Donnerstag, 3. Januar 2019

Detlefs Bericht vom Folk Club Nr 97 am 7. Dezember 2018


Folk Club Nr. 97 im Dezember 2018 – Special Guest aus Schottland und viele Züge

Inzwischen ist es eine liebgewordene Tradition: Im Dezember bekommet der Folk Club Besuch aus Edinburgh. Simon Kempston, der rastlose schottische Poet an der Gitarre erweist dem Folk Club die Ehre. Wir dürfen dann ungefähr das erste Publikum sein, das die Lieder seiner jeweils neuen CD zu hören bekommt, die alljährlich kurz vor Dezember das Licht der Welt erblickt. Simon, der dem Folk Club schon vor längerem mit dem Prädikat „Best Folk Club outside Scotland“ adelte, setzte diesmal noch einen drauf. Unser Folk Club sei einfach der Beste, sagte er, und das nicht nur außerhalb seiner schottischen Heimat. So viel Lob muss man erst einmal verdauen. Aber wer sich Simons Gig-Liste einmal anschaut, der weiß, dass der Mann sich solche Aussagen durchaus leisten kann. Man hat den Eindruck, dass er in seiner nun schon über zehnjährigen Tournee-Karriere so gut wie alle kleinen und kleineren Spielstätten in Europa aufgesucht hat. 

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Eines der Geheimnisse des Folk Clubs ist der Verzicht auf jegliche Art von elektrischer Verstärkung. Die Unmittelbarkeit des Musikerlebnisses verzaubert die Zuhörer, das reflektiert auf die Musiker, und die wiederum spiegeln den Zauber verstärkt zu den Zuhörern. Die Resonanz aus der Zuhörerschaft ist offenbar ein Faszinosum für die Musiker. Anders ist der Zulauf kaum zu erklären, den der Folk Club von Musikern aller Art hat. Auch im kommenden Jahr machen wieder einige Künstler auch aus dem Ausland Station bei uns, denen es bei ihrem früheren Besuch hier gut gefallen hat, darunter sind Daria Kulesh aus England (Folk Club im April), die vorigen Mai bei uns eine umjubelte Vorstellung gab und Juhana Iivonen aus Finnland (Folk Club im November), der im Februar 2018 erstmals im Folk Club zu Gast war. Auch Simon Kempston hat den Folk Club im kommenden Dezember schon wieder fest im Blick. Macht euch zumindest für diese Abende schon einmal ein Kreuzchen in die Kalender. Das gilt nur für diejenigen (ganz offensichtlich wenigen), die nicht ohnehin jeden ersten Freitag im Monat dick mit dem Vermerk „Folk Club“ markiert haben.

Bevor aber euer Chronist in Schwärmerei abgleitet, will er auch noch ein paar Zeilen über die Ereignisse des Abends loswerden:
Mit einer ganz besonderen Interpretation des Themas des Abends (zur Erinnerung: „Lieder über Züge“) wartete unser Impresario John Harrison auf, an der Geige begleitet von Eva Hennekens: Ihr Lied „Over the Hills and far Away“ handelt von ganz besonderen Zügen, Feldzügen nämlich. Das Lied aus dem Endes des 17. Jahrhunderts über einen Soldaten in den damaligen britischen Armeen hat bis heute zahlreiche textliche Versionen bekommen. Von Blues-Altmeister Sam (Lightnin‘) Hopkins stammt das Lied „What’d I Say“. Den Bezug zu Zügen macht die Aussage des enttäuschten Liebhabers: „I'm gonna ship you back to Arkansas“. John und Eva ergänzten sich perfekt, und Eva zeigte ihr Können an der Geige mit einer wilden Improvisation. Bei Curtis Mayfields Lied „People Get Ready“ bekamen die beiden Gesellschaft von John Hurd an der Gitarre. Hier fährt der Zug zum Jordan – eine alte Anspielung im Blues und in vielen Gospels an die Fahrt in Richtung Jenseits. John Hurd und Eva präsentierten zum Schluss des Sets Ralph McTells trauriges Lied „Terminus“. Die „Endstation“ ist letztlich auch eine Allegorie für das Jenseits, das Jeden von uns früher oder später erwartet. McTell ist den meisten von uns sicherlich durch das unsterbliche Lied „Streets of London“ bekannt.

