Montag, 1. Dezember 2014

Detlefs Bericht vom Folk Club Nr. 52 am 7. November 2014


Folk Club Nr. 52 – Harp ist nicht gleich Harp

Dass „Harp“ sowohl Mundharmonika als auch Harfe bedeuten könnte, hatte sich Master John Harrison bei der Formulierung des Themas des Abends vielleicht denken können, aber seine Gedanken schweifen nun mal hauptsächlich um die mit dem Mund gespielte Variante. Tatsächlich waren beide Instrumente im Folk Club im November 2014 vertreten, und das war dem Zufall geschuldet, der schon so oft dem Folk Club die nötige Würze verliehen hat. Antje ten Hoevel und Uwe Jendricke tauchten unangemeldet mit ihren Harfen als Walk-ins auf, mussten sich mit dem Auftritt fast bis ans Ende eines sehr langen Abends gedulden und brannten dann ein Feuerwerk der Musikalität ab, dass das Publikum schier aus dem Häuschen war.
Aber hübsch der Reihe nach, wie Ihr es von eurem Chronisten gewohnt seid:
Der Abend begann mit dem üblichen Begrüßungs-Schlachtruf unseres Cheforganisators John Harrison, der anschließend das Publikum mit dem San Francisco Bay Blues in die Thematik des Abends einstimmte, denn es ging gleich mit den Kazoos zur Sache und das Publikum hatte sich ohrenscheinlich reichlich mit den kleinen Krachmachern eingedeckt.
Angesichts der zu erwartenden großen Zahl von Auftritten überließ unser Master schon nach einem Stück die Bühne unserem Multitalent Paolo Pacifico, der mit dem Mundharmonika-Solo „Puerta de Azul“ begeisterte. Das getragene und gefühlvolle „Angel from Montgomery“ sangen Paolo und Svenja Jesumann mit wunderbarer Stimmführung zweistimmig. Svenjas engelsgleicher Sopran wird hoffentlich noch häufiger zu hören sein.
Adam, der uns im Dezember 2012 bereits mit einem schönen Lied zu seiner sächsischen Konzertina begeistert hatte, brachte diesmal neun weitere Musiker mit, die sich als Franziskus-Chor aus Neunkirchen-Seelscheid vorstellten: „Ich sage ja“ lautete der Titel ihres ersten Liedes, dessen Text von Wolfgang Borchert stammt. Einfühlsam begleitet von ihrem Chorleiter Michael Knopp ging es weiter mit dem schönen Lied „Die Sonne“ mit dem Text von Ingeborg Bachmann (Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein). Einer wunderbar vorgetragenen Variante des Liedes „The Rose“ von Amanda McBroom folgte zum Schluss das Lied „Laughing and Walking and Singing“. Viel Applaus für den Franziskus-Chor!
Als Walk-in kamen Uwe Gillert mit seinem Sohn Max und ihrem Freund Lye Rida ins Rennen. „The Ghost of Tom Joad“ von Bruce Springsteen ist schon eine Herausforderung, die die drei mit Bravour meisterten. Gänsehautgefühl gab es dann bei „Heart of Gold“, dem unsterblichen Klassiker von Neill Young.
2Sunny sind Tatjana Schwarz und Ralf Haupts, die dem Folk Club inzwischen schon mehrfach die Ehre gegeben haben und die an diesem Tage als „Featured Artists“ extra viel Zeit erhalten hatten, um ihr wirklich mitreißendes Repertoire vorstellen zu können. Tatjana glänzt dabei mit ihrer ungeheuer lasziven und erotisierenden Altstimme, die sie in bester Jazzmanier einsetzte. Wenn sie nicht singt, dann spielt sie ihr Altsaxophon (Thema des Abends) in nicht minder professioneller Weise. Ralf singt, spielt Mundharmonika (nochmals Thema des Abends) und beherrscht die Gitarre meisterhaft. Mir gefallen besonders die Lieder, in denen beide gemeinsam singen, ihre Stimmen ergänzen sich aufs Harmonischste. „Summertime“, George Gershwins Klassiker, ist wie für die beiden gemacht. Das gilt nicht minder für die Lieder, die einst Zarah Leander sang. „Nur nicht aus Lieber weinen“ aus dem Film „Es war eine rauschende Ballnacht“ ist Tatjana wie auf den Leib geschrieben. Bei Mr Saxobeat konnte sich Tatjana am Saxophon austoben. Lye Rida von Uwe Gillert und Freunde sprang begeistert hinzu und unterstützte die beiden auf seinem Cajon.
