Montag, 1. Februar 2016

Detlefs Bericht vom Folk Club Nr. 65 am 1. Januar 2016


Folk Club am 1. Januar 2016 – Die Zeit vergeht

„Zeit“ – welch ein sinniges Thema für einen Folk Club am Anfang des Jahres und zumal am ersten Tag des Jahres, wenn es den Menschen vorkommt, als hätte man noch alle Zeit der Welt, um die guten Vorsätze für das neue Jahr umzusetzen. Aber wie schnell ist ein Monat vergangen, und es steht schon wieder ein neuer Folk Club vor der Tür. Das muss auch euer Chronist immer wieder erleben, wenn er nicht sofort mit den Berichten beginnt. Es bleibt der Trost, dass manche Dinge eben reifen müssen.
Das sich mit der Zeit auch interessante Erkenntnisse einstellen, hatte auch Eva Salgado erfahren, die zusammen mit Steve Perry und unserem Master John Harrison die Szene eines sogenannten „First Footing“ spielte. Bei diesem Brauch, der in Nordengland und Schottland beheimatet ist und der ungefähr übersetzt „der Erste, der im neuen Jahr über die Schwelle schreitet“ heißt, soll dieser Erste dem Haus Glück und bei seinem Eintritt ein Geschenk mitbringen. Eines dieser traditionellen Geschenke ist ein Stück Kohle, das Eva und Steve bei ihrer Ankunft dem „Hausherrn“ John überreichten. Die Kohle steht für Wärme, aber es gibt noch weitere rituelle Geschenke, die der „First Footer“ normalerweise mitbringt, darunter eine Münze (für Glück und Wohlstand), Brot (für Nahrung), Salz (für Geschmack) und Whisky (für Spaß und Freude).
Eva brachte dem Folk Club stattdessen eine Melodie auf ihrem galizischen Dudelsack mit – und nun kommt die interessante Erkenntnis – die sie als Jugendliche in Spanien immer in der Kirche gesungen habe, ohne zu wissen, dass es von einem Komponisten aus Bonn, ihrer späteren Heimat stammt. Es geht um die Beethovens Melodie zur Ode an die Freude – wie schön. Eva rundete ihren Auftritt mit einem rhythmischen galizischen Tanz ab.
John Harrison startete danach sein warm up mit einem selbstgeschiebenen Lied über einen ehemaligen Klassenkameraden namens Kieran Patrick Flannery, der mit 15 Jahren erhängt aufgefunden wurde – sehr traurig. Etwas, aber nur etwas, heiterer ging es zu beim Blues aus der guten alten Zeit „I’ll Turn Your Money Green“ (von Furry Lewis aus dem Jahr 1928), der von einem Mann handelt, der seine Frau überredet, bei ihm zu bleiben, denn er verspricht, aus ihrem Geld mehr zu machen. Aber leider, leider hat er auch einen gewissen Hang zum Alkohol. Bei der Eigenkomposition „Lemon Street Blues“ bezog sich John, ganz in seinem Element, dem traditionellen Blues, auf eine Situation, bei der man erst durch Verlust, oder Beinahe-Verlust, den Wert von etwas richtig schätzen lernt.
Gerd Schinkel und GW Spiller behandelten das Thema des heutigen Tages ganz im Sinne reifer Herren, nämlich mit einem Lied übers Älterwerden oder wie Gerd sich ausdrückt mit einer „Bilanz auf der Zielgeraden des Lebens“. „Manche Tage“ lautet der Titel einer von Gerds Eigenkompositionen, die wunderbar poetisch und humorvoll die Situation im fortgeschrittenen Lebensabschnitt schildert. Letztlich endet das Lied aber mit der sarkastischen Bemerkung „es bleibt auch sinnlos, wenn ich vor mir selbst weit fliehe, denn schließlich kommt ja doch am Ende jeder dran“ – wie wahr!
Die ähnliche Materie ist Gegenstand des Liedes „Brillejestell“, bei der Gerd in schönstem rheinischen Platt die zerstreute Suche nach der verlegten Brille schildert, die sich dann doch – oh Wunder – bereits op de Nas befindet – immer wieder köstlich und von Gerd und GW wunderbar vorgetragen.
Treue Gefolgsleute des Folk Club sind 2Sunny alias Tajana Schwarz und Ralf Haupts. „Catch the Wind“ von Donovan besingt den vergeblichen Versuch, das Flüchtige, Immaterielle einzufangen und hat damit auch einen Bezug zur flüchtigen und nicht einzufangenden Zeit. Wunderbar die zweistimmige Melodieführung der beiden mit dem besonders reizvollen Arrangement, bei dem die Frau die „Unterstimme“ singt. Ganz auf Tatjanas berückende Altstimme zugeschnitten sind die Lieder, mit denen einst die verführerische Zarah Leander das Publikum in Deutschland verzauberte. „Kann den Liebe Sünde sein?“ gehört zu den schönsten Liedern in Tatjanas Repertoire – großer Applaus.
