Zeit ist relativ
und zwar nicht nur, was das jeweils eigene Zeitgefühl anbetrifft, sondern auch, was den Sinn, den Inhalt des Wortes angeht. Hat der Eine keine Zeit, nimmt sie sich aber trotzdem, so verbringt der Andere eine gute Zeit und genießt, ohne an die bereits verstrichene Zeit zu denken. Nun gut, bevor es noch philosophischer wird, nehmen wir uns gemeinsam die Zeit und lassen den Abend des 166. Folk Clubs Bonn noch einmal an unserem geistigen Auge vorbeiziehen.
Wie immer sorgte der Willkommensruf des Zeremonienmeisters John Harrison für die notwendige Ruhe – und das war diesmal besonders wichtig, denn, aufgrund der Featured Artists des Abends waren auch viele nicht ständige Gäste anwesend, die den Ablauf noch nicht als selbstverständlich verinnerlicht hatten. Mit eingetretener Ruhe wurde dann der musikalische Reigen eröffnet und von John mit dem Rock ’n‘ Roll Song „Feeling Happy“ eröffnet – ja auch ein Blueser wie John kann Rock’n Roll (ist selbiger doch auch aus dem Blues entstanden). Mit „Rabbit Hills“ kehrte er wieder zum Blues zurück, um dann seine poetische Ader mit dem a cappella vorgetragenem, vertontem Gedicht „If“ durchscheinen zu lassen. Und eben dieses Gedicht trifft auch den Nerv des Themas, in dem die guten Ratschläge eines Vaters an seinen Sohn die Zeit vom Jungen bis zum Mann beschreiben.
Nach John erklomm Ute Brüggemann die Bühne, und eine Überraschung tat sich für mich auf – welch eine Stimme!!! In sehr klarer Intonation und mit sehr deutlicher Aussprache huldigte sie der Singer-Songwriter- und Folkszene. „The Hills of Strathblane“ von Sheila Hall wurde so schön vorgetragen, dass noch während des begeisterten Applaus der Wunsch nach mehr entstand. Dass Ute Brüggemann auch a cappella kann, bewies sie mit dem alten Traditional „Sometimes I Feel Like A Motherless Child“, wobei viele im Publikum dieses Lied kannten und gerne mitsangen. Dann wurde aber die Gitarre wieder hervorgeholt und eine Würdigung an den großen Songwriter Peter Yarrow mit dem Lied „Day Is Done“ dargebracht. Nun, wer jetzt gerade nicht so ganz genau weiß, wer Peter Yarrow ist, wird sich vielleicht an eben jenen Peter von Peter, Paul & Mary erinnern – und schon ist auch das Lied bekannt. Ein großartiger Auftritt, und ich freue mich schon jetzt auf weitere Darbietungen von Ute Brüggemann (die man, wie ich im I-net recherchierte, auch im Bach Chor in Bonn hören kann).
Zwar nicht zum ersten Mal, aber doch schon eine Weile nicht mehr im Folk Club gewesen, kam nun Andreas Kulik an die Reihe. Ich war vom ersten Tag an ein begeisterter Zuhörer von Andreas und ich finde es toll, wie er seine polnische Kultur durch die Interpretation polnischer Musik uns nahebringt. Ich bin immer wieder begeistert, wenn ein Künstler oder eine Künstlerin muttersprachlich auftritt und nicht alles in ein – oft leider, weil eben nicht muttersprachlich, verhunztes – Aprostrophenglisch gepresst wird (das Apostroph steht hier für die jeweilige Muttersprache D’englisch, F’englisch, Sw’englisch und so weiter). Musik aus dem Herzen mit entsprechenden Texten kann aus meiner Sicht nur in einer gefühlten Sprache dem Publikum nahegebracht werden – klar es gibt auch Fremdsprachler, die fast wie Muttersprachler sind – die können es wahrscheinlich. Aber wie viele Künstler gibt es, die mit einem Schulenglisch versuchen Gefühle zu transportieren – es mag sich jeder seine eigene Meinung vom Ergebnis bilden. Aber von diesem Abstecher zurück zu Andreas Kulik, der sehr gefühlvoll und sich musikalisch von Mal zu Mal steigernd die Balladen „Zawirowai Swiat“ und „Czarny Blues O Czwartej Nad Ranem“ als Coversongs von Stare Dobre Malenstwo darbot und dann ein (zu mindestens 65 %) eigenes Stück über einen Streit mit Petrus vor dem Himmelstor zum Besten gab, in dem beschrieben wird, dass er an eben diesem Scheideweg seines Daseins gerne alles zurücklassen wird, nur seine Gitarre will er mit in den Himmel nehmen. „Zostaw mi moja gitarę“ (nicht ohne meine Gitarre) lautet der Titel des Liedes.
Daniel Habermann ist inzwischen auch ein häufiger und gern gesehener (besser gehörter) Gast im Folk Club Bonn – diesmal kam er allerdings mit Unterstützung von Ruth und Estebans als Trio Los Rios. Die drei hatten sich das Motto zu Herzen genommen und huldigten der Zeit mit den Titeln „Time In A Bottle“, „Time in Space“ sowie „Timing“. Zwei Cover und ein eigenes Stück, einfühlsam und teilweise fetzig arrangiert und interpretiert und musikalisch und instrumental sehr professionell dargeboten. Was könnte den Folk Club noch schöner machen?