Nach der Pause eröffnete Jutta Mensing mit einer Kostprobe aus ihrer unerschöpflichen Sammlung plattdeutscher Lieder das Programm. Das anrührende Lied „Öwer de stillen Straten“, dessen Text von Theodor Storm stammt, sang sie wie so oft a capella mit einer Selbstverständlichkeit, die gleichermaßen sprachlos macht wie begeistert.
Gerald und Jens begannen ihr kleines Programm mit „The Siege“ des Schotten Nick Keir, der vor gut einem Jahr an Krebs gestorben war. Die Geschichte beschreibt eine Belagerung einer nicht näher genannten Stadt, bei der eines Tages ein Mädchen, das über die Verteidigungswälle späht, bemerkt, dass die Angreifer abgezogen sind. Eine Besonderheit war die in Moll transponierte Version des deutschen Volksliedes „Kein schöner Land“. Gerald und Jens waren der Meinung, dass zu viele deutsche Lieder in Dur gesetzt sind und dass die schönsten Lieder oftmals in Moll erklingen. Ihr Experiment mit dem Volkslied war nicht uninteressant. Ebenfalls in einer Molltonart erklang das eigenartige baskische Schlaflied „Lua, Lua“, bei dem dem Kind vorgesungen wird, dass der Vater die Mutter auf dem Markt verkaufe – Sitten sind das! Gerald setzte bei den Liedern auch sehr schön seine Melodica ein, die ja eine Verwandte der Mundharmonika ist. Somit gab es noch eine Variation des Themas „Harp“.
Als kleines Intermezzo sang Bob Marabito mit Unterstützung von John Harrison (Mundharmonika) und Mario Dompke (Gitarre) „Kansas City“. Das Publikum sang fleißig mit und auch die zahlreichen Kazoos kamen zum Einsatz.
Jazzig ging es weiter mit Christian Schuster (Gesang und Gitarre) und Heidrun Gremse (Tenorsaxophon). „Georgia on My Mind“, den alten Jazzstandard, interpretierten die beiden mit einer Selbstverständlichkeit die das Publikum mucksmäuschenstill werden ließ. Christian sang das gefühlvolle Lied zur eigenen wunderbar transparent gespielten Gitarrenbegleitung mit zarter Stimme und Heidrun steuerte die fast gehauchten Saxophontöne bei, die für Kribbeln und Schauer im Rücken sorgten – Ben Webster wird am Himmelspöötzche seine Freude gehabt haben. Den gleichen Wohlfühleffekt erreichte Heidrun danach mit einem Instrumental begleitet von Christians kunstvollen Gitarrenriffs. Weiter ging’s mit „My Funny Valentine“, dem berühmten Lied des unvergessenen, genialen und tragischen Chet Baker, das erneut für einen Saal sorgte, in dem man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören konnte – hinreißend. zum Abschluss brillierten Heidrun und Christian mit einer herrlichen Interpretation des Liedes „You Don’t Know What Love is“ von George Benson.
Etwas Besonderes sind die Lieder von John Harrisons Jugendfreund Jonathan Ole Wales Rogers, der bereits mit 27 Jahren starb. John spielt und singt sie hin und wieder. Diesmal wurde er von Tochter Jenny am Klavier und von Paolo Pacifico an der Munharmonika begleitet. „It’s getting so Very Hard” und „Didn’t I Even Want to Know You” lauteten die Titel der leicht melancholischen Lieder.
