Sehnsucht oder die Sucht sich zu sehnen
In den momentanen Zeiten, in denen es uns zwar noch ziemlich gut geht, der Blick in andere Länder jedoch oft nur Schlimmes erzählt, sehnen wir uns hauptsächlich nach besseren Zeiten. In anderen Ländern sehnen sich Menschen inzwischen sogar danach, die Hoffnungslosigkeit zu besiegen. Aber auch ganz kleine Sehnsüchte existieren hier und da – die Sehnsucht nach Liebe, manchmal auch nur nach einem Eis (obwohl, im Moment fängt die Zeit an, wo wir uns bei den Energiepreisen eher nach einem warmen Wohnzimmer sehnen). Sehnsucht, ein Thema im Folk Club, welches auch als logische Folge der vergangenen Themen gewählt wurde – erst Aufbruch (in den Urlaub), dann Rückkehr (aus dem Urlaub) und nun Sehnsucht (auf den nächsten Urlaub) – nun ich erwähnte es bereits, eigentlich geht es uns noch ganz gut.
Aber eine Sehnsucht aller Folk Club Besucher besteht auch darin zu warten, dass der Zeremonienmeister John Harrison die Veranstaltung mit dem Begrüßungsruf „Laaaadiiieeees and Gentlemen, Mesdames et Messieurs………“ eröffnet. Nie wird diese Sehnsucht enttäuscht und so startete auch diesmal wieder ein Feuerwerk an guter Musik eben genau so. John hatte den gesamten Freitag über viele weitere Termine und wirkte deshalb ein ganz klein wenig abgehetzt, was aber seinem musikalischen Vortrag keinen Abbruch tat. Mit dem Eröffnungssong „Night Watchman“ sang er sozusagen über einen Kollegen, denn John ist in Bonn der englischsprachige Nachtwächter, der mit viel Fantasie und musikalischer Unterlegung den Menschen ihre Sehnsüchte nach Informationen aus dem 17ten Jahrhundert stillt. Weiter ging es mit der von Arlo Guthrie auf einen Antikriegstext umgeschriebenen Kinderballade „Ring Around Rosie“ (Sehnsucht nach Frieden), um einen würdigen Abschluss mit der Sehnsucht nach den schwarzen Haaren der Geliebten (“Black Is The Colour Of My True Love’s Hair“) zu bilden.
Eine andere Art der Sehnsucht – nämlich die nach glücklichen Kindertagen, brachte Kai Hofstetter mit auf die Bühne, in dem er einen eigenen deutschen Text auf Bob Dylons Tambourin Man musikalisch unter dem Titel „Hey, alter Puppenspieler“ vortrug. Mit seinem „Hexentanz“ nahm er kritisch und lustig sowohl die menschliche Liebe, wie auch die Walpurgisnacht ins Visier. Was kann schöner sein, als von der geliebten rothaarigen Hexe verbrannt zu werden (bitte sendet mir keine Antwort auf diese Frage – sie war rhetorisch:-) ). Und für alle, die es noch nicht begriffen hatten, dass sich alle Lieder von Kai um Sehnsucht drehten, wurde er nun noch einmal sehr deutlich. Mit dem an russische Balladen erinnernden Schlager „Sehnsucht“, den viele noch aus der Interpretation von Alexandra aus den späten 70er Jahren kennen, beendete er sein Kurzprogramm und erlaubte dem, bzw. erhoffte vom Publikum mitzusingen.
Drei & Anders waren diesmal nicht – wie der Name impliziert – zu viert, da Oliver Trübestein verhindert war. So traten Frank Radeiski, Uwe Gillert (mit Oliver wären es drei) diesmal mit Uwes Sohn Maximillian am Kontrabass auf. Drei Eigenkompositionen erwarteten uns, die alle drei im balladesken Stil von der Sehnsucht erzählten. Einmal von der, die im Schlaf erscheint („Meine Träume“), einmal direkt und unverschnörkelt in dem Titel „Sehnsucht“ und einmal als Urlaubserinnerung mit „Sommer in Italien“ - sehr schön arrangiert zu zweistimmigem Gesang und mit Lead- und Sologitarre unterlegt. Und der Kontrabass wirkte kräftig, rhythmisch und mit überraschender Syntax passgenau mit.
