Pech umgewandelt – war es Glück, Solidarität, einfach normal oder ein Wunder
Das Motto des Liederabends war diesmal Wunder/Miracles – war dieses Nomen auch Omen?
Der Folk Club Bonn lebt davon seine Vielseitigkeit aus der Mischung zwischen professionellen, semi-professionellen und Amateurmusikern zu gewinnen und so sind häufig sogenannte „featured artists“ vertreten, die teilweise aus fernen Ländern anreisen, um sowohl dem Publikum besonderen Genuss zu bereiten, aber nicht selten auch, um die besondere Atmosphäre des Folk Club Bonn zu genießen. Diese zentrierte Aufmerksamkeit auf die künstlerische Darbietung, die auch bei leisen Tönen immer gegeben ist – obwohl, wie ihr wisst, niemals elektrische Verstärkung genutzt wird. Auch am vergangenen Freitag war wieder eine professionelle Unterstützung angesagt – das italienische Duo Serena Finatti und Andrea Varnier, bereits zweimal mit großem Applaus im Folk Club gefeiert, hatte sich angesagt – nur leider konnten sie aus unglücklichen Umständen diese Zusage nicht einhalten. Auch war der Grund so kurzfristig eingetreten, dass keine Absage mehr vorher erteilt werden konnte, und so warteten die Organisatoren am Abend auf das Erscheinen des Duos – leider ohne Erfolg.
Aber der Folk Club wäre nicht der Folk Club, wenn der Abend nicht trotzdem zu einem unvergessenen Erlebnis gemacht worden wäre – anwesende Künstler verlängerten ihre Floorspots und andere, gar nicht für den Abend vorgesehene Künstler, sprangen spontan und ohne Vorbereitung – aber total professionell – ein. Ein Glück, dass alle so flexibel sind – eine große Solidarität untereinander ohne Künstlerallüren – im Folk Club ist sowas einfach normal und alles zusammengenommen ist es (oder der Folk Club) einfach ein Wunder – das Wunder von Bonn?
Aber der Reihe nach – noch in der Hoffnung, dass Serena und Andrea jeden Moment durch die Tür kommen, begann John Harrison wie immer als Zeremonienmeister den Abend mit dem laut geschmetterten und so zur Saalruhe anregenden „Läääddddiiieeeeees an Gentlemen, Mesdames et Messieurs….“. Wie immer im Mai huldigte John dann musikalisch den Kräften der Natur, die symbolisch sich in dem „Green Man“ darstellen, dem Kobold, der für alles Wachstum der Natur verantwortlich zeichnet. Was wäre ein Maianfang ohne das gemeinsame Singen? Und so regte Herr Harrison das Publikum zu eben diesem an und gemeinsam aus etwa 70 Kehlen ließ das Mailied „Hail! Hail! The first of May“ den Saal erbeben. Traditionell ist der 1. Mai in Bonn auch der Tag des Rhein in Flammen und so passt es immer wieder gut und ist eine schöne Bereicherung, wenn John die Geschichte einer vor dem Feuerwerk geflohenen Ente erzählt, die sich den Balkon der Familie Harrison als Ersatzkreißsaal erkor und dort ihre Eier ausbrütete. Johns Tochter nannte diese, in Form und Tätigkeit einem Zeppelin ähnelnde Figur, „Zeppelina“, woraus John dann die Geschichte zu einem Lied wandelte, welches uns im Mai erfreut.
Nach John waren dann die Molitones dran – ein Trio mit dem wunderbar einfühlsamen Gitarristen Carsten und den mit tollen Stimmen ausgestatteten Sängerinnen Iris und Steffi. Gemeinsam boten sie uns ihre Versionen der Songs „Can’t Help Falling In Love“, „Make You Feel me Love“ und „Tommi“ dar und, wie unschwer bereits aus den Titeln erkennbar ist, huldigten sie damit deutlich der kalendarisch im Mai verorteten Liebe (natürlich lebt die Liebe das ganze Jahr, aber häufig beginnt sie halt im Mai). Beim letzten Lied ist das Thema nicht ganz so offensichtlich im Titel zu erkennen, jedoch handelt das Lied von der Liebe zu Köln, einer Stadt, die einmal erlebt, eine lebenslange Liebesgeschichte erzählt. Toll, wie die Interpretationen mit glasklaren Intonationen in Zweistimmigkeit zu dem bereits erwähnten einfühlsamen Gitarrenspiel erklangen.
Caroline Bernotat und Peter Bachmann scheinen sich nun dauerhaft musikalisch verbunden zu haben und erfreuten uns auch diesmal wieder mit eigenen Liedern und Interpretationen bekannter Klassiker. Ich denke, dass die Beiden von mal zu mal besser harmonieren und so regten sie mit dem durch Peter, Paul & Mary bekannt gewordenem Lied „Puff The Magic Dragon“ das Publikum zum Mitsingen an und geleiteten es mit ihrer Stimmführung durch den Song. Danach griffen sie ein Lied von Caroline Bernotat auf, „You Crept Into My Life“, und interpretierten es in sehr schöner Art und Weise teilweise zweistimmig. Mit „Scarborough Fair“ beendeten sie ihren Floorspot und sandten damit auch eine Botschaft gegen den Krieg in die sich leider zur Zeit wieder einmal selbst zerstörende Welt, denn in toller Simon & Garfunkel-Manier flocht Caroline das Lied „The Side of a Hill“ in den Text ein.
