Montag, 23. Dezember 2013

Detlefs Bericht vom Folk Club 43 im Dezember 2013


Folk Club 43 im Dezember – Gitarrenkunst und Poesie

Fast schon zur Tradition des Folk Club gehört der schottische Liedermacher und Gitarrenvirtuose Simon Kempston. Bereits zum dritten Mal beehrt er unseren Club jeweils im Dezember. Diesmal hatte er es sich nicht nehmen lassen, in original schottischer Kleidung, also mit Kilt, in den Farben, dem Tartan, seiner Familie aufzutreten. Es war eine eingelöste Wette, denn John Hurd, der Autor unserer englischsprachigen Berichte im Portal „3SongsBonn“, hatte gegen Simons Schottenrock-Auftritt gewettet, dass diesmal seine Freundin, zum Folk Club Abend komme. Manche hatten bereits gewähnt, Anna sei nur ein Phantom, da nie gesichtet. Aber sie erschien tatsächlich und Simon musste bzw. durfte im Kilt glänzen.

Jedes Jahr stellt er neue Lieder vor, die im Laufe des Jahres auf einer neuen CD erschienen waren. Die Stammbesucher von Simons Auftritten können dabei beobachten, wie sein Stil reift und dabei filigraner und transparenter wird. Simons diesjähriges neues, im November erschienenes Album heißt dann auch sinnreich: „A Fine Line“. Allen seinen Liedtexten liegt eine – oftmals selbst erlebte – Geschichte zugrunde, die Simon zwischen den Liedern in seinem weichen, melodischen schottischen Akzent mit feiner Ironie und teils witzigen Details erläutert. Im Gegensatz zur Leichtigkeit der Geschichten, die er zu den Liedern parat hält, erzählen die Texte meist vom Widersprüchlichen, dem Scheitern, der Ungerechtigkeit, dem Fragilen im menschlichen Leben und von den teils existentiellen Problemen der kleinen Leute. Auch die Liebeslieder haben etwas Verhaltenes und Melancholisches. Ein wichtiges Thema in seinen Liedern ist der Krieg, der für ihn indiskutabel ist. 

Seine Lieder trägt Simon mit schöner, tragender und fein modulierter, variabler Stimme vor. Die Gitarrenbegleitung ist von wunderbarer Klarheit, virtuoser Brillanz und filigraner Präzision. Er benutzt die sogenannte DADGAD-Stimmung, bei der die hohe und die tiefe E-Saite sowie die H-Seite jeweils um einen Ganzton tiefer gestimmt werden als in der Standardstimmung. Die Stimmung ermöglicht einen leichteren Wechsel zwischen Dur und Moll in bestimmten Tonarten und verleiht dem Instrument einen offeneren, voluminöseren Klang. 

„Underdog Soldier“ lautet der Titel seines Eröffnungsliedes, das von einem schottischen Politiker (George Galloway) handelt, einer äußerst kontroversen Persönlichkeit, die sich u.a. als wegen seiner Ablehnung der britischen Teilnahme am Irakkrieg von der Labour Party trennte und später für die Partei „Respect the Unity Coalition“ ins britische Unterhaus einzog. Mit schönem Fingerpicking und stark synkopisierender Melodie startete Simon sein Set nachdenklicher und doch melodischer Lieder. „Gambling Blues“ handelt von einem Freund, der auf Fußball wettete und dabei sehr viel Geld verspielte. Ein bereits bekanntes Lied ist „Careless Interventionist“ über einen einsamen Schotten im viel zu großen und anonymen London. Simon hat das Lied schon mehrere Male hier gespielt, aber immer wieder anders interpretiert. Mir scheint, dass sich gerade in diesem Stück seine allmähliche musikalische und interpretatorische Wandlung zeigt. Weitere neue Lieder waren u.a. „Fine Line“, das Titelstück der neuen CD, „Leipzig Frost“ und „The Bus to Nairn“ über ein Erlebnis in Inverness mit einem schon am Vormittag betrunkenen Mann, der nach der Abfahrtszeit des Busses fragte, „The Dust and the Paint“ besingt das Sterben der Plattenläden am Beispiel eines Geschäftes in Dundee, in dem Simon als Junge seine erste CD gekauft hatte. „To the Wilderness“, „Roland“ und „Derry Walls“ hatte Simon bereits früher im Folk Club gespielt.
Riesenapplaus für den wieder bemerkenswerten Auftritt. Wir wünschen Simon viel Erfolg mit seiner Musik bei seinen zahlreichen Auftritten. Für das kommende Jahr sind schon wieder fast dreißig Auftritte gebucht, davon viele in Deutschland, der Schweiz und Österreich. 

Aber, wie üblich gab es außer Simon am Abend noch zahlreiche andere Künstler zu erleben.
Unser Zeremonienmeister John Harrison hatte den Abend wie gewohnt mit einigen seiner Schmankerl eröffnet, die allesamt Schottland – eine Referenz an unseren Special Guest – zum Thema hatten: „The Berry Fields of Blair“ – von John a capella gesungen – ist ein Lied über die Beerenpflücker, die sich mit ihrem Ernteeinsatz in ihrem knapp bemessenen Urlaub ein bisschen Geld zu ihrem kärglichen Lohn hinzuverdienten. Immer wieder gern gehört wird Johns Eigenkreation über „Albert McTavish’s Brand New Frigidaire“. Das ist eine in Prosa vorgetragene witzige Geschichte über die leider vergeblichen Bemühungen eines Schotten auf einer einsamen Insel, seine Frau mit einem Kühlschrank glücklich zu machen. Er schleppt nach mühevoller Reise ins entfernte Edinburgh ein Exemplar mit dem falschen Energiesystem an. Das dazu gehörige Lied entpuppt sich dann aber als ein respektabel gespieltes Instrumentalstück – Humor at its British best!. Das ganze Leid der Schotten, die sich von England unterdrückt und betrogen fühlen, liegt in Robert Burns’ Gedicht „Such a Parcel of Rogues in a Nation“. Das Gedicht beschreibt, wie sich maßgebliche schottische Persönlichkeiten im 18. Jahrhundert die Zustimmung zum Anschluss an die englische Krone für Geld abkaufen ließen – Hochverrat für Robert Burns, den schottischen Natonaldichter.

