Folk Club im Dezember 2025 – Gäste aus Schottland
Wie fast jeden Dezember seit 2011 kommt Simon Kempston aus der schottischen Hauptstadt Edinburgh zu uns und stellt seine neuesten Kompositionen vor. Das ist eine liebgewordene Tradition, und wir hoffen, dass das noch einige Jahre so bleibt. Wir freuen uns jedes Mal auf seinen Auftritt. Diesmal hatte er mit Paul Tasker einen langjährigen Freund aus Schottland mitgebracht, mit dem er schon mehrmals (auch im vergangenen Sommer) beim Edinburgh-Festival aufgetreten ist.
Ich will aber nicht vorgreifen, denn die übliche Reihenfolge des Abends beginnt wie immer mit John Harrison. Diesmal präsentierte er uns als Einstieg in den Abend aus seinem Repertoire die Lieder „The Snows, They Melt The Soonest“ (englisches Volkslied), „Geoffrey“ (von Jonathan Ole Wales Rogers) und “The Night Watchman“ (Big Bill Broonzy), die wir immer wieder gern hören.
Eine hübsche Idee brachte Kai Hoffstetter mit. Er erzählte uns eine niedliche Weihnachtsgeschichte. Dafür hatte er eigens einen kleinen, weihnachtlich dekorierten Tisch mitsamt Spieluhr aufgestellt, hinter den er sich hinsetzte und die Geschichte von einem Kochtopf erzählte, der ein Pferd sein wollte. Die Küchengeräte unterhalten sich in der Nacht. Und wie das so läuft, es erschien eine gute Fee und erfüllte dem Kochtopf seinen Wunsch und auch einige Wünsche anderer Geräte. Aber woher am Ende der echte rheinische Sauerbraten (aus Pferdefleisch) stammte, der an Heiligabend zubereitet wurde, verrät uns die Geschichte nicht. Deine Einfälle sind herrlich, Kai!
Seine intensive Sehnsucht brachte John Hurd mit einem eigenen Lied zum Ausdruck. Es geht dabei um seinen längst verstorbenen Vater, der nie über seine Erlebnisse in japanischer Kriegsgefangenschaft sprach. Sie waren vermutlich zu belastend. John hätte darüber gern etwas erfahren, aber der Vater behielt alles bei sich. Im Lied „Jacks Song“ schildert John sehr eindrücklich einen fiktiven Bericht seines Vaters gegenüber seiner Frau. Ähnliche Sehnsüchte schlummern sicherlich in vielen von uns.
Mit Caroline Bernotat und Peter Bachmann traten Künstler auf, die wir im Folk Club schon des Öfteren gehört hatten, aber noch nicht als Duo. Die Beiden bilden eine gelungene Kombination. Vielleicht bekommen wir sie in der Konstellation noch öfter zu hören. Von den drei Liedern, die sie uns vorstellten, stammten zwei aus Carolines Feder, die sich ebenfalls mit dem Thema Sehnsucht, in diesem Fall aber nach der verlorenen Liebe beschäftigen. „So Far Away“ singt Caroline mit ihrer einfühlsamen Stimme allein zu Peters schönem Fingerpicking. Bei „Where Are All The Years“ gab es ein Duett – nach Carolines Aussage ein Novum bei ihren Liedern. „Leaving On A Jet Plane“ von John Denver (bekannt vor allem in der Interpretation von Peter, Paul and Mary) lud dann das Publikum zum Mitsingen ein – herrlich! Vielen Dank für Euren schönen Beitrag.
Wie eingangs schon erwähnt, durften wir bei diesem Dezember-Folk-Club gleich zwei brillante Musiker aus Schottland begrüßen: Simon Kempston, den die meisten bereits von seinen zahlreichen Auftritten im Folk Club kennen und Paul Tasker. Paul begleitet Simon seit einigen Tagen auf seiner Herbsttour durch Deutschland, Belgien und die Niederlande. Beide arbeiten seit längerem zusammen und hatten u.a. vergangenem Sommer eine Auftrittsreihe beim Edinburgh-Festival. Wie Simon schreibt auch Paul viele seiner Stücke selbst. Einiges davon ist reine Instrumentalmusik – vom Feinsten! Auf ihrem neuen Album „Tangled Strings“ präsentieren Simon und Paul in perfektem Zusammenspiel neue Melodien und alte in neuem Gewand.