Mit einem kleinen Lied in polnischer Sprache und dann noch a capella wartete Gerda Konietzny auf. „Kochać to znaczy powstawać“ drückt die Hingabe an Gott aus und der Liedtitel sagt, dass die Liebe immer wieder aufs Neue entstehen müsse.
Ein besonderes Schmankerl wartete auf das Publikum mit dem Auftritt von Ana Maria Leistikow und Thomas Neuhalfen. Ana und Thomas treten normalerweise mit ihrer Gruppe Astatine auf und waren auch bereits im Folk Club. Ana verkündete jedoch geheimnisvoll, dass sie sich aktuell schwerpunktmäßig anderen Aufgaben widme. Thomas hatte sie zu einem spontanen Auftritt im Folk Club überredet, bei dem Anas Gesang lediglich von Thomas auf dem Kontrabass begleitet wurde – eine sehr ungewöhnliche Kombination aber eine außerordentlich reizvolle. Thomas hatte für die Lieder eigens die Arrangements angepasst. Und hinein ging’s in die große Kunst des Jazzgesangs. Kurz gesagt, die Beiden präsentierten dem Publikum drei kleine Edelsteine, die unter anderem zum Repertoire von Ella Fitzgerald gehörten: „Bye, Bye Blackbird“, das 90 Jahre alte Stück von Ray Henderson ist zwar melancholisch, klingt aber nicht ein bisschen altbacken. Thomas brillierte mit einem gekonnten Basssolo. Das Lied „Honeysuckle Rose“ ist da schon ein bisschen fröhlicher, und Ana zeigte ihr gesangstechnisches Können mit schönen Dynamikwechseln und wunderbarer Gestaltung vor allem in den Höhen. Bei „Whisper Not“ hatte sich Ana richtig warmgesungen und schwang ihre tolle Stimme nach Belieben die Register hinauf und hinab – schade, dass der Auftritt der beiden mit diesem Lied schon beendet war – großer Applaus für Thomas und Ana.
Die Special Guests dieses Abends waren Jan Hoffmann (Gesang und Gitarre) und Volker Lindner (Geige), die als Duo „Folkscheuchen“ mit selbstgeschriebenen Liedern und Instrumentals auftreten. Den Einstieg bildete ein schwungvolles Instrumentalstück mit Anleihen an Klezmermusik. Direkt anschließend spielten sie das Lied „Eine klapprige Gestalt“, ein Lied über eine Vogelscheuche, die als Symbol der Vergänglichkeit dient. „Wir warten schon“ beschreibt die Gefühle von Musikern, die aufgeregt und nervös auf ihren Auftritt warten, wunderbar gesungen von Jan. Eindrücke aus der Jugendzeit beschreibt das Lied „Nachtwanderung“. „Bildersturm“ besingt die Eindrücke von Bildern die sich bei Jan, der das Lied geschrieben hat, als Kind in seinem Kopf abgespielt haben – beeindruckend. Ebenfalls sehr persönliche Eindrücke schildert das Lied „Große Liebe“. Darin geht es um eine Zeit, die man abschließt, und dieser Abschied von der Vergangenheit ist mit inneren Dramen verbunden – wunderbar gesanglich und melodisch umgesetzt von den beiden. Auch in die Kategorie „Bedrückende Erfahrungen“ gehört das Lied „Urlaubsangst“, das von einer tragischen Erfahrung auf einer Reise handelt. Lieder, die sich mit eher verstörenden Empfindungen und Erfahrungen beschäftigen, scheinen die Spezialität der Folkscheuchen zu sein. Mit „Drowsy Maggie“ einem fröhlichen Instrumentalstück aus Irland verabschiedeten sich die beiden dann unter großem Applaus von Ihrem Publikum
Aber das waren beileibe nicht alle Glanzlichter des Abends. Da gab es noch Dieter Faring, den begeisternden Gedichterezitator, der uns zum Jahresbeginn ein Potpourri von Liedern und Gedichten aus seinem Repertoire, teilweise ein wenig abgewandelt präsentierte: „Glückauf, das Neujahr kommt“, „Das alte Jahr, es ist nun futsch“, „Was torkelt seitdem durch Nacht und Wind?“ „Happy Neujahr“ waren einige seiner Beiträge. Nachdenklich und hintergründig war das Januargedicht von Erich Kästner, dem scharf- und hintersinnigen Beobachter der Zeitläufte, und dies ebenfalls nicht ohne, dass Dieter eine kleine Zeile eingeflochten hätte. Auch das Turmuhrgedicht von Heinz Erhardt durfte nicht fehlen. Bravo Dieter, für deine humorvollen Mitbringsel.
