Mittwoch, 27. August 2025

Detlefs Bericht vom Folk Club am 4. Juli 2025

Folk Club Nr. 159 im Juli 2025 – Reisen

Das Motto des Abends für den Folk Club im Juli bot offenbar zahlreiche Anknüpfungspunkte für die Künstler. Es gab jedenfalls zahlreiche Beiträge zum Thema.

John Harrison eröffnete wie immer den Abend, diesmal mit dem Blues „Sporting Life“ von Brownie McGhee. Fällt Herumstromern auch unter Reisen? Man könnte es so deuten. Das Lied handelt davon, dass der Erzähler sein altes unstetiges Leben mit dem nächtlichen Herumtreiben aufgeben möchte und endlich heiraten und sich häuslich niederlassen möchte. „Take This Hammer“ ist ebenfalls ein Blues und gilt als ein traditionelles Lied. Es ist ein Lied, das von Strafgefangenen bei ihrer Arbeit gesungen wurde, z.B. beim Bau von neuen Eisenbahnlinien. Auch hier ist der Bezug zum Reisen deutlich. John sang das Lied a cappella, so wie es auch die Strafgefangenen gesungen haben dürften. Es hat zwar „Blues“ im Titel, aber kein richtiger Blues ist das Lied „St Louis Blues“ von W.C. Handy, das in den Interpretationen von Bessie Smith und Billie Holiday bekannt wurde. Glenn Miller machte daraus einst sogar einen Marsch. John legte sein ganzes Können in das Lied – super gespielt und gesungen – und erntete viel Applaus.

Stephan Westphal stürzte Euren Chronisten hernach ins Grübeln. Angekündigt war „Eine kleine Reise in die Welt der Geige zwischen Klassik und Folk“. Davon war in seinem Beitrag aber so recht nichts zu erkennen. Es blieb mysteriös, und wir belassen es dabei.

Wieder ein Genuss war der Auftritt von Iris Brück, Carsten Exner und Steffi Sawatzki, die den Folk Club bereits im Mai bereichert hatten. Inzwischen haben Sie ihrer Gruppe den Namen „Die Motitones“ gegeben. Wer sich über den Namen wundert: Die Drei arbeiten bei einer Kinderhilfseinrichtung namens „Motiviva“. Bei „Say Something“ aus Christina Aguileras Album „A Great Big World“ glänzten die beiden Frauen mit wunderbarem zweistimmigen Gesang. Carsten steuerte wie gewohnt zartes und gefühlvolles Fingerpicking auf seiner Gitarre bei. Bei „Nothing Real But Love“, bekannt in der Interpretation von Rebecca Ferguson, konnte Iris mit beeindruckender Jazz-Stimme glänzen. Steffi ergänzte den „Hintergrundchorus“. Den Abschluss machten die Drei mit „Locomotive Breath“ von Jethro Tull, genauer gesagt von Ian Anderson, dem Kopf der Truppe. Diesmal bekam Carsten den Gesangspart, beim „Schubidu“ unterstützt von den beiden Frauen – toll gesungen und gespielt! Macht weiter so und beehrt den Folk Club bald wieder!

Eigentlich ist er ein alter Bekannter, hat aber lange nicht mehr im Folk Club gespielt: Uwe Gillert, diesmal zusammen mit Bernd Sachs. Die beiden musizieren seit einem Jahr gemeinsam. Uwes Lied „Reif für die Insel“ passt prima zum Thema des Abends: Bloß weg von hier und Ruhe auf der Insel finden – wunderbar umgesetzt in Musik und Text von Uwe und seinem Duopartner. Eine rührende Liebeserklärung an seine Frau ist Uwes Lied „Meine Rose“. „Es gibt immer einen Weg, das Leben geht weiter“, lautet eine Refrainzeile und weiter „Du bist für mich die Schönste auf der Welt“ – das hört man gern!

Um eine blinde Frau geht es im Lied „Sie weiß nicht, dass sie schön ist“. Vielleicht könnte man dem Lied auch den Titel geben „Nur Deine Stimme zählt“. Die blinde Frau sieht die Welt mit anderen Sinnen – viel Applaus für Uwe und Bernd.

Eine richtige Entdeckung für den Folk Club ist Ute Brüggemann. Mit „Rising For The Moon“ von Fairport Convention aus dem Jahr 1975 setzte sie gleich einmal ein Ausrufezeichen in den Raum – welch eine klare und tragende Stimme zur unprätentiös gespielten Gitarrenbegleitung! Die Sängerin Sandy Denny von der damaligen Gruppe stand sicherlich mit Applaus am Himmelspöötzje. A cappella sang sie passend zur Jahreszeit das unsterbliche „Summertime“ von George Gershwin. A capella-Gesang ist gewöhnlich etwas heikel, da kein Instrument zur Verfügung steht, um ein Abrutschen in andere Tonarten zu verhindern. Das aber hat Ute nicht nötig. Im Übrigen geht es bei diesem Lied nicht in erster Linie um den Sommer, sondern um das Reisen – ins Jenseits nämlich. Gut auf Utes Gesang eingestimmt bekam das Publikum etwas zum Mitsingen: Bei „Über den Wolken“ von Reinhard Mey ließ sich das Publikum nicht lange bitten. Der Applaus verlangte eine Zugabe, und die gab es mit „Rollbrett“ von den Bläck Fööss – hat ja auch mit Fortbewegung zu tun, und macht richtig Spaß! Liebe Ute, lass Dich bald wieder beim Folk Club sehen und vor allem hören.

Darren Cross, der Featured Artist des Abends, symbolisiert schon durch seine Herkunft aus Australien das Thema des Abends. Da er ausschließlich instrumentale Stücke spielte, war viel Fantasie gefragt, um sich die Titel seiner Stücke in der Musik zu versinnbildlichen. Beim ersten Stück war gleich einiges an Vorstellungsvermögen gefragt: „International Bury The Hatchet Day“ lautet der Titel. Hä? Mag sich mancher gefragt haben. Ganz einfach: Darren ruft mit dem Lied den Internationalen Tag für das Begraben des Kriegsbeils aus. Euer Berichterstatter hatte das Wort „hatchet“ auch nicht im Wortschatz. Aber das ist auch nicht wirklich erforderlich, wenn man sich schlicht und einfach Darrens wundervollen Melodien und seiner spektakulären Gitarrenkunst hingibt. „Drugged Up, Madonna“ lautet der Titel, des zweiten eher ruhigen Stückes. Mit Madonna ist die bekannte Sängerin und nicht die Gottesmutter Maria angesprochen. Was oder wen Darren mit „First Itch (Highly Strung)“ adressieren möchte, bleibt sein Geheimnis. Es geht jedenfalls um ein erstes Jucken von jemandem, der ziemlich überempfindlich ist. „Edward River – Deniliquin Flow“ beschreibt den Fluss Edward River, der in New South Wales im Südosten Australiens fließt. In der Gegend gibt es Darrens Aussage zufolge viel Kriminalität und Gewalt. Wer die Augen zumacht und sich der Melodie hingibt, kann davon etwas spüren – wunderbar!

Mit diesen Eindrücken ging es in die Pause.

Wolfgang Schriefer hat immer interessante Ideen für Liedtexte und Gedichte. Diesmal hatte er sich darüber Gedanken gemacht, wie es geschehen kann, dass jemand als Obdachloser auf der Straße landet. Das Ergebnis ist das „Lied über den sozialen Abstieg“, das Wolfgang zu einer „geliehenen Melodie“ vortrug („Wild Thing“, bekannt u.a. durch die Interpretation der Troggs).

Hans Ihnen hatte sich drei Lieder herausgesucht, die zum Thema „Reisen“ passen. Für „Far, Far Away“ von Slade bedarf es keiner besonderen Erläuterung. Bei „Four Strong Winds“ bekommt Euer Berichterstatter regelmäßig eine Gänsehaut. Das Lied des Kanadiers Ian Tyson von 1961 war eines der Lieblingsstücke unseres leider vor drei Jahren verstorbenen Freundes Steve Perry. Irgendwie hat es sich in Kanada und insbesondere in der Provinz Alberta (wird in dem Lied als Reiseziel genannt) zu einer Art Hymne gemausert. Jedenfalls wird es alljährlich zum Abschluss des Edmonton Folk Music Festivals präsentiert und zahlreiche Musiker haben oder hatten es in ihrem Repertoire. Der von Hans genannte Johnny Cash ist nur einer von vielen.  „Love’s Been Good To Me“ handelt von einem, der sich viel herumtreibt (I’ve been a rover“ lautet der Beginn des Liedes) – auch eine Form des Reisens. Frank Sinatra machte das schöne Lied einst unsterblich. Viel Applaus an Hans.

Petra Sigmund hat auch schon eine längere Folk-Club-Historie. Sie gehört zu denen, die bereits im Haus Müllestumpe in Graurheindorf dabei waren. Diesmal trat sie mit ihrer Frau Ragna als Gruppe „Gedankenspiel“ auf. Die beiden präsentierten wieder selbst verfasste Stücke. „Das Schicksal spielt sein eigenes Spiel“ ist ein zartes Lied über die Unvorhersehbarkeit der Ereignisse im Leben. Petra begleitete ihren Gesang mit sparsamem, aber herrlich stimmigem Fingerpicking auf der Gitarre, und Ragna unterstützte sie dabei auf dem Cajon. „Es ist niemals zu spät“ ist ein Ansporn an alle, möglicherweise auch spät im Leben noch einmal etwas Neues zu beginnen. Hier sang Petra deutlich nachdrücklicher als zuvor und setzte bei ihrer Gitarre Schlagtechnik ein, um den Nachdruck zu betonen. „Hilfe, Hilfe“ beschäftigt sich mit dem Gepäck, das man mit sich herumträgt. Die Träume sind aber leider oft in Seenot und drohen unterzugehen. Zeit, die Segel neu zu stellen. Liebe Gedankenspiel-Frauen, tolle Texte und wunderbare Melodien und zudem eindringlich gesungen und gespielt – eine echte Bereicherung für den Folk Club.

Auch Richard Limbert ist ein alter Bekannter im Folk Club. Als er erstmals hier auftrat, war er noch Schüler, jetzt ist er ein in Leipzig ausgebildeter Musikwissenschaftler und arbeitet als Archivar in Eisenach. Man glaubt es nicht, er ist Herr über das einzige Musik-Archiv Deutschlands, das sich speziell mit Jazz, Blues und populärer Musik des deutschen Sprachraumes beschäftigt (Lippmann+Rau-Musikarchiv). In Darmstadt gibt es noch ein Jazz Archiv. Er sagt, es sei sein Traumjob. Wir glauben es gern, denn schon bei seinem ersten Auftritt im Folk Club beschäftigte er sich mit Blues und Folk – sehr ungewöhnlich für damalige Schüler. Er ist aber nicht nur Musikwissenschaftler, sondern ein exzellenter Stückeschreiber und ein nicht minder guter Gitarrist und Sänger.

Für das erste Stück lieferte er eine etwas vertrackte Erläuterung: Als ihm einmal nichts Richtiges einfiel, traf er auf einen Musiker, der ihm von einem Boxkampf in Las Vegas erzählte. Das brachte ihn auf den Gedanken, ein Lied über einen Boxkampf zu schreiben: Ein Boxkampf von acht Milliarden Menschen gegen die Welt. Darauf muss man auch erst einmal kommen: „Song About The Current State Of The World“. Und los ging’s mit rasantem Fingerpicking und einer flotten Melodie. Ein wenig erinnert das Lied an den Stil von Hannes Wader.

Nicht weniger schräg ist Richards Einleitung zum Lied „Folk, Folk, Folk“. Seiner Erzählung zufolge ist er auf das Lied gekommen, nachdem er einen Wissenschaftler (Wolfgang Leyn) getroffen hatte, der eine Monografie über Folk-Musik in der DDR geschrieben hatte mit dem Titel „Volkes Lied und Vater Staat“ – spannend. So richtig hat die Begegnung mit dem Lied eigentlich nichts zu tun, aber sei’s drum, der Text besingt die heilende Wirkung des Folks, und das ist sehr positiv. Wenn es Dir dreckig geht, dann hilft Dir Folk – herrlich!