Als Walk in stellte Philipp Grimm alias „Maps and Keys“ zwei selbstverfasste Lieder vor. „Bald Trees“, kahle Bäume, handelt von Menschen, die zu früh abgeschrieben werden. Seine Stimme, mit der er schön zwischen Kopf- und Brustregister variierte, erinnerte bei diesem Lied ein wenig an Bryan Ferry von Roxy Music. „Heroine“, Heldin, war speziell Janero del Rosario, unserem philippinischen Mitstreiter, der sich u.a. um die Filmaufnahmen kümmert, gewidmet. Vielleicht gibt es von Philipp bald mehr zu hören.

Für ein zusätzliches Glanzlicht sorgte Kenny Legendre, ein Amerikaner, der in Bad Kreuznach lebt und dort als „Majiken“ mit einigen Mitstreitern den Talentschuppen „Majik Lounge“ im Markthaus betreibt. Das Lied von Country Joe McDonald „1, 2, 3 What Are We Fighting For?”, eines der bekanntesten Lieder des Woodstock Festivals, hatte Kenny von Vietnam auf Afghanistan ungedichtet und auch einen neuen titel verpasst: „21st Century Fixin’ to Die Rag“ heißt es in seiner Version. Natürlich durfte auch die Referenz an Schottland nicht fehlen. „Pink Sheep“, rosa Schafe, waren seine in ein Lied gegossenen Eindrücke von einer Schottlandreise. Ein Schelm, der Böses dabei vermutet. Immerhin gab’s auch eine Moral dazu: „Wenn du etwas siehst, das du nicht kennst, muss es nicht unbedingt schlecht sein“.
Mit „Heidi Hottmehl“, einem witzigen Lied über Bekanntschaften aus den beliebten Sozialen Internet-Netzwerken, beschloss er sein Set. Wir hoffen, Kenny mit seiner voluminösen Stimme, der wunderbaren Begleitung auf Banjo und Resonator Gitarrre und den originellen, selbstkomponierten Liedern bald wieder im Folk Club begrüßen zu können – großer Applaus für Kenny alias „Majiken“.

Schon ein alter Bekannter ist Gerd Schweizer, der eine besondere Vorliebe hat für Lieder von Reinhard Mey. „Zeugnistag“ ist eines der Lieder, die er heute spielte – eine wundervolle Hommage an Eltern, die ihren Kindern beistehen. „Aber deine Ruhe findest du nicht mehr“ ist, anders als der Titel vermuten lässt, auch eine Hommage, aber diesmal von jungen Eltern an ihre neugeborenen Kinder, derentwegen sie nachts nicht mehr schlafen können. Ein schöner Beitrag von Gerd, der bei dieser Gelegenheit seine neue Gitarre präsentierte. 

Ein weiterer Walk in war Olli Bud aus England, der uns mit seiner charakteristischen Stimme zwei seiner Eigenkreationen vorstellte. „You Are the Only One“ und “Times Are Getting Rough” lauteten die beiden schönen, poetischen Lieder, in melodischer Musik verpackt. Vielleicht schaut Olli ja bald mal wieder vorbei und stellt weitere seiner Lieder vor.

Nach längrer Abstinenz schaute auch Jutta Mensing wieder vorbei und hatte sich mit Thomas Bandholz, Gerd-Wolfgang Spiller und Steven Perry Verstärkung aus der „Verstaubte Instrumente“ Szene aus Bad Honnef mitgebracht. Wo Jutta ist, da gibt es traditionelles deutsches Liedgut zu hören, und so war es auch diesmal, und zwar ganz der Jahreszeit entsprechend: „Schneeflöckchen, weiß Röckchen“ spielten und sangen die vier begleitet mit Gitarren, Stevens Mandoline und Juttas Geige, und das Publikum sang fleißig mit. Als kleines Intermezzo gab es dann Loriots Gedicht „Advent“ – schwarzer Humor pur. Kein Humor und auch kein Schwarzer war danach das Lied „Ach bitt’rer Winter“, das uns die Beschwernisse der Kalten Jahreszeit in früheren Jahren vor Augen führte, als es noch eine Herausforderung war, die Periode zwischen Ernte und Frühjahr ohne Schaden zu nehmen zu überstehen.

Zum Glück ging der Abend nicht mit diesem melancholischen Lied zuende. „Jock Stewart“, unser regelmäßiger Begleiter, war der Rausschmeißer des Abends und entließ Publikum und Musiker mit den üblichen Glücksgefühlen und der Aussicht auf ein ereignisreiches Folk Club Jahr 2014. Am 3. Januar 2014 geht es an gleicher Stelle weiter mit einer schon jetzt prall mit Akteuren gefüllten Singers’ Night.

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