Kathrin Kangro & Michel vertauschten in ihrer ersten Darbietung die gewohnten Rollen. Musikalische Chefin in dem Duo ist, laut Aussage von Michel, halt Kathrin und er unterstützt. Bei dem „Retirement Song“ allerdings durfte (oder musste er?) die Hauptrolle übernehmen und wurde im Refrain von Kathrin und dem Publikum unterstützt. Der Refrain zeigte natürlich auch gleich noch einmal auf, wer in dem Duo Chef ist, heißt doch eine Zeile:“I'll be a man wherever my woman will be“. Weiter ging es mit der Betonung der wunderschönen und in höchste Gesangslagen driftenden Stimme von Kathrin mit dem englischen Traditional „Johnny I Hardly Knew Ye“ und der schottischen Liebesballade „The Broom Of The Cowdenknowes“.
Der featured artist des Abends kam diesmal aus Kanada – wobei er früher einen kürzeren Weg gehabt hätte, da er in Großbritannien geboren wurde. Chris Ronald zeigte sich durch und durch als Profi. Mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit spielte er mal rhythmisch strummend, mal filigran pickend seine Gitarre und ließ sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als eine Saite riss. Lediglich der Kommentar „Das ist das Schöne an Folk Clubs – es sind immer genügend Gitarren zum Ausleihen vorhanden“ begleitet den Wechsel von seiner auf Johns Gitarre. Als Gitarrist darf ich sagen, dass sich jede Gitarre etwas anders spielt und es immer eine gewisse Zeit benötigt, sich an die andere Halsform, an eine andere Griffbreite, an andere Saiten und auch an unterschiedliche Haltungen durch die Gitarrenbauform zu gewöhnen. Chris tat dies sehr spontan, so dass niemand merkte, dass er auf einer fremden Gitarre spielte, und das, um es noch einmal zu betonen, sehr schön. Ich möchte hier nicht auf die Inhalte jedes einzelnen Songs eingehen, aber einer muss einfach genannt werden – die Geschichte seiner Großeltern, die sehr stolz darauf waren, verheiratet zu sein und diesen Stolz in ihren Eheringen versinnbildlicht sahen. Nachdem, bedingt durch die Arbeit an einer Schleifmaschine, der Ring des Großvaters zerbrach, erfolgte zwar eine Reparatur durch den Goldschmied, mangels zusätzlichem Gold war der Ring danach allerdings zum Tragen zu klein. Später an Chris vererbt, wurde er ständig an einer Kette um den Hals getragen. Leider ging er während eines Folkfestivals (schlechtes Wetter, viel Schlamm) verloren und trotz tatkräftiger Unterstützung anderer Musiker konnte er nicht wiedergefunden werden – jedoch hat Chris durch diese Suche viele Freunde und sehr viel Menschlichkeit gefunden. Die gesamte Geschichte hat er dann in dem Lied „Grandpa‘s Wedding Ring“ verarbeitet. Würde ich jede Geschichte hier wiedergeben, die Chris erzählt und in seinen Liedern verarbeitet hat, würde es keine Rezension über den Folk Club werden, sondern ein Buch. Deshalb mein Rat, kommt einfach zum nächsten Folk Club persönlich, dann erlebt ihr alles live mit. Was bliebe noch zu sagen? Nun, z. B., dass Chris nicht nur eine hervorragendes Gitarrespiel mitbrachte (habe ich schon gesagt), sondern dass er auch stimmlich ein kleines Wunder für mich war. Spricht er doch eher in einer tiefen Tonart, so hatte er keine Probleme auch in hohen Stimmlagen zu singen, ohne einen einzigen Ton dabei gepresst wirken zu lassen - alles in allem für mich eine überaus gelungene Darbietung als featured artist (PS Ich habe seine CDs alle drei gekauft und jede bereits zweimal komplett und konzentriert angehört – das passiert bei mir nicht so häufig). Der Vollständigkeit halber möchte ich hier noch erwähnen, dass Chris die Lieder „Chaperone“, „Timeline“, „The Busker“, „Grandpa's Wedding Ring“ und „The Mountaineer“ in der ersten Hälfte, sowie „Good News Story“, „Northern Lights Over Nottingham“, „Derby Days“, „Our Worst Enemy“, „City Girl“ und „Retirement Plan“ spielte. Und zu „Retirement Plan“ sei noch zu sagen, dass er hierzu seine kleine Freundin – eine Ukulele – um Unterstützung bat, die ihm zwar gerne gewährt wurde, aber auch für ihn Arbeit bedeutete – er musste dieses Instrument nämlich selber spielen, was er allerdings hervorragend tat. Auch das Publikum wurde stimmlich in die Interpretation einbezogen und so verabschiedete sich Chris sehr gekonnt mit eben dieser Gemeinsamkeit.
