, auch hier ging’s um was Grausiges, nämlich wie sich zwei verfeindete Familien gegenseitig bis zum zugegebenermaßen witzigen Ende massakrieren. Wen es interessiert: Es gibt dazu ein lustiges und klasse gesungenes Zeichentrickvideo (http://www.youtube.com/watch?v=XtyUycHvYls) aus der frühen Disney-Ära auf Youtube.
Mit „Sixteen Tons“ war aber auch er wieder in der Kategorie Melancholie angelangt. Das Publikum war gefesselt, denn es wurde bei dem sehr leise gesungenen Lied mucksmäuschenstill.

Als hätten sich alle Musiker abgesprochen, schlugen auch Lothar Heinrich und Peter Philips mit ihren Liedern in die Kerbe der Traurigkeit: Der Blues „Who’s been talking“ gehört wie die meisten Blueslieder natürlich auch eher in die traurigere Kategorie. Es ist aber richtig etwas für’s Gemüt, auch dank der schönen Interpretation von Lothar und Peter. Weiter ging’s hinein in den Herzschmerz mit dem bekannten Country-Lied „Lucille“ von Kenny Rogers über einen von seiner Frau verlassenen Bauern. Mit „Please Help Me I’m falling“ von Hank Locklin und „I’moving on“ von Hank Snow gab es danach zwei weitere vorzüglich gesungene und gespielte Klassiker des Country-Repertoires – Herzschmerz hin oder her, das Publikum war begeistert und sorgte gleich für den Begleitchorus.

Zum Abschluss des Abends sorgten Ellen Jeikner und Ralf Wackers für echtes Kelten-Feeling mit Musik aus und über Irland und Schottland. Ellen berückte mit ihrer schönen Stimme, der gefühlvoll gespielten Tin Whistle und Ralf steuerte die gekonnte Begleitung mit Gesang und der achtsaitigen Mandola bei. Sehr schön kam das selbstkomponierte Instrumental-Lied „Bilbos Song“ rüber, bei dem Ellen die Tin Whistle singen ließ. Grausig – wie könnte es anders sein – ging’s dann beim Lied über das unglückliche Schicksal zweier durch Zwangsrekrutierung des Bräutigams getrennter Liebender beim Lied „William Taylor“ zu.

Nach einer Zugabe in irischer Sprache trommelte John die noch verbliebenen Akteure zum traditionellen Schusslied über „Jock Stuart“ zusammen. Die Gemeinde ist inzwischen schon fast textfest und entsprechend vielstimmig ging der Abend zuende.

Auf Wiedersehen am 2. September!