Kai Hofstetter – beim letzten Folk Club vorgesehen, doch wegen Krankheit ausgefallen, feierte seine Rückkehr mit der Annette „Drunt am Mee“ in seinem typischen Rhein-Main-Delta-Dialekt. Ein Frühlingslied, welches ein rituelles Treffen am Main zur Huldigung des Frühlingsanfanges beschreibt. Zur Erinnerung: eine Annette ist die Darbietung nur eines Liedes – im Gegensatz zu einem Floorspot, welcher etwa drei Lieder umfasst.
Volkskapell, ein Traum, den ich – also euer diesmaliger Chronist - seit vielen Jahren verfolge, wurde wahr – und ich hoffe, dass er noch lange gelebt werden kann. Deutsche Volkslieder haben aus meiner Sicht einen unberechtigten schlechten Ruf. Beschreiben sie doch ebenso wie vom Volk gesungene Lieder anderer Kulturen eben kulturelle Begebenheiten, drücken soziale und politische Missstände aus und zeigen auf, welche gesellschaftlichen Bedingungen in der Zeit ihrer Entstehung herrschten. Oft auch noch mit schönen, flüssigen oder auch manchmal kniffligen Melodien. Die deutschen Volkslieder wieder aus der Ecke des Verstauben herauszuholen, habe ich mir schon lange auf meine Fahne geschrieben und anscheinend ist gerade die Zeit wieder reif dafür. Gemeinsam mit Corinna Glück habe ich die Gruppe Volkskapell zurück ins Leben gerufen und an diesem Abend interpretierten wir die Lieder „Wenn ich ein Vöglein wär“ (ein Lied über die Traurigkeit des Verlassen Seins), „Horch, was kommt von draußen rein“ (ein Lied, dass beschreibt, dass leider der Wunsch nach einer Liebe mit einer bestimmten Person nicht immer in Erfüllung geht) und „Die freie Republik“ (ein Protest und Spottlied über die Versuche der Obrigkeit, ihren Machtanspruch durch Gewalt umzusetzen). Wir versuchen hierbei sowohl mehrstimmigen Gesang wie auch unterschiedliche Instrumente einzusetzen. An diesem Abend kamen die Gitarre, die Waldzither und das Banjo zum Einsatz.
Nach uns sollten nun die featured artists spielen und da diese nicht anwesend waren, wurde endgültig klar, dass unglückliche Umstände ihr Erscheinen verhindert hatten. Es wurde eine kleine Pause eingelegt und diese genutzt, um den Abend noch schnell umzuorganisieren. Nach der Pause sammelte John mit seinem kleinen Poem von Edward Lear über die Eule und die Katze „The Owl & The Pussy Cat“ alle Zuhörer wieder ein und übergab das musikalische Zepter an John Hurd, welcher mit dem Lied „The Last Round Up“ seiner Liebe zu Western Filmen frönte.
Tom Kannmacher ist ein immer wieder gern gesehener Gast im Folk Club, denn – und das finde ich persönlich, wie ihr euch denken könnt, besonders toll – er hat auch eine große Liebe zu deutschen Volksliedern. Und er gräbt in den Annalen der deutschen Kultur noch viel tiefer als ich - es erscheinen Schätze, von deren Ursprung die Meisten nichts wussten - aber nachdem diese gefunden wurden, auch nicht mehr missen möchten. Und so begann Tom mit einem musikalischen Bericht über die Klage eines Bauernlebens, über die Last und Mühe des Alltags, die oft nicht zu dem minimalen Wohlstand des gesicherten Überlebens führen – wem kommt das bekannt vor? Obwohl wir alle, auch wenn arm, heute in einer relativ größeren Sicherheit unseres Lebens leben, als der Bauer in dem Lied „Auf Erden der Bauer keinen guten Tag hat“. Mit einem Protest oder Anklagelied gegen die diebischen Machenschaften der Müller, die durch die notwendige Infrastruktur meist eine Monopolstellung in der landwirtschaftlichen Produktion hatten, wettert das Lied „Der Müller der Dieb“. „In Böhmen liegt ein Städtchen“ ist eine Hommage an eine Garnisonsstadt, in der Zivilisten und Militär in trauter Gemeinsamkeit zusammenlebten, bis, ja bis der Krieg ausbrach und die Profession der Soldaten von den Machthabern eingefordert wurde. Viele kamen nicht zurück und aus dem schmucken Städtchen wurde ein Trauerfeld. Eigentlich sollte nach drei Liedern Schluss mit dem Floorspot sein, aber nun kam das Glück zutage, dass Tom natürlich noch mehr Lieder auf Lager hat und aus Solidarität zum Folk Club selbstverständlich diese auch darbrachte. Weiter ging es also mit dem „Herr von Falkenstein“, in dem ein Fräulein um die Freilassung des geliebten Gefangenen bittet – den verlangten Preis mochte sie jedoch nicht bezahlen und so sann sie auf andere Befreiungsmöglichkeiten – anscheinend erfolgreich, denn das Lied endet mit dem Satz „und wenn mir was gestohlen wurde, darf ich es wieder holen“. Den Abschluss bildete ein zusammengesetztes Tanzstück auf der Gitarren-/Harfenlaute „Meister und Knecht/Hohn und Spott“.