Weniger mit Zügen sondern mehr mit dem bevorstehenden Weihnachtsfest hatte Gert Müllers Gedichtvortrag über die biblische Weihnachtsgeschichte zu tun, aber natürlich umgedichtet op Bönnsch Plaat. Nun, heute wären Maria und Josef vielleicht mit der S-Bahn von Nazareth nach Bethlehem gefahren (ist ja eigentlich nicht weit – in Luftlinie weniger als von Bonn nach Köln). Aber vielleicht hätten sie sich gar nicht auf den Weg zu machen brauchen, da die römische Regierung für die Volkszählung auch die Online-Teilnahme ermöglicht hätte. Alles dies gab es vor 2000 Jahren noch nicht, und so kam es zu der folgenschweren Begebenheit in Bethlehem – in Bonner Dialekt von einem echten „Eingeborenen“ vorgetragen ein köstlicher Ohrenschmaus.

Holger Riedel wurde von meinem schreibenden Mitstreiter Mario Dompke einst als „musikalisch mutiger Felsen in der Brandung von Tönen“ charakterisiert. Das ist eine wirklich großartige Beschreibung. Holger hat aber auch eine feine Beobachtungsgabe, und aus der Kombination beider Eigenschaften ist das herrliche „Schrankenlied“ über die Warterei an den Eisenbahnschranken in der Bonner Südstadt entstanden. Ich bin sicher, Holger zielt speziell auf die üble Schranke an der Lessingstraße, die tagsüber länger geschlossen als geöffnet ist. Holger wurde bei seinem musikalischen Kabarettstück begleitet von Uta Schäfer auf dem Waschbrett, John Harrison an der Mundharmonika, Thomas Neuhalfen am Kontrabass und Mario Dompke am Banjo.

Mal eben so hereingeschneit kamen Tatjana Schwarz und Ralf Haupts alias „2Sunny“, die als „Walk ins“ zwei schöne Lieder zum Thema beisteuerten. Ikonenstatus hat das Lied „Freight Train“ von Elizabeth Cotten. Das kleine, aber bezaubernde Stück über vorbeifahrende Güterzüge hat, wie bereits vorher kommentierte Lieder, den Tod und die Fahrt ins Jenseits zum Thema – das ist schon bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass Cotten erst ungefähr 11 Jahre alt gewesen sein soll, als sie das Lied um 1900 schrieb. In der Interpretation mit Ralfs gekonnter Gitarrenbegleitung und Tatjanas berückender Altstimme ein besonderes Erlebnis. „Long Train Running“ von den Doobie Brothers war der zweite Beitrag der beiden gar nicht zu Sonnigen, die viel Applaus für ihre Vorstellung bekamen.

Chris Biederwolf macht sich immer mal wieder aus „der Gegend von Hannover“ (genauere Angaben über seine Herkunft gönnt er uns nicht) auf den Weg zum Folk Club. „Wagon Wheel“, basiert auf einem Lied, das Musiker in den 1960er Jahren von Bob Dylan geklaut haben (netter Euphemismus „Bootleg“) und passt natürlich hervorragend zum Thema des Abends. Chris hatte aber auch eine eigene Kreation im Banjo-Mandolinen-und-Mundharmonikakoffer. Zusammen mit GW Spiller präsentierte er ein Lied über die erste deutsche Eisenbahn, die 1835 von Nürnberg nach Fürth fuhr. Die offizielle Eröffnung fand – und das ist der eigentliche Clou – auf den Tag genau (7. Dezember) vor 183 Jahren statt. Eigentlich war die Bahn schon zahlreiche Male vorher gefahren. Das waren aber Probeläufe, hauptsächlich um die Bremsen zu testen. Damals hatte man keinerlei Problem damit, bei den Probefahrten auch zahlende Passagiere mitfahren zu lassen. Die Eröffnung fand hingegen mit geladenen Gästen statt. Bravo Chris, für das feine Lied mit lehrreichem Hintergrund.

Als „Sparkling Lights“ präsentierte sich eine vierköpfige Truppe bestehend aus Karin Schüler (Gesang), Gerald Löhrer (Gesang und Gitarre) und Thomas Neuhalfen (Kontrabass), die durch den Gitarrenvirtuosen Werner Krotz-Vogel (diesmal aber mit einer schönen Balalaika) unterstützt wurden. Sie hielten sich zwar nicht an das Thema des Abends, entschädigten aber mit ihren wunderbaren Bossa Nova-Liedern. „Agua de Beber“ des Brasilianers Carlos Jobim schien für Karins Gesangsstimme wie gemacht. Ebenfalls von Carlos Jobim (vollständig hieß er ja Antônio Carlos Brasileiro de Almeida Jobim) stammt das Lied „Desafinado“, das anders als sein Titel ankündigt, keineswegs leicht verstimmt war. Bei „Corcovado“ (der Bucklige) hatten die Vier das Publikum endgültig in ihren Bann geschlagen – es war mucksmäuschenstill. Auch das Lied „Vou te Contar“ (auch bekannt unter dem Titel „Wave“) gehört zu den zahlreichen Bossa Nova-Standards aus der Feder Jobims, die sicherlich jeder schon einmal gehört hat, deren Titel aber längst nicht jedem geläufig sind. Karin präsentierte die Lieder auf Englisch und nicht auf Portugiesisch, aber das verzeihen wir ihr gern – Riesenapplaus für das Quartett.