Den Start ihres Auftritts machte Paul mit einem eigenen Solostück: „To Decide“ handelt von der Unentschlossenheit. Am Ende steht man immer noch am Anfang. „Wayfaring Stranger“ ist ein bekanntes Volkslied über das Sterben. Von Paul gesungen und gespielt bietet es ganz neue Eindrücke.
„Tundra Plane“ ist ein Instrumentalstück aus Pauls Feder, bei dem Simon mit der Gitarre die einfühlsame Begleitung zu Pauls Spiel auf dem Banjo lieferte. Von Simon stammt „City Of A Thousand Windows“, zu dem ihn ein Besuch in der albanischen Stadt Berat inspirierte. „What Led You To This“ ist ein Lied aus Simons Album von 2024 (My Dreams Are Theirs), zu dem Paul die Begleitung beisteuerte. „The Resolution Torn Asunder“ ist ebenfalls ein (Instrumental-)Stück aus einem früheren Album von Simon (In Gratitude Of Solitude), das Simon und Paul für zwei Instrumente angepasst haben. Simon und Paul ergänzen sich auch hierbei hervorragend. Das gilt auch für das Stück „Onwards She Travels“, das aus Simons gleichnamigem Album stammt. Nach der Pause ging es dann weiter mit den Stücken „Sula’s Song“ (Hauptstimme für Pauls Banjo; hatte Paul für einen Hund geschrieben!), „So Sad, A Sorrow Not Yet Felt“ (zwei Gitarren). „Where My Love Belongs“ ist ein Lied, das Simon über seine kleine Tochter geschrieben hat. „Husker’s Theme“ stammt von Paul und ist laut seiner Aussage eine „Crossover“ Melodie, die die USA mit Schottland verbindet. „Firefly“ ist ein kleiner Walzer. Paul wurde zu dem Stück angeregt, als er einst das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker hörte – romantisch! Es gab natürlich noch eine kleine Zugabe: Simon, begleitet von Paul, spielte und sang „Caledonia“ von Dougie MacLean. Das gefiel dem Publikum natürlich – und auch Eurem Hofberichterstatter. Die Interpretation des Liedes würde sicherlich auch Dougie MacLeans Ansprüchen genügen. Riesenapplaus vom Publikum für die Beiden und vielen Dank vom Folk-Club-Team an Simon und Paul für ihren schönen Beitrag zum Jahresabschluss.
Ja, liebe Leute, der Auftritt von Simon und Paul war wie üblich in zwei Sets geteilt. Ich habe der Einfachheit halber alles in einen Bericht gepackt. Zwischen Pause und dem zweiten Set von Simon und Paul gab es auch noch weitere Dinge zu hören.
Den Anfang machte John Harrison mit einem kleinen Gedicht von Florence Margaret (Stevie) Smith. „Not Waving But Drowning“ heißt es und beschreibt in wenigen Zeilen, wie Missverständnisse zwischen Leben und Tod entscheiden können. Tja, wenn Du ertrinkst und Deine verzweifelten Handsignale als freundliches Winken interpretiert werden, ist es bitter. Aber weg vom Galgenhumor – die Autorin des Gedichts litt zeitlebens unter Depressionen und schildert in übertragener Form möglicherweise höchst persönliche Erfahrungen.
Musikalisch ging es danach weiter mit drei Liedern von und mit Mario Dompke. „Rumpelstilzchen“ ist eine kleine Allegorie auf die Versuchungen (Geld, Macht usw.), die die Menschheit plagen. Weniger eine Versuchung als vielmehr eine Freude für die Kinder in harter Zeit waren die Tütchen mit Süßigkeiten, die aus den Transportflugzeugen der US-Luftwaffe während der Luftbrücke 1948 über Berlin abgeworfen wurden. Dem Erfinder der kleinen Geschenke beim Anflug auf den Flughafen Tempelhof, Gail Halvorsen, widmete Mario das gleichnamige Lied. Weniger Erfreuliches thematisierte Mario mit dem „Lied vom Wegschauen“. Ein Kommentar erübrigt sich hierzu.