Drei weitere Edelsteine bescherte uns Bernd Wallau zusammen mit seinen Nachtigallen Monica Baron-Kroker und Sabine Hochstädter. Bernd erinnerte daran, dass wir uns ja noch in der Weihnachtszeit befanden und begleitete auf dem Klavier Monica und Sabine bei dem Kitsch-Klassiker „Happy Birthday Jesus“. Die drei brachten aber das Kunststück fertig, das Lied zu „entkitschen“ und präsentierten eine zauberhafte zweistimmige Version mit sparsamer aber wirkungsvoller Klavierbegleitung. Kirchenmusiker Bernd ist eben ein Profi, und Monica und Sabine haben ein feines Gesangsgefühl.
Herrlich mit a capella Gesang interpretierten die Drei das berühmte Lied von Carl Loewe „Die Uhr“ nach dem Text von Johann Gabriel Seidl. Das Gedicht, das in unverschnörkelter Weise aber höchst kunstvoll den Gang des Lebens über das Bild einer Uhr beschreibt, wurde von Carl Loewe mit einer ebenso einfachen wie eindriglichen Melodie vertont.
Etwas humorvoller aber zugleich anrührend war die Moritat vom Lebkuchenmann Leo Spekulatius, der zunächst vergessen wurde und dann später die ihm gebührende Beachtung bekam. Mit Monicas hellem Sopran und Sabines Altstimme klang das an sich so einfache Kinderlied ausgesprochen apart, und auch Bernd steuerte eine einstimmig gesungene Strophe bei. Hier zeigte er mit leichten Einsatzverzögerungen des Gesangs gegenüber seiner Klavierbeleitung stilistische Meisterschaft.
Nun, das war beileibe noch nicht alles, was der Abend zu bieten hatte. Benedict Steilmann präsentiert mit „Time“ ein zum Thema des Abends passendes Lied von Tom Waits. Er konnte zwar nicht mit der Reibeisenstimme von Tom Waits aufwarten (wer kann und will das schon?), aber schön gesungen und auf der Gitarre begleitet war es allemal.
Etwas fürs Gefühl präsentierte danach eine siebenköpfige Combo bestehend unter anderem aus Steve Perry, John Harrison, Gabriela und Gunter Engel und Regine Mertens mit „Amazig Grace“ und „Auld Lang Syne“. Das war natürlich auch etwas zum Mitsingen für die Gemeinde. Die Combo hatte für den Auftritt mit Didgeridoo, Harfe und Tin Whistle eigens ein paar im Folk Club nicht so alltägliche Instrumente mitgebracht, und als kleine Anmerkung von unserem Master John: Es war das erste Mal, das bei einem Auftritt im Folk Club die keltische Harfe und die Blues „Harfe“ (auch Mundharmonika genannt) gemeinsam erklangen – hoffentlich stimmt’s.
Steve Perry, Mario Dompke und Benedict Steilmann taten sich danach zu einem Trio zusammen, um das unsterbliche Bluegrass-Stück „Dim Lights, Thick Smoke and Loud, Loud Music“ zum Besten zu geben. Ein Lied, das wie aus einer längst vergangenen Zeit anmutet, denn dem „Thick Smoke“ haben die Tugendwächter erfolgreich den Garaus gemacht. Wer weiß, vielleicht folgt auch bald ein Verbot lauter Musik. Dann hätte der Folk Club einen klaren Wettbewerbsvorteil.
Mario hatte noch einige seiner Eigenkompositionen auf Lager. „Off’ne Wunden heilen schnell“ lautet der Titel eines Liedes mit dem bedrückenden Thema Kindesmissbrauch, das aber als Kontrast in einer eher friedliche Melodie daher kommt. Uta Schäfer gesellt sich dazu bei den Liedern „Jeder gehört nur sich allein“ über die Liebe und „Smartphone Symphonie“ über den Zwang, den die kleinen Wunderdinger auf uns ausüben. „Hallo mein liebes Smartphone, wie fandest du uns’re Nacht?“ lautet eine Zeile aus dem zugleich witzigen wie nachdenklichen Lied.
Wie Ihr aus dem Bericht leicht ersehen könnt, ging wieder ein vollgepackter und unterhaltsamer Abend dem Ende entgegen, nicht aber ohne die übliche Krönung durch den ollen Rausschmeißer „Jock Stewart“, den die Gemeinde mit Inbrunst sang. Bald können alle das Lied auswendig, und euer Chronist kann die Anzahl der Textblätter, die er jedes Mal anschleppt, deutlich reduzieren.
Auf Wiedersehen am 5. Februar mitten im Höhepunkt der fünften Jahreszeit. Das Programm mit David Blair aus Kanada und den anderen vorliegenden Anmeldungen sieht allerdings ganz unkarnevalistisch aus. Viel Spaß verspricht es jedoch auf jeden Fall auch ohne Alaaf.

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Detlefs Bericht vom Folk Club Nr. 64 am 4. Dezember 2015


Folk Club Nr. 64 am 4. Dezember 2015 – Scheiden und Trennung

Ja, Scheiden und Trennung, das ist ein gutes Thema für einen Folk Club Abend, sind doch die schmerzlichen Erfahrungen ohnehin die besten und ergiebigsten Initialzündungen für Musikstücke. Lieder in Moll gehen nun einmal tiefer unter die Haut als die in zackigen Durtonarten.
Um uns das Scheiden aus dem alten Jahr zu versüßen, hatte sich ferner erneut Simon Kempston aus Edinburgh angesagt – mittlerweile schon eine sehr schöne Tradition.
John Harrison startete den Abend mit einem Klassiker, den er a capella vortrug: „Close the Coalhouse Door“ von Alex Glasgow besingt den heftigsten aller Abschiede, den Tod. In dem Lied geht es um die Gefahren und die vielen Blutopfer, die mit dem Bergbau verbunden sind. Das Lied erinnert unter anderem an das Unglück von Aberfan in Wales im Jahre 1966, als eine Abraumhalde eines Kohlebergwerks durch heftigen Regen ins Rutschen geriet und eine Grundschule unter sich begrub. 116 Kinder und 28 Erwachsene fanden den Tod.
Hierzulande wenig bekannt ist eine Begebenheit aus dem englischen Bürgerkrieg im Jahre 1649, die mit dem Lied „The World Turned Upside Down“ von Leon Rosselson. Dabei ging es um die „Levellers and Diggers“, eine vordemokratische Bewegung in England, die Land besetzten und in allgemeine Nutzung nahmen. Oliver Cromwell machte dieser anarchistischen Bewegung 1649 den Garaus.
Noch einmal um Abschied geht es bei dem Lied „Goodnight Irene“ von Huddy William Ledbetter, besser bekannt als „Leadbelly“. Das Lied wurde von zahllosen Berühmtheiten gesungen und gespielt. John befindet sich in sehr guter Gesellschaft.
Etwas Außergewöhnliches präsentierte uns Gert Müller (extra mit „t“ geschrieben, also nicht der Bomber der Nation und auch nicht unser Bundesminister für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Gert ist schlicht e bönnsche Jung und Kollege von Steven Perry in der Crew, die die tolle Rock’n’Rollator Show aufführt. Die Geburtsgeschichte des Herrn mal anders vorgetragen, nämlich in witziger Reimform („dat schöne Marie un dä Zimmermann Jupp“) un op Bönnsch Plaat, das begeisterte das Publikum. Bravo Gert, dat häste super vüürjedrage!
Gerd Schinkel und GW Spiller holten uns danach gleich wieder in die Aktualität zurück (die irgendwie ja auch mit dem Gedicht von zuvor zu tun hat). Das Thema ihres Liedes waren die schrecklichen Ereignisse von Paris. Das Lied war Musik als Ausdruck machtloser Wut aber auch Musik, die trösten soll.
Emi und Noah kommen aus dem Dunstkreis von Ursel Quint, die an der Bonner Musikschule Klavier unterrichtet (und ganz nebenbei zusammen mit unserem Gefolgsmann Barry Roshto abgefahrene Klangprojekte konzipiert und aufführt). Zu Noahs Klavierbegleitung ließ Emi ihre tolle Singstimme hören und präsentierte drei Lieder von Birdy (bzw. Lieder, die durch Birdys Interpretation bekannt geworden sind): „Shelter“, „People, Help the People“ und „Skinny Love“. Die Lieder von Birdy scheinen offenbar viel jüngere Sängerinnen zu inspirieren, denn im Folk Club waren sie nicht zum ersten Mal zu hören. Emis Interpretation sorgte aber für begeisterten Applaus. Vielleicht hat das Folk Club Publikum ja einmal wieder das Vergnügen.