Und nun kam ein weiterer Solidaritätsbeweis. Als Zuhörer anwesend waren Thomas Monnerjahn und Eric Linfoot , die sich spontan und ohne Vorbereitung zu einem Floorspot auf die Bühne begaben – was kann man schon erwarten, wenn es keine Vorbereitungsmöglichkeit gab? Bei den beiden ALLES. Auf einer geliehenen Gitarre mit Stahlsaiten (Thomas spielt seit einiger Zeit ausschließlich Nylonsaiten) wurde ein Jazzzauber an den Tag gelegt, dessen Professionalität andere (mich eingeschlossen) selbst nach jahrelangem Üben nicht erreichen. Gepaart mit der tollen Stimme und Liedinterpretation von Eric wurde dem Publikum ein wahrer Genuss dargeboten. Mit „All Of Me“, „Stormy Monday“ (bei dem John Harrison noch spontan mit der Mundharmonika einsprang) und dem „Manha de carnaval“ füllten sie eine Lücke, ohne Lückenbüßer zu sein.
Vorgesehen, aber auch etwas ausgedehnt, zeigte uns danach Rick Fines wieder einmal sein Können. Als durch familiäre Umstände nach Bonn verschlagener kanadischer Profimusiker, ist er inzwischen ein fester Bestandteil des Folk Clubs geworden und zeigt uns immer wieder die unterschiedlichsten Stilrichtungen auf der Gitarre, die sich bei ihm in die Richtung Blues, Jazz, Ragtime bewegen. Auch macht er immer wieder deutlich, wie einfach und leichtfingrig Gitarrespielen ist (sein kann, wenn man es kann), wenn die Angst verloren wird und das Prinzip der Fingerbewegung und der richtigen Grifflagen verstanden wir – mit anderen Worten, es bleibt eine Wissenschaft :-). Rick bot uns sowohl selbst komponierte Lieder, wie auch Interpretationen anderer Musiker an. „Laundry On The Line“ war sein Opener. Ob die frisch getrocknete Wäsche direkt durch Kaffeeflecken wieder beschmutzt wurde, bleibt in dem Lied „Coffee, One Cream“ ein Geheimnis, aber verständlich war sein Ausspruch, dass es ein großes Glück auf Erden ist, morgens aufzuwachen, aber ein noch größeres, eine frisch gebrühte Tasse Kaffee in den Händen zu halten, um durch deren Genuss alle Sinne wieder auf den neuen Tag richten zu können. „My Mistake“ ist eine Geschichte über eine Liebe, die sich glücklicherweise dann doch nicht als Fehler, sondern als Glückstreffer darstellte. „Half full Cup“ ist ein Lied (wenn ich alles richtig verstanden habe), welches eigentlich über eine Freundin geschrieben werden sollte. Rick bemerkte aber irgendwann, dass plötzlich auch seine Mutter in dem Text auftauchte und, was die Sache dann komplett machte (oder war es kompliziert?) dann auch noch seine Schwester – ich habe bei der Darbietung einfach nur auf die Musik gehört und diese hat mich vollends zufrieden gestellt. Den Abschluss bildete eine Interpretation des Chuck-Berry-Stückes „No Money Down“, in dem die Liebe zu einem Auto beschrieben wird. Hier konnte Rick auch wieder beweisen, dass er, obwohl beide Hände mit der Gitarre beschäftigt sind, auch noch Trompete spielen kann – mit geschlossenen Augen konnte tatsächlich der Eindruck entstehen, dass eine leise Trompete im Hintergrund spielt – obwohl es nur ein instrumentenloses Mundspiel war. Rick wird uns mit Sicherheit noch oft beglücken und ebenso sicher wird uns beim Zuhören nie langweilig werden.
Nun, was könnte jetzt noch kommen? Ihr ahnt es: die Huldigung unseres Patrons Jock Stewart – denn ohne diesen, von allen getragenen Akt der Solidarität, hört ein Folk Club niemals auf. Und nun? Denkt daran, nach dem Folk Club ist vor dem Folk Club. Wir sehen uns wieder am 5. Juni 2026, in diesem Sinne
Out of the bedroom
Euer Mario