Dem Schwärmen seien keine Grenzen gesetzt, denn nach der Pause kam wieder einmal Gert Müller auf die Bühne, wo er sich erst einmal für das Wagnis der Darbietung mit drastischen Worten einer – zumindest von den Meisten gefühlten – Wahrheit entschuldigte. Die kontinuierlich anhaltenden Lachsalven während seines Vortrages zeigten dann auch auf, dass diese Entschuldigung eigentlich gar nicht notwendig gewesen wäre, sprach er doch dem Publikum aus dem Herzen – apropos Herz: das Gedicht handelt von dem „Streit der Organe“ um die Führerschaft im Körper – wer ist der Boss. Nach Austausch vieler gewichtiger Argumente – jedoch ohne Einigung, zog der Ausgang eines körperlichen Hohlraumes sich selbst zusammen und bewies durch die schleichende Lahmlegung aller Körperfunktionen, dass nur er der Boss sein könne. Und so lautete das Fazit des Wettstreits: es kann nur ein wahres Arschloch Chef sein, der skrupellos und ohne notwendiges Wissen der Funktion der anderen Organe einfach alles zuscheißt.
Auch Wolfgang Schriefer musste seine inzwischen mehrjährige schlechte Erfahrung mit dem öffentlichen Personen-Nahverkehr loswerden. „Ich bin schon durch die ganze Welt gereist, aber von Köln nach Bonn zu kommen ist häufig unmöglich“. Mit einer kulturellen Anleihe (eigener Text zur Musik von Bryan Adams und Karat), beschrieb er sehr witzig von den Schwierigkeiten, die Strecke von seinem Zuhause zum Folk Club zu bewältigen. Auch hier gab es wieder sehr viele Lacher aus dem Publikum, denn – auch wenn vom ihm selbst nicht mit Liedtiteln belegt, so gab er mir die Erlaubnis eigene, passende Titel zu erfinden – mit dem „ÖPNV Jammer Song“ und der „Bonner Nordbrücke“ traf er nicht nur den geschundenen Nerv des Publikums, sondern auch die richtigen Worte, um aus einer Hoffnungslosigkeit eine zielgerichtete Sehnsucht zu machen.
Gerd Schinkel hat sich in letzter Zeit mit Auftritten rar gemacht – nun, jeder kommt mal in ein Alter, wo überlegt werden muss, auf welche Aktivitäten Priorität gelegt wird. Vor einer Weile hat es ihn noch zusätzlich erwischt, indem er leider einen Schlaganfall hinnehmen musste. Aber hat Gerd nicht schon immer gegen Missstände mit seinen Liedern gewettert? So auch jetzt. Mit seinem Lied „Schlaganphallus“ zeigte er witzig auf, dass er sich so leicht nicht besiegen lässt und sich wie ein funktionierender Phallus wieder aufrichtet. Aber nicht nur die Symbolik war gelungen, sondern es ist ein schönes Lied mit einer eingängigen Melodie und einem guten Text.
Für mich ein weiteres Hochlicht (Highlight) - oder doch eher ein genussvoller Lichtblick – war und ist Ute Brüggemann. Eine Stimme klar wie ein Gebirgsbach, sich jedem Hindernis anpassend, ohne dass der Gesamtfluss gestört wird, transparent bis auf den Grund und ohne jede Trübung. Sachlich in der Technik, doch bei Weitem nicht ohne Emotion – so kommt sie daher und fast egal, welches Lied sie interpretiert – die Attribute der Beschreibung ihres Gesangs bleiben immer konstant. So waren auch diesmal ihre Ausflüge in unterschiedliche Genres der Musik einfach nur toll anzuhören. In allen ihren Interpretationen, „Somewhere Over The Rainbow“ aus dem Zauberer von Oz, eine typische Ballade im Stile der 1920er bis 1940er Jahre, „No, No, Never“ ein deutscher Countrysong aus den frühen 2000ern und „Desperado“ ein Countryrocksong der Eagles aus den 70ern, zeigte Ute ihr Können eindrucks- und hingebungsvoll.
Über Chris‘ zweiten Auftrittsteil habe ich schon geschrieben, so dass nur noch zu erwähnen bleibt, dass es auch diesmal nicht zu spät für das gemeinsame Abschiedslied, bzw. die Huldigung des FCB-Patrons „Jock Stewart“ war und ein Heimweg in glücklicher, beseelter Stimmung eingeläutet wurde.
Aber ihr wisst: Nach dem Folk Club ist vor dem Folk Club und im November mit den featured artists Stereo Naked, deshalb
Out of the bedroom – kommt am 6. November zum Folk Club Bonn!
Euer Mario
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen