Mittwoch, 26. März 2025

Detlefs Bericht vom Folk Club Nr. 155 am 7. März 2025

 Folk Club im März 2025 – Die Waldzither steht im Mittelpunkt

Wer die Instrumentenbezeichnung Zither hört, denkt vielleicht zuerst an das unnachahmliche Harry-Lime-Thema aus dem Film „Der Dritte Mann“. Bei der „Waldzither“ handelt es sich hingegen um ein Instrument, das eher an eine Mandoline erinnert. Das Instrument, das um das Jahr 1900 in Thüringen entwickelt wurde, gehört zu den Kastenlauten. Es gibt zahlreiche Bauformen und Besaitungen. Ich möchte Euch hier nicht mit technischen Details langweilen. Im Internet gibt es ausreichend Informationen über das Instrument.

Aber warum widmet der Folk Club der Waldzither einen Themenabend? Ein Grund ist, dass unser verstorbener Mitorganisator Steve Perry einst das Instrument in den Folk Club brachte. Ein weiterer Grund ist ein Dachbodenfund einer Waldzither durch Wolfgang Schriefer, der diesen an Mario Dompke weiterreichte. Mario hat das Instrument erlernt und sich zugleich auf die Suche nach weiteren Spielern gemacht, und siehe da, es gibt sie. Dadurch war die Idee eines Themenabends geboren, der jetzt umgesetzt wurde.

Aber wie üblich startete der Abend mit Beiträgen unseres Impresarios John Harrison und das ohne Waldzither aber stattdessen mit seiner Resonator-Gitarre. „Police Dog Blues“ von Blind Blake war das erste Lied des Abends. Der Held des Lieds ist ein Reisender - vermutlich ein Landstreicher, der sich in ein Mädchen verguckt hat. Aber der arme Kerl hat Angst vor ihrem Schäferhund (police dog), und geht daher lieber anderer Wege. Ebenfalls ein Lied über vergebliche Liebesbemühungen ist Michaels Chapmans traurige Ballade „Rabbit Hills“. Der Text ist aber ungleich poetischer als der eher holzschnittartige Inhalt des Police Dog Blues. „Feeling Happy (Oh Well, Oh Well)“ lautet der Titel des Lieds von Big Joe Turner, und wie könnte es anders sein, auch hier geht es um einen Mann, der ein hübsches Mädchen anhimmelt. Aber die Angebetete hat zu viele Verehrer, und deshalb rät der weise Mann: Lass die Finger von ihr!

Lenginstorp lautet ein alter Name für den jetzigen Bonner Stadtteil Lengsdorf, und von dort kommt die sechsköpfige Gruppe mit dem Namen Lenginstorp, die sich der Folkmusik mit besonderem Schwerpunkt auf die Irlands verschrieben hat. Unter den gespielten Instrumenten befindet sich auch eine Waldzither, die virtuos von Norbert bedient wird. Der Kontakt zwischen Norbert und unserem Mitorganisator Mario Dompke sorgte auch für die Umsetzung der Idee, das Instrument in den Mittelpunkt des heutigen Abends zu stellen. Eher selten zu sehen und zu hören ist der von Thomas gespielte Mandobass, eine Mandoline im Bassformat. Die übrigen vier Gruppenmitglieder sind Hildegard (Flöte/Gitarre), Rolf (Bodhran/Gesang) und zwei Herren jeweils namens Markus (Konzertina und Geige). Gut mit diversen Instrumenten ausgestattet gingen sie schwungvoll in die musikalischen Vollen. „Archibald McDonald Of Keppoch“ lautet der Titel eines Instrumentals aus Schottland, mit dem, so das allwissende Internet, der seinerzeitige Chieftain des Clans der McDonalds gefeiert werden sollte. Mit dem Lied „Galway Girl“ ging es danach nach Irland. Das Lied stammt allerdings von einem US-Amerikaner namens Steve Earle. Zurück zu traditionellen irischen Klängen ging es dann mit dem Stück „Eleanor Plunkett“.

Norbert erläuterte den Zuhörern, dass hier eine Waldzither in klassischer Stimmung zum Einsatz komme. Die spezielle Stimmung mache es auch weniger geübten Spielern leichter, mit dem Instrument umzugehen. Das eingesetzte Instrument hat zudem eine sehr spezielle Stimm-Mechanik. Man benötigt dafür einen besonderen Schlüssel. Witzigerweise ist auch ein Entlüftungsschlüssel für Heizkörper geeignet. Herzlicher Applaus für die sechs Musiker, die das Thema des Abends mit wunderbar vorgetragenen Stücken einleiteten.

Auch das Duo mit dem kuriosen Namen Muckenpensel (Kombination aus den zwei Nachnamen) setzte eine Waldzither ein und spielte damit unter anderem selbst komponierte Lieder. Katja Muckenschnabl und Christian Pensel starteten mit der Ballade „Little Light“. Herrlich die virtuose Fingerpicking-Technik von Christian und der einfühlsame zweistimmige Gesang der beiden. Ebenfalls eine Eigenkomposition ist die Mazurka, ein Instrumental-Stück, bei der Christian sein gekonntes Fingerpicking auf der Waldzither mit wunderbaren Flageolett-Passagen im Intro vorbereitet. Die einschmeichelnde Melodie enthält schöne Wechsel von Moll nach Dur.

Auch bei den beiden gibt es eine Verbindung zu Norbert von der Gruppe Lenginstorp, denn Katja, die Norbert „um die Ecke“ kennengelernt hatte, wollte ihm eine Oktavmandoline abkaufen. Nach Hause ging sie dann letztlich mit einer Waldzither.

Zu Christians Gitarre gibt es ebenfalls etwas zu berichten. Christian hat sein Instrument ganz offensichtlich in Eigenarbeit um zwei Bass-Seiten erweitert. Das Ergebnis (akustisch) lässt sich durchaus hören und kann (optisch) in der Bilderserie zu diesem Abend bewundert werden.

Als drittes Stück präsentierten die beiden das schottische (oder irische?) Volkslied „Wild Mountain Thyme“, das dem Publikum wohlbekannt ist, aber im Folk Club bislang noch nicht in der aparten Version von James Taylor präsentiert wurde. Katjas und Christians herrlicher zweistimmiger Gesang und die virtuose Instrumentalbegleitung aus beiden Instrumenten – diesmal Katja mit der Waldzither – ließ echte Gänsehautstimmung aufkommen. Großer Applaus für Katja und Christian, die aus Sicht des Folk Clubs eine grandiose Neuentdeckung sind.

Keine Neuentdeckung, aber immer wieder begeisternd ist die Gruppe Fomiander, die diesmal ohne ihren Gitarristen Manfred Möhlich auskommen mussten. Aber der Klang der Gruppe war auch respektabel mit der vorhandenen Besetzung: Sonja Daniels (Gesang und Ukulele), Mario Dompke (Gesang und Waldzither), Biggie Meyreis (Kontrabass) und Karin Thomas (Flöte). Eine besondere Rolle spielte die Waldzither beim Stück „Steve’s Polka“. Die Melodie hatte Mario noch zu Lebzeiten unseres verstorbenen Mitorganisators Steve Perry komponiert. Bei der aktuellen Version hängte das Quartett an die instrumentale Polka im vierviertel-Takt noch ein Quodlibet aus mehreren Volksliedern im dreiviertel-Takt an – sehr originell! Auch Marios Eigenkomposition „Frühling“ ist eine Kombination eines Liedes (gesungen von Sonja) im dreiviertel-Takt mit einem Tanz im vierviertel-Takt. Den Abschluss machte Fomiander mit dem Lied „Sailing To The Far Side Of The World” bei dem es nach Marios Worten nicht eindeutig ist, ob es sich um ein Traditional handelt oder ob Tom McConville die Urheberschaft beanspruchen darf. Einerlei, das Stück machte gute Laune, die Waldzither kam zu Ehren, und Fomiander erhielt großen Applaus.

Ein seltener aber sehr gern im Folk Club gesehener Gast ist der Godesberger Musikalienhändler Norfried (genannt Bill) Baum. Bill, der ein großer Freund des Blues ist, besitzt offenbar auch eine Waldzither, die er hier einsetzen und mit ihr beweisen konnte, dass Blues auch auf diesem Instrument funktioniert – und das sogar mit Bottleneck. Mit dem Blues „It Hurts Me, Too” von Tampa Red konnte er seine herausragende Virtuosität unter Beweis stellen. Begleitet von John Harrison auf der Mundharmonika war das eine richtig bombastische Mini-Blues-Session. Die beiden sollten mal einen speziellen Blues Abend im Folk Club bestreiten. Nicht weniger kultig war Bills Interpretation von „Let’s Work Together“ von Canned Heat aus dem Jahr 1970. Da kamen Erinnerungen an Beat-Club-Abende vor dem Fernseher hoch! Viel Applaus für Bill – und auch für John.

