Freitag, 1. November 2019

Marios Bericht über den Folk Club im Oktober 2019


Dynamik der Ruhe

geht das? Oder ist es ein Widerspruch? Der letzte Folkclub oder besser gesagt die Featured Artists Serena Finatti und Andrea Varnier zeigten, dass es möglich ist – aber dazu später.

Wie immer begann der Folkclub mit dem Weckruf des Masters John Harrison „Laaadiees and Gentlemen, Mesdam et Messieurs, meine Damen und Herren“! Zum Thema des Tages „Farben“ stieg John auch sofort in die musikalischen Darbietungen mit den farbigen Liedern „Turn Your Money Green“ - einem Versprechen eines mittellosen Liebenden an seine Frau, das wenige Geld bald grün zu färben (also aus Münzen Dollarscheine zu machen). Weiter ging es dann mit „Colours“ einem schottischen Lied, das über die USA zurück nach Schottland kam und dort von Hamish Imlach bekannt gemacht wurde. Viele werden das Lied auch von Joan Baez kennen und erst durch Johns Erläuterungen erfahren haben, dass es ein schottisches Lied ist. Seinen Floor Spot abschließend gab John noch das Lied „Black Bottom“ zum Besten, das über die Armenviertel in den Überschwemmungsgebieten des Mississippi berichtet. Gebieten, die zwar durch den Überschwemmungsschlamm recht fruchtbar, aber eben nur einen Teil des Jahres bewohnbar sind und deshalb von der weißen Bevölkerung den schwarzen „Brüdern und Schwestern“ überlassen wurden.

Daniel Bongart brachte die Farbe über einen kleinen Umweg in sein Lied ein. Mit der Geschichte „Autumn Feeling“ wurde auch die Farbenpracht des Indian Summers angesprochen. Ein Lied, das nicht nur zum Thema des Abends passte, sondern auch die anstehende Jahreszeit einläutete – aber auch ein Lied, mit dem Daniel seine neue CD „Little Bird“ promotete, die in der Pause von ihm verkauft wurde.

Lothar Prünte wartete dann mit zwei Songs auf, die wieder einmal zeigten, was Lothar seiner Stimme – diesmal sogar trotz Erkältung – zumuten kann. „Back to Black“ verwechselnd ähnlich zum Original von Amy Winehouse brachte Lothars Klasse zur Geltung. Und auch wenn bei dem folgenden „Nights in White Satin“ der Text mal schnell zwischendurch aus dem Internet geholt werden musste, brachte dies keine Einschränkung in den musikalischen Genuss und den Spaß am Mitsingen. Lothar ist übrigens auch häufiger Gastgeber der Featured Artists des Folkclubs an folgenden Abenden in seinen Lokalitäten, was insgesamt den Künstlern den Weg nach Bonn interessanter macht (zwei Auftritte direkt hinter einander).

Uta, Anke & Jörg, Günter sowie Steve setzten sich nun mit einem gemeinsam mit dem Publikum gesungenen Kanon „Nach dieser Erde“ für die Umwelt ein. Sie haben dieses Lied auch auf der bundesweiten Demo für ein zukunftsfähiges Klima gesungen. Bereits die erste Textzeile sagt eigentlich schon alles aus und sollte jeden Menschen mindestens nachdenklich stimmen: „Nach dieser Erde wäre da keine, die eines Menschen Wohnung wär'“

Wenn auf der Welt Aufreger passieren – und das ist wohl fast jeden Tag der Fall – dann tritt sehr häufig Gerd Schinkel auf den Plan und macht ein Lied daraus. Heute sang er Eines, das er bereits vor einiger Zeit geschrieben, bzw. einen deutschen Text darauf gemacht hat und das neue Aktualität durch die Brexit Debatte und die damit verbundene neue Trennung von Nord- und Südirland durch eine Grenze erfahren hat. Ein Lied, das über den irischen Bürgerkrieg geschrieben wurde und einfach und emotional leicht verständlich die Situation der Bevölkerung darstellt. „Der Ort, in dem er gern noch wär“ bringt diese Emotion sehr gut rüber. Mit wohlgesetzten Worten war die Anklage zu spüren, ohne dass diese platt ausgesprochen werden musste. Mir hat dieses Lied sehr gut gefallen.

Ein weiteres Lied das „Colours“ heißt wurde von Doc Wolfman gesungen und gespielt. Ebenso wie im Original von Donovan kam neben Stimme und Gitarre auch die Mundharmonika zu Ton. Natürlich ist das Lied gut bekannt und das Publikum ließ es sich nicht nehmen mitzusingen. Auch beim folgenden „Fiddlers Green“ kann nicht von einem unbekannten Lied gesprochen werden. Die Geschichte der Reise von Fischern nach ihrem Tod in ihr Fischerparadies hat wohl jeder schon mal gehört und so konnte auch bei seiner deutschen Übersetzung mitgesungen werden. Beim Thema bleibend (Fischer) sang Doc Wolfman nun eine deutsche Version eines Pete Seeger Liedes. „Windiges Wetter“ beschreibt eine Fischfangfahrt (tolles Wort), bei dem die Fische am Fischkutter hochspringen, um die Fischer am Fischfang zu hindern.