Ralf Gogo, der beim letzten Folk Club die Last der vor ihm aufgetretenen Profisängerin Marili Machado mit etwas Anlauf aber dann doch mit Bravour abgeschüttelt hatte, konnte diesmal freier aufspielen und tat es auch. A capella zu singen ist schon eine Herausforderung. Hannes Waders Lied „Kommt Freunde lasst es mich einmal sagen“ sang er wunderbar. Das Lied ist im Übrigen eine Adaption des Liedes „It’s Good to See You“ von Alan Taylor. Bei „This Land is Your Land” von Woody Guthry entwickelte sich der Saal dann zu einem mehrstimmigen Chor – Gänsehaut pur. Den Abschluss bildete „It Never Rains in Southern California“ – die Flower Power Zeit lässt grüßen.
Ein weiteres kleines Intermezzo bescherte uns der Kölner Profi-Straßenmusiker Hermann-Josef Wolf alias Fliege, der begleitet von seinem Hühner-Maskottchen ein paar witzige Gesangseinlagen vortrug „Eat Bananas in the Middle of the Ocean“ lautete die Aufforderung.
Lothar Prünte hatte bereits im Oktober Folk Club auf sich aufmerksam gemacht und steuerte diesmal zwei Lieder bei. Bei „Without Love“ von den Doobie Brothers ging die Post ab. Allzweckwaffe Paolo Pacifico sprang Lothar mit seiner Mundharmonika zur Seite und Ralf Haupts schnappte sich ein Cajon und machte den Sound komplett. Mit Lothars phänomenaler Stimme und der Unterstützung von Paolo und Ralf wurde danach „Give a Little Bit“ von Supertramp zum Knüller – dicker Applaus für die drei.
Wie am Anfang des Berichts schon angekündigt, durften nach etwas langer Wartezeit Antje ten Hoevel und Uwe Jendricke ihre Harfen in Gang setzen. „Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht“, das schöne, aber traurige Liebeslied, dessen Text vermutlich von Anton Wilhelm von Zuccalmaglio stammt, war wie geschaffen für die zarte doppelte Harfenbegleitung und dem schönen Gesang der beiden. Aus Russland stammt das nächste Lied, das nach Antjes Kommentar ein Geburtstagslied für alle Menschen sei, die gerade Geburtstag haben (irgendjemand hat immer gerade Geburtstag). Eine witzige Idee mit einem sehr schön anzuhörenden Ergebnis war die Spieluhr-Nummer: Antje hatte eine Spieluhr für einen Lochstreifen präpariert, der ein komplettes Lied abbildete. Zum Spieluhr-Lied gab es dann eine wunderbare Harfenbegleitung – gespannte Stille im Saal und toller Applaus für die schöne Vorführung. Das war eine gelungene Werbung für ein wunderbares Instrument. Vielleicht bekommt der Folk Club ja demnächst noch einmal eine Neuauflage des Auftritts der beiden.
Ein dickes Lob für die Geduld von Tatjana und Ralf, die ihrem Duo-Namen „2Sunny“ alle Ehre machten und mit sonnigem Gemüt und guter Laune den zweiten Teil ihres Auftritts am Ende des Abends starteten. Bei „Just the Two of Us“ von Bill Withers konnten beide ihr Können voll ausspielen. Beeindruckend war insbesondere Tatjanas tolles Saxophon-Solo. Noch einmal griff Tatjana tief in die Kiste „Sinnliche Altstimme“ und sang das Lied „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ von Friedrich Hollaender in einer Manier, an der Marlene Dietrich sicher ihre Freude gehabt hätte. Den Abschluss bildete Marius Müller-Westernhagens tolles Rock-Stück „Mit 18 – Ich will zurück auf die Straße“. Riesenapplaus für Ralf und Tatjana von einem dankbaren und glücklichen Publikum, das erneut ein proppenvolles Programm mit vielen Glanzlichtern und Überraschungen erleben durfte.
Aber natürlich war der Abend noch nicht zu Ende ohne das gemeinsam gesungene Lied von Jock Stuart, und alle Musiker, die noch im Saal waren versammelten sich noch einmal auf der Bühne zum traditionellen Rauschmeißer.
Auf Wiedersehen im Dezember 2014 zu unserem Folk Club Abend mit Simon Kempston aus Edinburgh, diesmal zusammen mit Adam Nash an der Geige.

Keine Kommentare:

Kommentar posten