Immer gut für originelle Texte und Melodien ist Kai Hofstetter. „Cassandra“ beschreibt das Zurückkommen aus der Ferne in die seltsame Maingegend. Die rätselhafte Frau namens Cassandra, die einst hier lebte, ist verschwunden und nur noch das windschiefe Haus steht, ist aber leer. Kai hatte zuvor Bill Baum animiert, ihn zu begleiten. Bill meisterte das mit Bravour und aus dem Stehgreif. „Der Deifl hat ‘n Blues gespielt (und keiner hat’s mitgekriegt)“ ist Kais musikalische Interpretation für einen Umstand, der auch anders umschrieben werden könnte: „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land“ – schöne Idee und fein umgesetzt! Über seine eigenen Nachtgespenster singt Kai in dem Lied „Nachtprogramm“. Stimmen in der Nacht quälen ihn offenbar und geben erst Ruhe, wenn die Sonne aufgeht. Das ist bitter, aber ein Stoff für ein wunderbares Lied! Applaus für Kai und den Improvisationskünstler Bill Baum.

Den zweiten Teil nach der Pause eröffnete John Harrison mit dem Gedicht „Wait For Me (im russischen Original: жди меня; schdi menja)“, von Konstantin Simonow, das das Warten auf jemanden beschreibt, ja beschwört, der vielleicht doch nicht wiederkommt. Wie viele Menschen warten aktuell auf ihre Lieben, und wissen nicht, ob sie noch leben. Trotz der Eindringlichkeit und der Relevanz der Zeilen stockt Eurem Berichterstatter der Atem, denn Simonow war trotz seiner poetischen Einfühlsamkeit auch ein politischer Scharfmacher in der Zeit Stalins und danach.

Ein weniger konfliktbeladenes aber dafür selbst verfasstes Gedicht gab der hier bereits erwähnte Wolfgang Schriefer zum Besten: Mit dem Gedicht über die Waldzither setzt er dem heute musikalisch gepriesenen Instrument auch ein poetisches Denkmal. Bemerkenswert an Wolfgangs Gedicht ist zudem, dass es die Form eines Pantuns hat. Bei dieser Gedichtform, die ursprünglich aus dem malaiischen Sprachraum stammt, werden jeweils die zweite und vierte Zeile einer Strophe als erste und dritte Zeile der nächsten Strophe wiederholt. Es hört sich sehr eigenwillig an, aber sorgt dafür, dass man sich Textpassagen besser einprägt.

Als Rehab-Trio hatten sich die beiden Gitarristen Rafael Cereceda und Thomas Monnerjahn zusammen mit dem Sänger Eric Linfoot angekündigt. Der eigenwillige Name des Trios ist dem Umstand geschuldet, dass Eric nach einer schweren Erkrankung seine Hände nur noch eingeschränkt einsetzen kann. Er kann nicht mehr Gitarre spielen (er war noch im März 2024 hier im Folk Club) und hat sich seither aufs Singen verlegt – und das mit großem Können.

Aber bevor das Rehab-Trio seinen Auftritt hatte, startete Rafael zusammen mit seinem Bekannten Nadir Houboub einen Impro-Jam mit Flamenco-Gitarre (Rafael) und Stimme (Nadir). Spanische Flamenco-Melodien kombiniert mit marokkanischen Stimm-Melodien – so etwas hatten wir im Folk Club noch nicht. Kurzgefasst: Es war fantastisch und macht Hoffnung auf erneute Auftritte der beiden.

Als wirklich bemerkenswert kann auch der nachfolgende Auftritt des „Genesungstrios“ zusammengefasst werden. Zwei überaus virtuose Gitarristen aus verschiedenen Stilrichtungen (Rafael – Flamenco; Thomas – Gipsy-Jazz) spielen Jazz Standards, die von Eric mit großer Meisterschaft gesungen werden: „All Of Me“ von Seymour Simons und Gerald Marks, „Out Of Nowhere“ von Johnny Green und „Blue Skies Smiling At Me”. Das kann man kaum beschreiben, das muss man hören! Tosender Applaus für die Drei und für die Impro-Einlage von Rafael und Nadir.

