Sonntag, 23. Februar 2014

Detlefs Bericht vom Folk Club 45 im Februar 2014


Folk Club Nr. 45 im Februar – Cowboys und andere Leute

Cowboy-Lieder sollten das Leitmotiv der heutigen Singers Night sein, aber einige Künstler errichteten eine eher gewagte Brückenkonstruktion von den Texten ihrer Lieder zum Thema „Cowboy-Lieder“. Die schwankenden Brücken taten dem Genuss aber keinerlei Abbruch – im Gegenteil: wer den Abend, aus welchen Gründen auch immer, versäumt hatte, dem ist etwas entgangen, so dicht, voller Leben und gespickt mit guter Musik waren die Beiträge, und so viele Emotionen wurden von den Künstlern ins Publikum transportiert und auch umgekehrt..
Zu dieser Atmosphäre trug auch bei, dass der Saal proppenvoll war, wie lange nicht mehr.
Zudem beehrte uns an diesem besonderen Abend auch der Bonner General-Anzeiger. Der Bericht kann im Blog unter den Bildern dieses Abends über einen Link aufgerufen werden.

John Harrison eröffnete den Abend mit dem a capella gesungenen Lied „Oh What a Beautiful Morning“ aus dem Musical „Oklahoma“ von Rogers und Hammerstein – die Verbindung zum Thema des Abends war für jene die das Musical kennen, eindeutig. Zusammen mit Christian Schuster, der die Leadgitarre spielte, sang er danach eine selbst geschriebenes Protestlied aus den siebziger Jahren mit dem Vietnamkrieg im Hintergrund: „1001 Protest Song“ lautete der Titel. Christian glänzte dabei mit virtuosen Gitarrenriffs. Diesmal zusammen mit dem Mundharmonika-Akrobaten Paolo Pacifico und unserem englischsprachigen Berichterstatter und famosen Fotografen John Hurd (3Songs Bonn) gab es als Trio das Lied „People Get Ready“ von Curtis Mayfield.

Walk-in Sebastian Landwehr wartete mit zwei Liedern auf, die er mit schöner, intonationssicherer und kräftiger Stimme vortrug. Sebastian ist Mitglied in der Bonner Irish-Folk Gruppe Crosswind. Deren weiteres Mitglied Stefan Decker ist alten Folk Club-Hasen durch Auftritte der Gruppe DerElligh aus den Jahren 2010 und 2011  noch gut in Erinnerung. „1952 Vincent Black Lightning“ von Richard Thompson war das erste Lied. Darin spielt ein in Großbritannien Anfang der 50er Jahre bei Speedjunkies äußerst beliebtes Motorrad eine prominente Rolle. Mit griffsicherer und feiner, ausgefeilter Gitarrentechnik sorgte er für eine wunderbare Begleitung. Auch „The County Down“ von Tommy Sands begeisterte, und das Publikum kam beim einschmeichelnden Refrain „Oh can you hear me“ in Mitsing-Bewegung. Vielleicht gibt es ja ein Wiedersehen im Folk Club.

Mario Dompke, unser alter Gefolgsmann, wäre nicht er selbst, wenn er nicht auch zum Thema des Abends ruck-zuck ein Lied aus dem Repertoire-Ärmel zaubern könnte. Und er tat es natürlich mit dem nach eigenem Bekunden vor 25 Jahren  selbst geschriebenen Lied „Der Kindergarten-Cowboy“.  Natürlich  hatte das Lied einen witzigen Text über Kindergartenkinder, die ganz groß sein wollen. 

Bob Marabito aus den USA wartete danach mit zwei altbekannten Gassenhauern auf die er a capella vortrug und dabei das Publikum mit Erfolg zum Mitsingen animierte: „I Came From Alabama“ und „Cotton Fields“ – ein schöner Spaß für’s Publikum. Witzig dabei Bobs kleine Frotzelei über den seltsamen Tonfall der Südstaaten, aus denen diese hübschen Lieder stammen – nach seinen Worten, das Bayerisch der USA. Nun, der Bayer an sich findet seine Sprache keineswegs merkwürdig, und das kann man sicherlich auch für den Südstaatler der USA annehmen. Wir müssen hierzu einmal unseren Mitstreiter Barry befragen, der aus dem Staat Louisiana stammt. 