Es ist das Los der besonderen Gäste des Abends im Folk Club, dass sie als letzte vor der Pause drankommen und meist viele andere Akteure vor ihnen ihre Lieder spielen dürfen. Aber ein Profi wie Simon Kempston kennt das bereits und hat offenbar nichts dagegen einzuwenden. 

Wenn er die Bühne betritt, spürt jeder, dass es etwas Besonderes zu erleben gibt. Wir haben seine Entwicklung hier über die Jahre verfolgen können und sind beeindruckt. Dieses Jahr präsentierte er fast ausschließlich seine Lieder von der neuen CD „Broken Before“, die einen tiefen Einblick in sein Seelenleben erlauben. Wie der Titel der CD andeutet, handeln die meisten Lieder des neuen Albums von Beschwernissen des Lebens, unerfüllter und unerwiderter Liebe und darüber, wie Menschen damit fertig werden oder auch manchmal daran zugrunde gehen. Lieder Grau in Grau meint ihr? Mitnichten! Mit feinfühliger Poesie, zarten Melodien, vorgetragen mit perfekt beherrschter Gitarrenbegleitung (in DADGAD-Stimmung) und klarer und volltönender Stimme umkleidet Simon seine Geschichten, die unsereiner sicherlich mehrmals hören oder auch lesen muss, um sie in sich aufzunehmen. Wer hierzulande versteht schon beispielsweise folgende Zeilen beim ersten Mal (englische Muttersprachler mögen diesen Part bitte gnädig überspringen):

„I can be relentless, a temper furious. Boredom can cause me to stray. But if can battle bedlam, stave off loss, perhaps we’ll find our way“.

Dies ist der Schluss des Liedes „Run With You, Darling“, mit dem Simon sein Set eröffnete. Damit wird Zuversicht für eine gemeinsame Zukunft mit der Liebsten ausgedrückt. Die Sache hat aber auch ihre Tücken. „Your Breaking Heart“ ist das Bekenntnis zu einer gescheiterten Liebesbeziehung und eine Klage über die Unfähigkeit, sie ohne Blessuren zu beenden. Und auch „Love Her Still“ besingt eine vergangene Liebe, die noch nicht ganz erloschen aber unerreichbar geworden ist. 

„Mit „Broken Before“ setzt Simon ein musikalisches Denkmal für einen Boxer, den er in Glasgow getroffen hat. Natürlich, wie könnte es auch anders sein, ist der Boxer kein Siegertyp, sondern einer, der viel Male Niederlagen einstecken musste. „He Remembers You“ greift wieder das Thema von ungleich verteilter Hingabe in einer Liebesbeziehung auf. Die Leichtigkeit der Melodie steht dabei aber in krassem Gegensatz zum beschriebenen Thema. Dass das Lied „I Would Not Take This Chance Again“ die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl als Hintergrund hat, muss man auch erst gesagt bekommen. Das Lied entstand bei einer Reise in die Ukraine und illustriert die zerrissenen Gefühle eines Menschen, der in der Gegend des Unglücks lebt. Auch die zwiespältige Situation in der rheinischen Tagebauregion hat Simon zu einem Lied inspiriert: „Time Now to Go“ lautet der Titel. Auch in diesem Fall ist es ein Betroffener, der aus der Gegend fortziehen muss, dem Simon mit seinem Lied eine Stimme verleiht. „Mohammad’s Story“ skizziert die gefahrvolle und von rasenden Ängsten begleitete Flucht aus dem Kriegsgebiet und die totale Erschöpfung bei der fast nicht mehr für möglich gehaltenen Ankunft im sicheren Land. „Who Took Ivan’s Soul?“ greift das alte Thema von einem Menschen auf, der für den Erfolg seine Seele an den Teufel verkauft. Trotz seiner Siege wird der Pariser Schachmeister nicht glücklich.