Rick Fines ist ein musikalischer Folk- und Blues-Profi aus Kanada, der seiner Frau wegen in Bonn wohnt (ja, so etwas gibt es) und seit kurzem den Folk Club entdeckt hat – wir fühlen uns geehrt. Diesmal kam er mit drei Liedern im Gepäck. Das Thema des heutigen Abends „Große und kleine Versuchungen“ (das Thema hatte ich bislang gar nicht erwähnt) bediente er mit seinem Lied „Muskoka Moon“. Muskoka ist eine seenreiche Gegend nördlich von Toronto. Es geht darum, dass er sich in den Ferien an einem der schönen Seen in Muskoka in die Schwester seines besten Freundes verknallt hatte – Versuchung pur! „Backup From Zero“ ist ein typischer Blues, in dem der Sänger alles Mögliche beklagt, das schiefgeht. Sogar die Zeile „I woke up this morning“ kommt vor, ein richtiger Klassiker bei den Blues-Texten, für den der Autor eigentlich einen Euro ins Phrasenschwein werfen müsste. Die Phrase ist in den Blues-Texten so allgegenwärtig, dass in einem Musiker-Witz die Frage gestellt wird: „Was steht auf dem Grabstein eines Blues-Musikers?“ Antwort: „He did not wake up this morning“ – Herrlich! Zu guter Letzt gab uns Rick noch ein kleines Seminar über Ragtime und seine Bemühungen ein geeignetes Lied zu schreiben, um seine spätere Frau zu überzeugen, zu ihm in die Einfachheit seiner damaligen Holzhütte zu ziehen. Über den Umweg des witzigen Liedes „I Can’t Tame Wild Women, But I Can Make Tame Women Wild“ (stammt von Bill Boyd’s Cowboy Rumblers) kam er zum Ergebnis seiner Bemühungen: „Baby I’m Good To Go“, und offenbar hat es danach gefunkt. Vielen Dank Rick, für Deine herrliche Musik und Deinen Humor.
Als ob wir nicht genug Glanzlichter an diesem Abend zu beklatschen gehabt hätten, tauchten noch Alex Paris und sein Vater Gué auf, die uns mit zwei Liedern aus ihrer brasilianischen Heimat beglückten. Kleine Gedankenstütze: Alex ist der Schlagzeuger in der Band Cayou, u.a. mit John Hay und Eva Henneken, die schon mehrmals im Folk Club aufgetreten sind. „Chega de saudade“ (Ich bin es satt, dich zu vermissen) von Antonio Carlos Jobim (Musik) und Vinicius de Moraes (Text) ist ein brasilianischer Klassiker und sozusagen der Ursprung des Bossa Nova. „Vai, minha tristeza, e diz a ela que, sem ela, não pode ser“ lautet die erste Zeile – eine wunderbare Liebeserklärung und ein ebenso wunderbares Geschenk an den Folk Club von Vater und Sohn Paris. „Como uma onda“ (wie eine Welle) war ein Hit aus den 1980ern, der für einen Film im Surfer-Mileu geschrieben wurde. Sein zweiter Titel lautet auch „Zen-Surfismo“. Dank an Gué und Alex für ihre schönen Lieder und das brasilianische Flair.
Damit war der letzte Folk Club des Jahres 2025 beendet, doch halt, am Ende gab es natürlich noch die gesangliche Huldigung des ganzen Saals an den Patron des Folk Clubs, Jock Stewart, „a man, you don’t meet every day“.
Auf Wiedersehen im Januar 2026, diesmal wegen terminlicher Probleme ausnahmsweise am 3. Freitag: 16. Januar 2026. Wir erwarten als Featured Artist Steve Crawford, den Schotten aus Aberdeen, der in Bonn lebt. Lasst Euch wie immer überraschen!
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