Nun, wenn ich schon so frage, so wird es nicht verwundern, dass ich gleich eine Antwort parat habe – nämlich eine ganz andere Form der Interpretation von Zeit. Anscheinend hatten Ismael de Barcelona & Thomas Monnerjahn nicht soviel Zeit, denn sie spielten die Töne ihrer dargebrachten Lieder sehr schnell hintereinander – ansonsten hätten sie wahrscheinlich die Zeit des Folk Clubs gesprengt? Natürlich war die Darbietung kein Ergebnis von Zeitmangel, sondern ausschließlich von Können. Flamenco meets Jazz und hier Gypsy Jazz, auch Jazz Manouche oder Sinti-Jazz (oder in Zeiten sensiblem Antidiskriminierungssprachwandels auch – ja wie eigentlich) genannt, vereinigt zwei Formen von Folklore, die beide sowohl große Traurigkeit wie auch überschäumende Lebensfreude ausdrücken können und deshalb oft von schnellen Tonfolgen und reißenden Rhythmen leben. Ismael und Thomas haben jeweils eine dieser Stilrichtungen als Blut in den Adern, und vereint zu einem Instrumentalduo schaffen sie regelmäßig großartige Stimmung bei ihren Konzerten. Mit „Noche En Cartagena“ (Eigenkomposition von Thomas Monnerjahn), „A Manuel„ (Eigenkomposition von Ismael de Barcelona), „Nueve de Julio“ und in der zweiten Hälfte „Libertango“, „Una Matina“, „Mediterranean Sundance/Rio Ancho„ und „Shape Of My Heart“ machten sie nicht nur Stimmung, sondern auch Lust auf mehr, was in der nächsten Zeit bei einigen Konzerten außerhalb des Folk Clubs auch erlebt werden kann (am besten, ihr informiert euch über die Termine auf der Webseite https://www.ismaeldebarcelona.com/). Was bleibt noch zu sagen? Ja, vielleicht, dass die beiden nicht nur große Könner auf ihren Instrumenten sind (und dies auch wissen), sondern ebenso sehr natürliche und liebe Menschen, die sich erfreut für jeden Applaus bedanken und diesen als Ansporn nehmen, uns immer wieder mit neuen virtuosen Darbietungen zu erfreuen.
Aber springen wir noch einmal an den Anfang der zweiten Hälfte zurück. John Hurd kam mit einem kleinen Strauß gelber Blumen auf die Bühne, um unterstützt von John Harrison das wunderschöne Gedicht von William Wordsworth „I Wandered Lonely As A Cloud“ zu rezitieren. Dieses Gedicht – ihr ahnt es schon – huldigt der Jahreszeit Frühling, wenn die Daffodils (Narzissen) überall auf den Rasen und Wiesen ihr neues Leben beginnen. Der Dichter hält dieses Bild mit seinem inneren Auge fest, um in späteren Zeiten, wenn die Narzissen verblüht sind, selbige als schöne Erinnerung wieder aufleben zu lassen.
Nach John Hurd kam wieder ein neues Gesicht zum Zuge. Sich selbst auf dem Klavier begleitend sang Jochen Hiester aus seinem eigenen Liederzyklus „Beziehungsweise“ das Lied „Wenn Alles da sein darf“. Ein Lied, welches sich gegen Establishment und gesellschaftliche Verpflichtung auflehnt.
Mit dieser Überleitung am Klavier ging es zurück zur Gitarrenbegleitung, die sowohl für sich selbst wie auch für Caroline Bernotat von Peter Bachmann bereitgestellt wurde. Auch diese beiden uns wohl bekannten Künstler nahmen sich das Thema des Abends zu Herzen und besangen es mit den Liedern „The Good Times We Had“ (Song von Noel Paul Stockey, besser bekannt als Paul von Peter, Paul & Mary), „Tomorrow Is A Long Time“ (von Herrn Zimmermann, besser bekannt als Bob Dylan) und einer deutschen Version des Tom-Waits-Songs „Time“ (diesmal bekannt als Zeit). Den beiden merkt man an, dass sie viel Spaß am Musizieren haben und so sehr authentisch und nicht gekünstelt ankommen. Ein Versprechen auf sicher noch viele Auftritte im Folk Club.
Nun kam ein weiterer Höhepunkt des Abends. Nach zehnstündiger Autofahrt von Prag nach Bonn müssten die beiden Dauergäste Ashleigh und Gaz (Midnight Fyre) eigentlich vollständig müde in den Seilen hängen. Aber hängen gelassen haben sie uns noch nie. Und so waren sie auch angesichts des Bonner Publikums putzmunter und mischten das Auditorium wie immer stimmgewaltig auf. Beim letzten Auftritt kam die Ankündigung an die bald erscheinende CD, diesmal von der kurz bevorstehenden Hochzeit – ich bin gespannt, welche Überraschung sie uns beim nächsten Mal mitteilen werden. Nicht überraschend war die großartige musikalische Darbietung der Lieder „You Go Your Way My Love“, „Happy Song“ und „Second Home“. Da die Songs von Midnight Fyre immer auch eine kleine Musicaldarbietung sind, erzähle ich gar nicht viel über den Inhalt – erlebt es selber, im Konzert oder auch in einem Video auf den einschlägigen Plattformen.
Tja, damit war die Zeit eigentlich auch schon wieder vorbei (den letzten Act von Ismael & Thomas habe ich ja schon weiter oben behandelt), aber auf die Frage von John, ob das Publikum vielleicht noch etwas Zeit hätte, kam die einmütige Antwort: „ja!!!“. So vereinigten sich nochmal alle Künstler und Künstlerinnen des Abend auf der Bühne, und gemeinsam mit dem Publikum erklang in gewohnter Inbrunst der Erkennungssong oder der Verabschiedungssong oder der Hoffnung auf ein nächstes Mal Song „Jock Stewart“.
Und denkt daran: Nach dem Folk Club ist vor dem Folk Club.
Out of the bedroom and cu am 10. April - erneut um eine Woche verschoben wegen des stillen Feiertags Karfreitag am 3. April.
Mario
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