Für aufgehelltere Stimmung sorgte Simon mit den Instrumentalstücken „The Winter Chimes of Romainmôtier“ (Eindrücke eines Konzertauftritts in dem Schweizer Kloster im Kanton Waad) und „Onwards She Travels“ (ein Stück aus Simons Instrumental-CD von 2017). Insgesamt also keine leichte Kost, aber außerordentlich hörenswert und besonders genussvoll in der Live-Präsentation von Simon Kempston. Simon hat sich bereits für den 6. Dezember 2019 angemeldet. Wie schon eingangs gesagt, macht euch auch hierfür schon einmal ein dickes Kreuz in den Kalender. Der Nikolaus kann warten.

Nun, euer Chronist hat die Abfolge der Ereignisse etwas verfälscht. Zwischen Simons zwei Auftritten gab es noch ein paar andere, sehr hörenswerte Sets. Nach der Pause eröffnete Barry Roshto mit dem alten Frank Sinatra-Lied „In the Wee Small Hours of the Morning“ die Bühne – wunderbar vorgetragen und auf dem Klavier begleitet. Barry widmete das Lied einem Musiker, der schon oft im Folk Club aufgetreten ist, der aber zurzeit schwer erkrankt ist und den Berichten zufolge mit dem Tode ringt.

Aus der Kategorie „leichtere Kost“ präsentierte Wolfgang Schriefer das schöne Lied „Homeward Bound“ von Simon und Garfunkel. Leicht umgedichtet in „Why Don’t We Do it in the Train“ und damit an das Thema des Abends angepasst hatte Wolfgang das Lied von dem berühmten „Weißen Doppelalbum“ der Beatles. „My Body is a Cage“ von Peter Gabriel ist ein Stück, dessen Text man nach Wolfgangs Aussage anders interpretieren kann je nachdem ob man alt oder jung ist. Wolfgang schlug den Bogen zur Eisenbahn mit der Aussage „Gefangen sein im Zug“. Ganz gleich, ob man der Verbindung folgen mag, ein Lied, das den Zuhörer gefangen nimmt, ist es allemal und gekonnt vorgetragen zudem – Viel Applaus für Wolfgang!

Volker Lindner und Jan Hoffmann alias „Die Folkscheuchen“ hatten Ihr Repertoire nach passenden Stücken durchforstet und waren fündig geworden: Von „Locomotive Breath“ von Jethro Tull haben die beiden eine schwungvolle Version für Gitarre (Jan) und Geige (Volker) auf Lager, die so richtig schön rockt. Komplett aus eigener Feder ist das witzige Lied über den Zug nach Flensburg. Die Reisenden haben nur ein Ziel: den Gerstensaft aus der Flasche mit dem „Plopp“.

Aus der Wohlfühlecke bedienten sich Steve Perry, Regine Perry-Mertens und Mario Dompke mit dem Lied „Lightning Express“. Das gefühlvolle Lied, das die Everly Brothers bekannt gemacht hatten, besingt einen Jungen, der ohne Fahrschein mit dem Zug zu seiner sterbenden Mutter fährt und den Zugschaffner bekniet, ihn nicht aus dem Zug zu werfen – herzerweichend! Das sollte mal einer bei der Deutschen Bahn versuchen! Immerhin, auch der amerikanische Schaffner musste erst dadurch besänftigt werden, dass die anderen Fahrgäste für den Fahrschein zusammenlegten, Das ist noch uramerikanischer Gemeinschaftssinn. Ein eher fiktionaler Zug ist der „Wabash Cannonball“, dem Ende des 19. Jahrhunderts ein Lied gewidmet wurde. Um den Zug ranken sich den Berichten zufolge mindestens so viele Legenden, wie es Textversionen von dem Lied gibt. Wie dem auch sei, es ist ein schönes Country-Lied, das von den Dreien mit Inbrunst und Können vorgetragen wurde. Zu guter Letzt stellte das Trio ein witziges Lied vor, das von den Wise Guys stammt: „Deutsche Bahn“ mit der Refrainzeile „Sssenk ju for trewweling wiss Deutsche Bahn!“ ist eine Persiflage auf die Unzuverlässigkeit und die zahlreichen Zumutungen der DB – zum Piepen!

Immerhin, ist die Bahn auch unkalkulierbar geworden, auf den FC (nicht den aus Kölle, sondern den aus Bonn) kann man sich verlassen: Am 4. Januar 2019 hält er wieder pünktlich um 19.00 Uhr an Gleis 1 in Dottys Dottendorfer Bahnhof. Im Sonderwagen fährt diesmal Gerd Schinkel mit seinem Trio ein und hat im Gepäckwaggon einen musikalischen Jahresrückblick verstaut. In der ersten Klasse reisen aber zahlreiche weitere illustre Gäste an. Lasst euch überraschen.