Ein alter Bekannter im Folk Club ist Christian Schuster, der uns schon oft unter anderem mit rumänischen Liedern begeistert hat. Seine Wahl für sein erstes Lied an diesen Abend fiel aber auf das Lied „The Thrill is Gone“ von Altmeister B.B. King. Mit gekonnter Gitarrenbegleitung sang Christian diesen Bluesklassiker (mit zum Thema des Abends passendem Text). Christians Stimme ist zwar nicht sehr laut, aber er singt und spielt wunderbar stimmig. Das Publikum dankt ihm mit dafür mit aufmerksamer Stille – eine wunderbare Atmosphäre! Weitere Lieder von Christian waren „Home“ von Michael Bublé und „Let her Go“ von Passenger nicht minder passend zum Thema und ebenso herrlich vorgetragen.
Simon Kempston aus Edinburgh hält dem Folk Club seit Jahren die Treue und stellt alljährlich seine neuesten Kompositionen vor. An diesem Tage war gerade in direkter Autofahrt durch die Nacht aus Sheffield in England angereist. Von den Strapazen der Reise war ihm allerdings nichts anzumerken. Sein erstes Lied hieß „Tell Me What True Love Is“ Simon hatte ganz gegen seine Gewohnheit hierfür die normale Gitarrenstimmung gewählt. Aus seinem neuen Album „The Last Car“ präsentierte er das Lied „The Consequences of a Kiss“, dem er ein instrumental gespieltes Gitarrenstück, einen „Jam“ vorangehen ließ. „Flotterstone Jam“ heißt das Stück, nach dem Pub außerhalb von Edinburgh, in dem das Stück entstanden ist.
Auf Simons Frage nach der hässlichsten Stadt Deutschlands nannte das Publikum viele Orte, Cottbus war allerdings nicht dabei. Vielleicht war von den Zuhörern noch nie jemand in dieser Stadt gewesen. Offenbar hatte Simon hier die Kulmination hässlicher deutscher Städte lokalisiert. Somit nannte er seine Heimatstadt Dundee das Cottbus von Schottland. In Dundee war aber nicht der Krieg und hässliche Nachkriegsarchitektur sondern ein chaotisch verlaufendes Stadtentwicklungsprojekt ohne Kriegseinfluss schuld an einer nun verkorksten Stadt. „A City Beautiful“ ist Simons satirisch, wehmütiger musikalischer Beitrag zu dieser Entwicklung. Mit einer sphärisch schwebenden Melodie begleitet Simon seine Ballade über den gescheiterten Stadtentwicklungsplan.
„Hot Lady in My Bedroom, I Need a Whisky“ – welcher Mann wünschte sich das nicht – ist der Titel eines zarten Instrumentalstückes, dessen Melodie Simon mit dem Ringfinger spielt und mit der übrigen Hand kunstvoll begleitet – berückend! „Down From the Dock“ besingt das Schicksal zweier Krimineller aus Edinburg, die wegen der Feigheit des Einen letztendlich gefasst werden.
Ebenfalls eine Geschichte über das Scheitern erzählt das Lied „She Saw it Coming“ über einen berühmten französischen Rugbyspieler, der sich nicht mit dem Leben in Berühmtheit einrichten konnte und letztendlich unter Alkoholeinfluss seine Frau erschoss. „You And I Must Remember Them“, ebenfalls aus dem jüngsten Album, erzählt über die Trauer der Hinterbliebenen der Opfer einer Explosion auf einer Ölbohrinsel. Die Stimmung wird wunderbar durch die immer wiederkehrenden Tonartwechsel wiedergegeben. Weitere Stücke waren „Underdog Soldier“ und „Ladies Lookout“. Zum Schluss seines Auftritts wartete Simon noch mit zwei wunderbar gespielten und gesungenen Coversongs auf: „I Can’t Turn Back the Years“ von Phil Collins und „Caledonia“ von Dougie McLean – Riesenapplaus für eine beeindruckende und bewegende Darbietung.