Auch ziemlich abgedreht ist der Ursprung des Liedes „Dr. Hermann Dunker“: Richard und sein Freund stehen spätabends leicht angesäuselt in Leipzig an der Bushaltestelle, und vor ihrem Bus kommt ein anderer mit der Aufschrift „Dr.-Hermann-Duncker-Straße“. Sie fragen sich, wer dieser Mann wohl sei, und erfinden eine wilde Geschichte, die sich in Richards witzigem Lied wiederfindet: Der Bus dient lediglich dazu, ahnungs- und orientierungslose Nachtschwärmer abzufangen und irgendwo am Stadtrand von Leipzig in einer dunklen Ecke zu entsorgen – herrlich skurril! Die Melodie dazu liefert das bekannte Jux-Lied „Schmidtchen Schleicher“ – zum Piepen!

Natürlich musste eine Zugabe her. Jetzt griff Richard zur Abwechslung einmal in die Cover-Kiste. Dafür, dass er ein Lied von Dave van Ronk wählte, gibt es auch noch eine Geschichte: Richard hat den Auftrag erhalten, für ein Kompendium der Musikgeschichte („MGG – Musik in Geschichte und Gegenwart“) einen Beitrag über Dave van Ronk zu schreiben – welch eine Ehre! „Losers“ ist vielleicht nicht der richtige Titel in einer solchen Situation, aber immerhin hat das Lied etwas mit Reisen zu tun: Er wurde auf der Reise in einem Greyhound-Bus komponiert. John Harrison ließ es sich nicht nehmen, Richard bei dem Blues auf der Mundharmonika zu begleiten. Grandios! Gratulation an Richard und herzlichen Dank für den Auftritt.

Zum Abschluss des Abends war Darren Cross noch einmal an der Reihe, und er verzauberte das Publikum mit seinen Melodien. „Brumby Revisited“ beschäftigt sich mit den wilden – eigentlich verwilderten – Pferden, die in Australien frei herumlaufen, und die dort Brumby genannt werden. Das Stück beginnt ganz langsam, zeichnet dann aber nach wenigen Takten die Wildheit und Schnelligkeit der in Freiheit lebenden Pferde nach. „The Regicide Of Daniel Ek Made No Sound“ ist der etwas lange Titel für ein Stück über den gedachten „Königsmord“ an Daniel Ek. Der ist der Herrscher über Spotify, das Musikportal, das bei allen Folk-Musikern (zumindest all denen, die bislang im Folk Club auftraten) verhasst ist. Bei Spotify sind die Tantiemen so niedrig, dass nur Musiker mit sehr hohen Herunterlade-Zahlen mit dem Portal Geld verdienen. Zudem sorgt Spotify dafür, dass immer weniger Musikliebhaber CDs kaufen und nutzen – schlechte Zeiten für Musiker wie Darren, die CDs im Angebot haben. Zu „A Harebrained Adventure Of An Amateur Shaman“ haben wir leider nicht erfahren, welches verrückte (harebrained) Abenteuer der Amateurschamane erlebt hat. Es gibt aber zu dem Stück (wie für viele andere von Darren) ein schönes Musikvideo, in dem ein „Schamane“ von der Meeresküste zu einem Rollbrett-Park geht, in dem Jugendliche ihre Künste vorführen. Nicht aus Darrens Feder, sondern von John Fahey, einem 2001 verstorbenen US-amerikanischen Fingerstyle-Gitarristen stammt das Stück „Sunflower River Blues“. Richard Limbert, dem der amerikanischen Gitarrenkünstler natürlich geläufig ist, jubelte aus dem Hintergrund über die Wahl des Stückes – meisterhaft gespielt von Darren. Fahey war offensichtlich für viele Gitarristen wie auch für Darren und Richard eine Inspirationsquelle. Zum Abschluss präsentierte Darren noch eine Eigenkomposition: „No Trouble“ beschreibt die ruhige Stimmung, die er empfand, als er mit seinem Hund zusammen auf der Terrasse hinter seinem Haus in Australien saß – ein schönes Stück am Ende eines wundervollen Abends mit vielen hörenswerten Künstlern und Neu- bzw. Wiederentdeckungen für zukünftige Folk-Club-Abende.

Natürlich ging auch dieser Abend nicht zu Ende ohne eine gemeinschaftliche musikalische Huldigung an Jock Stewart, den Patron des Folk Clubs.

Auf Wiedersehen am 5. September mit Butterfly Moon (Ashleigh und Gareth aus England) als Featured Artists und zahlreichen Künstlern aus der Region. Das Thema des kommenden Folk-Club-Abends lautet: „Magie“.

 

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