Etwas ruhiger angehen ließ es Peter Bachmann, der zwar keine Waldzither spielt, ihr aber ein Lied gewidmet hat – er hatte eine ähnliche Idee wie Wolfgang Schriefer. Bei der Gelegenheit gab Peter augenzwinkernd zu Protokoll, dass er sich den Entwurf des Textes „vom großen Bruder GPT“ hat schreiben lassen. Tja, das ist die moderne Zeit, aber die Idee dazu musst du schon haben! Peter meinte dann, er hätte sich auch gleich mit Wolfgang zusammentun können. Nun, so haben wir zwei separate Werke zur Waldzither. Zur Melodie „Cocaine“ von Reverend Gary Davis klang das Lied richtig gut. Einen riesigen Schritt zurück in die Musikhistorie machte Peter dann mit dem Lied „The Three Ravens“ von Thomas Ravenscroft. Das Lied aus dem frühen 17. Jahrhundert – Ravenscroft war ein Zeitgenosse Shakespeares – beschreibt eindringlich eine Szenerie, bei der sich drei Raben darüber unterhalten, ob sie sich an einem zu Tode gekommenen Ritter zum Frühstück gütlich tun sollen. Aber der treue Hund des Ritters, seine Jagdfalken und die schwangere Braut des Mannes verhindern das - ein Hohes Lied auf die Treue.

Als Abschluss des Abends betrat das Duo Butterfly Moon alias Ashleigh (Ash) Edwards und Gareth (Gaz) Price-Baghurst die Bühne. Die kenne ich doch, fragte sich Euer Hofberichterstatter. Und ja, richtig, genau vor einem Jahr waren die beiden erstmals im Folk Club. Und genau wie damals entfachten sie ein Feuerwerk der Melodien, der grandiosen Stimmen und des virtuosen Gitarrenspiels. Aber zuerst eroberten sie sich mit einigen Komplimenten an Bonn und seine Bewohner die Herzen des Publikums. Offenbar ist es gar nicht so schlecht, in Bonn Straßenmusik zu machen, trotz der ab und zu wieder von John Harrison geschmähten Genehmigungs- und Gebührenpolitik der Bonner Stadtverwaltung. Der Folk Club ist für die beiden Straßenmusiker offenbar ein kleines Schmankerl, mit dem sich der Abend nach einem Auftritt in der Fußgängerzone abrunden lässt. „Feels Like Home“ lautete das erste Lied der beiden – alle Kompositionen stammen aus eigener Feder – ein sehnsuchtsvolles Lied, bei dem sich Ashleighs Stimme schon einmal warmlaufen konnte. „How Am I Gonna Know“ beschäftigt sich mit dem Leben auf einem Hausboot, das für die beiden, wenn sie nicht auf Achse sind, ihr Zuhause darstellt. „Sometimes, living on a boat is amazing, and other times it is really, really shit”, beschreibt Gareth diese Art von Behausung.

Jetzt ein kleiner Exkurs: Wenn Ihr Euch anschauen wollt, wie Ash und Gaz in Eigenregie aus einem ursprünglichen „Narrow Boat“ ein bewohnbares Hausboot gemacht haben, dann könnt Ihr das unter folgendem Link tun: https://www.youtube.com/watch?v=o6_yn5tNuBc – sehr unterhaltsam und lehrreich!

Zurück zum Lied: Aber eigentlich geht es im Text doch mehr um die Beziehung der beiden, wundervoll umgesetzt durch Ashleighs kraftvolle und voluminöse Stimme und Gareths einfühlsames Gitarrenspiel und seine passgenaue Gesangsunterstützung in den zweistimmigen Passagen – herrlich anzuhören. Den Höhepunkt bildete das Lied „Intertwine“ über die Erinnerungen an eine vergangene Zuneigung und die Hoffnung darauf, bald wieder zusammen zu sein. Ashleigh baute dabei ihre Stimme zu einer gewaltigen Pyramide auf mit einem Ton, der scheinbar nicht enden wollte und das Lied vollkommen umschloss – grandios, und so grandios war auch der anschließende Applaus.

Nun ja, wer nicht da war, hat etwas verpasst. Wir hoffen, dass uns die beiden auf ihren Touren durch Europa bald wieder beehren.

Mit diesem musikalischen Feuerwerk ging wieder ein bemerkenswerter Folk-Club-Abend seinem Ende entgegen, aber wie immer nicht ohne, dass die Musiker des Abends zusammen mit dem Publikum das Lied von Jock Stewart (A man, you don’t meet every day) voller Inbrunst gesungen haben.

Auf Wiedersehen am 4. April im Folk Club mit Johannes Epremian als Featured Artist und dem Thema des Abends: „Frauennamen“.

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