Simons wortgewaltige Lyrik kombiniert mit genialen Kompositionen, virtuosem Gitarrenspiel und grandioser Stimmbeherrschung machen ihn zu einem wirklich großen Musiker dieser Tage. Wir können uns glücklich schätzen, ihn mittlerweile zum Freundeskreis zu zählen.
Zwischen Simons zwei Auftritten gab es aber noch Weiteres zu hören: Nach der Pause heizten John Harrison, Mario Dompke, Steve Perry und Barry Roshto der Gemeinde mit dem Klassiker „Good King Wenzeslas“ ein, bei dem Steve grandios einen Dudelsack imitierte – herrlich.
Jutta Mensing steuerte a capella ein stimmungsvolles Lied in Plattdeutscher Sprache aus Ihrer norddeutschen Heimat bei. "Ik wullt wi weern noch klein, Jehann" besingt die Sehnsucht nach einer scheinbar heilen Welt der Kindheit.
Karin Schüler und Thomas Neuhalfen interpretierten Katie Meluas trauriges Lied „It’s Only Pain“ mit viel Bravour.
Als „Mikado“ präsentierten sich Thomas Bandholz, Steve Perry, Barbara Kloep und GW Spiller und machten mit ihren Liedern dem Thema des Abends alle Ehre: „One More Cup of Coffee“ von Bob Dylan – wie könnte die Situation des Scheidens nach einer Nacht mit einer schönen Frau, die jedoch nicht liebt, stimmungsvoller besungen werden. „Bye, Bye Love“ von den Everly Brothers hätte an diesem Abend nicht fehlen dürfen, und zu Lou Reeds „Good Night Ladies“ passte GW Spillers Tuba mit ihrem sonoren Bassklang wunderbar.
Mit einigen Liedern, die zum Thema des Abends und zur aktuellen Völkerwanderung passt, gingen Mario Dompke und Uta Schäfer auf die Bühne. „Ein stolzes Schiff“ ist der Titel eines Liedes, dessen Text Heinrich Schacht Mitte des 19. Jahrhunderts im Blick auf die Auswanderer schrieb, die wegen wirtschaftlicher Not oder auch politischen Drucks in die Neue Welt emigrierten. Die Melodie stammt von Erich Schmeckenbecher, einem Mitglied der Gruppe Zupfgeigenhansel. Mario hat das Lied auf die aktuelle Situation der Flüchtlingsströme umgetextet. Nicht umgetextet, aber noch immer aktuell ist das bittere Lied mit den Worten von Theodor Kramer aus dem Jahr 1938 „Andre, die das Land sosehr nicht liebten“. Das Lied mit der Melodie von Zupfgeigenhansel beschreibt die seelische Not dessen, der um der eigenen Sicherheit willen besser ins Ausland ginge, es aber kaum fertig bringt, seine Wurzeln zu kappen. Der Auftritt der beiden endete mit Marios Kampflied aus eigener Feder „Schließt euch alle zusammen“, bei dem die Gemeinde fleißig mitsang.
Der Abend durfte natürlich nicht zuende gehen ohne das gemeinsam gesungene „Jock Stewart“.
Die letzte Ausgabe des Folk Club Bonn im Jahr 2015 war wieder eine runde Sache mit vielen Glanzlichtern und einer gehörigen Menge an Glückshormonen. Es macht Appetit auf mehr im Neuen Jahr 2016. Auf Wiedersehen am 1. Januar!

Dienstag, 29. Dezember 2015

Detlefs Bilder vom Folk Club 64 am 4. Dezember 2015

Master John Harrison
Gert Müller mit der Geburtsgeschichte Jesu op Bönnsch Plaat



GW Spiller


Gerd Schinkel
Noah
Emi



Christian Schuster
Simon Kempston aus Edinburgh


John, Mario Steve und Barry




Jutta Mensing trägt ein plattdütsches Gedicht vor
Karin Schüler und Thomas Neuhalfen
 


 Mikado alias Thomas Bandholz, Barbara Kloep, Steve Perry und GW Spiller
 

GW Spiller auch mit Tuba





Uta Schäfer und Mario Dompke

Jock Stewart zum Abschluss