Einen ersten Paukenschlag setzten danach zwei junge Herren, die sich als die Gruppe Positano aus Bonn vorstellten. John Brandi und Daniel Schult gingen ohne Umschweife ans Werk und brachten mit ihren selbst verfassten Liedern voller Dynamik und bissigem Humor zu originellen Melodien und professionell gesungen und gespielt den Saal in Wallung. „Der Streifenpolizist“ wird als Schreck der Nachbarschaft, der in Wirklichkeit nur ein kleiner Kriecher ist, auf die Schippe genommen. Bei „Der Große Knall“ geht es um die immerwährende Sucht nach der Sensation. Nur scheinbar romantisch aber dann mit unerwarteten und skurrilen Wendungen im Liedtext geht es bei „Bleib heute Nacht bei den Kindern“ auf eine Melodie von Tom Waits zu. Natürlich mussten sie eine Zugabe spielen und das taten sie gern: „In der Kneipe“ besingt die zahlreichen Bezeichnungen dieses netten Ortes zum dem es viele immer wieder hinzieht. Leider hat ihre Lieblingskneipe im Lied am Ende Pleite gemacht. Das wollen wir aber vom Müllestumpe nicht hoffen. Der Folk Club arbeitet jedenfalls intensiv in die andere Richtung.
Riesenapplaus für die beiden Musiker der Extraklasse, die nach ihrem Auftritt noch bis zum Schluss des Abends blieben und sich von der Atmosphäre des Folk Clubs bezaubern ließen.

Als weiterer Walk-in erschien Hermann-Josef Wolf (genannt Fliege), der singende Taxifahrer aus Köln, auf der Bühne. Da er immer nur nachts fahre, habe er tagsüber Zeit zum Musik machen, lautete seine Begründung für sein Hobby. Das Protestlied „Sag mir doch, was Freiheit ist“ stammt noch von seinem Gitarrenlehrer. Witzig aber auch nachdenklich, war der Text seines Liedes „Ich bin der Johnny von der Müllabfuhr“ auf die Meldie von „Cotton Fields“. „Was ihr nicht braucht, das schmeißt ihr weg, mein Arbeitsplatz ist euer Dreck“ lautete eine Zeile. Zur Gitarre spielte Hermann-Josef noch ein überdimensionales Kazoo.

Liebhaber der Musik aus „Buena Vista Social Club“ konnten beim nächsten Auftritt in den Harmonien und Rhythmen der bekannten Ohrwürmer der begnadeten Musiker aus Kuba schwelgen. John Hay und Juan und Maria Isaza-Kasolis spielten und sangen „El Carretero“, ein Lied über die Hoffnungen und Träume eines kubanischen Bauern. Bei „Chan Chan“ geht es um die Liebe und „El Quarto del Tula“ setzt noch einen drauf, denn da brennt bei dem Mädchen Tula die Hütte, und die Feuerwehr in Person eines feschen Liebhabers muss kommen und löschen. Weitere Details werden nicht verraten, aber die Symbolik ist eindeutig und deftig. Bravo, und hoffentlich gibt es eine Fortsetzung dieses famosen Beitrags.

Nach der Pause holte Barry Roshto das Publikum mit dem Cowboylied „There’s Blood on the Saddle“, das er auf dem Tisch stehend sang, wieder in den Saal. Danach zogen Barry und seine Tochter Emily das Publikum in ihren Bann. Mit ihrer zwar etwas verhaltenen aber unglaublich klaren und eindringlichen Stimme sang sie zu Barrys Klavierbegleitung das zarte Schlaflied „Lullaby from a Secret Garden“. Fast noch schöner als das erste Lied war dann das geheimnisvolle „Rains of Castamere“ von Game of Thrones. Barry begleitete seine Tochter „nur“ mit seiner Stimme, aber das Ergebnis ließ die bekannte Gänsehaut auf den Armen entstehen – zum Weinen schön – atemlose Stille im Saal. „I See Fire“ aus dem Film „Der Hobbit“ und das in schottisch-gälischer Sprache gesungene Lied (erneut ein Schlaflied) „Noble Maiden Fair“ (A Mhaigdean Bhan Masal) aus dem Disney-Film Brave rundeten das wunderbare Set der beiden ab. Natürlich gab es wieder stürmischen Applaus und die Hoffnung auf Mehr bei kommenden Folk Club Abenden.