Shayan, bekannt durch einen Walk in Auftritt beim letzten Folkclubs, hatte diesmal seinen ersten angekündigten Auftritt im FCB. In persischer Sprache, deshalb von den Wenigsten im Raum inhaltlich verstanden, sang er drei Lieder über die Liebe. Die Originaltitel kenne ich nicht, aber Shayan kündigte die Lieder mit „Sultan Herz“ und „Maybe I Love You“ und „Iran, Liebe Heimat“ an. Ich bin sicher wir werden Shayan noch häufiger hören und bei dem Fortschritt im Beherrschen der deutschen Sprache, den ich in einem Monat bei ihm feststellen konnte, wird euer Chronist das nächste Mal sicher viel mehr über die Inhalte der Lieder schreiben können.

Nun, das mit den Inhalten und der Sprachverwirrung war auch bei dem folgenden Auftritt der Featured Artists „Serena Finatti & Andrea Varnier“ ein bisschen vorhanden. Das Deutsche der Beiden beschränkt sich wohl auf die Bestellung von zwei Bier, also erläuterte Andrea die Stücke meist auf Englisch, und Serena sang auf Italienisch und bei einigen Lieder friaulisch (hoffentlich habe ich das jetzt richtig geschrieben) – hier kommt die Überschrift des Artikels ins Spiel. Die meisten Lieder handelten (wie übrigens die meisten existierenden Lieder überhaupt) von der Liebe. Die Lieder der Beiden sind häufig getragene Balladen – aber ich habe es bisher noch nie erlebt, wie auch bei ruhigen Liedern so viel Körperdynamik mit ins Spiel kommt, wie durch Gestik und Bewegung der Inhalt des Liedes dargebracht wird und wie beim Vortrag die Emotion durch stimmliche und Bewegungsdynamik auf die Bühne gebracht wurde. Wenn ich nicht vor lauter Begeisterung frenetisch hätte klatschen müssen, wäre ich wahrscheinlich nach jedem Lied erst mal eine lange Zeit in eine innere, begeisterte Reflexion jedes einzelnen Tones versunken. Ich sag nur: Wenn die Beiden irgendwo in die Nähe eurer Aufenthaltsorte kommen – unbedingt hingehen, das erlebt man nur selten. Aber nun wieder ganz nüchtern (fällt schwer, denn selbst mit einem gehörigen zeitlichen Abstand kommt schon wieder die Begeisterung durch). Diese Emotionalität wurde mit den Liedern „Bes Di Diu“, „Anin A Gris“ und „Fasin Un Cjan“ vor der Pause und „Presunta Realita“, „E Penso A Te“, „Chissa“ und „Abbraciami“ nach der Pause dargeboten. Ich glaube es ist fast unnötig zu sagen, dass natürlich eine Zugabe her musste. Diese war dann nicht auf Italienisch, sondern zum Mitsingen wurde gemeinsam das Lied „True Colour“ gesungen.

Aber ich bin schon nach vorne gesprungen, deshalb noch einmal zurück. Nach der Pause wurde die ebenerdige Bühne von Steve und John erklommen, um noch vor den Announcements das Lied des „Grand Old Duke of York“ zu singen. Ein Lied, das als Kinderlied auch für Erwachsene sportliche Betätigung garantiert.

Shawn Spicer und Gregor Salz übernahmen nun die Bühne und brachten ein paar Songs von Shawn zu Gehör. „Will Be Right As Rain“ eine Redewendung, die in etwa ausdrückt, zwischen uns wird alles gut sein, zog den Zusammenhang zum Thema Colours durch die innere Stimmung von Menschen, also einer Stimmungsfärbung. Erschien das Lied mit einem überschaubaren Tonumfang, so fesselte es (wie auch die beiden folgenden Lieder) durch den harmonischen Zusammenklang der Stimme mit den zwei begleitenden Gitarren. Die eingestreuten Soli der einen Gitarre zauberten wunderschöne Übergänge zwischen den Strophen in die Ohren des Publikums. Ebenso ging es bei den Liedern „Where Does The Time Go“ (eine Frage, die sich gerade Menschen in meinem Alter fast täglich stellen) und „The Blink Of An Eye“ weiter.

Die Gruppe Squint Side griff nach den eher ruhigen Klängen in die Stimmungskiste. War es mit „Wagon Wheel“, einem Bluegrass/ Oldtimestück noch der Aufbau von Stimmung, so brauste die gute Laune mit „Leef Marie“ gewaltig durch den Raum. Nach der kölschen Glückseligkeit ging es wieder zurück auf die Baumwollfelder und mit „Cotton Fields“ in ebenfalls bekannte Textgefilde, so dass das Publikum den bei Leef Marie begonnenen Chor auch weiter stellen konnte.

Rabbits on Trees ist ein 23jähriger Songwriter (Lukas Mattke), der nach eigenen Angaben „sein Studium geschmissen hat, um sich mit seinen explosiven Folk-Punk-Songs über Herzschmerz und Tatendrang die Finger wund zu spielen.“ Beim Folkclub ist er schon mal sehr gut angekommen und konnte für seine Songs „Tree Hugging“ und „Stay There Kids“ großen Applaus einsammeln.

Obwohl der Abend mit vielen Künstlern, lang andauerndem Applaus und vielen Erklärungen zu den Liedern recht lang ausgefallen ist, durfte natürlich das abschließende und Völker vereinende, gemeinsame Jock Stewart nicht fehlen. Beschwingt mit dieser Melodie im Ohr, bin dann auch ich nach Hause gefahren und freue mich seit dem auf den nächsten Folk Club, der – wegen des Stillen Feiertages Allerheiligen am 1. November, der gleichzeitig der erste Freitag des Monats ist – diesmal eine Woche später am 8. November stattfindet.

Also: Out of the bedroom – kommt am 8.November 2019 zum Folk Club ins Dotty's.

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