Weil es sich anbot und er gerade auch ein Cowboy-Lied in seinem (nahezu unerschöpflichen) Repertoire hatte, gab sich Gerd Schinkel aus Köln die Ehre. Ebenso wie Mario Dompke war sein Cowboy Lied ein Kinderlied mit dem Titel „Ich bin ein Cowboy“. Der Cowboy in diesem Lied hat dann aber im Endeffekt von seinen Abenteuern immer Durst und Hunger, die mit Cola und diversen Würsten gestillt werden müssen. Auch ein Cowgirl gibt es, das ähnlich veranlagt ist. Aber sowohl der Junge als auch das Mädchen scheinen aus Köln zu stammen, denn ihr Motto lautet übereinstimmend: Und ich bin stark und kann auch ganz laut schrein: „Alaaf!“. Der Karneval lässt grüßen!

Bereits zum zweiten Mal durften wir das Duo 2Sunny alias Tatjana Schwarz und Ralf Haupts im Folk Club begrüßen. Gut zum zweiten Thema des Abends, das für die Session nach der Session geplant war, passte das Lied „Freight Train“ von Elizabeth Cotten. Diese war eng mit der Familie des Folk Idols Pete Seeger verbunden, der einige Tage zuvor hochbetagt gestorben war. Tatjana und Ralf sangen und spielten das schlichte Lied mit der gar nicht so einfachen Gitarrenbegleitung wunderbar – Elizabeth Cotten hätte sich gefreut. Beim Lied von Hildegard Knef „In dieser Stadt“ konnte Tatjana ihre herrliche Altstimme perfekt zur Geltung bringen. Aus eigener Feder stammte das Lied „Die Ruhe nach dem Sturm“ („Frag nicht nach der Erlaubnis, frag nicht nach der Absolution, Deine Seele will die Ruhe nach dem Sturm“), das beide mit gekonnter Zweistimmigkeit sangen. Besonders apart klang dabei, dass Ralf die Melodiestimme über der Stimme von Tajana sang. 

Den Abschluss des „offiziellen Teils“ machte Steve Perry, der zur Begleitung seiner 10-saitigen brasilianischen Viola Caipira drei echte Cowboy-Lieder beisteuerte. „El Paso“ von Marty Robbins ist ein Klassiker schlechthin und purer Schmalz, der alle Stereotypen bedient. Das sentimentale „Cowboys Lament“ über einen sterbenden Cowboy steht dem wenig nach. „50 Years Ago“ von Ian Tyson, das den Wunsch, die Zeit noch einmal zurückzudrehen besingt, ist ein Cowboylied aus Kanada, Steves Wahlheimat. Wie ähneln sich doch die Themen: Willy Schneider (Man müsste noch mal zwanzig sein) schmunzelt am Himmelstörchen.

Der unvermeidliche und vom Publikum mit Inbrunst gesungene Rausschmeißer „Jock Stuart“ machte den Abschluss des offiziellen Teils, bevor John die  Musiker nach vorn bat für die nachfolgende kleine Session zu Ehren des gut eine Woche zuvor verstorbenen Bürgerrechts-Aktivisten und Folk- und Protestlied-Altmeisters Pete Seeger. Das Publikum ließ sich nicht lange bitten und stimmte ohne Umschweife in die bekannten Lieder ein darunter „Little Boxes“, "If I Had a Hammer“,  „Where Have all the Flowers Gone“, „We Shall Overcome“.

Die Session hinterließ bei vielen nochmals eine gehörige Gänsehaut und viel Vorfreude auf den kommenden Folk Abend am 7. März mit Gerd Schinkel und die Kanuten (im Kanu sitzen: Wolfgang Kassel, Gitarre; Frank Tschinkel, Mandoline und Gerd-Wolfgang Spiller, Bass).

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