Donnerstag, 3. Oktober 2019

Detlefs Bericht zum Folk Club im September


Folk Club Nr. 105 am 6. September – Stürmisches Wetter

Stürmisch waren einige Lieder, aber das Wetter meinte es durchaus gut an diesem Folkclub-Freitag.

John Harrison und Eva Henneken eröffneten den Abend gemeinsam mit Liedern zum Thema. Bei „Stormy Weather“ und „Stormy Monday“ nahmen sie es ganz wörtlich. Den Titel „The World Turned Upside Down“ muss man entsprechend interpretieren, und dann passt es wunderbar. John interpretierte das Lied als kleine Warnung um auf Boris Johnsons Attacke auf die Rechte des britischen Parlaments. „Boris pass auf, Jakob der Erste wurde für den Anschlag aufs Parlament geköpft“, war Johns Kommentar. Eva und John zeigten sich beide spielfreudig wie immer. Eva glänzte mit wunderbaren Soli – die Geige bewies durchaus auch Qualitäten für den Blues, und Johns Gesangsinterpretationen sind einfach umwerfend – großer Applaus für die beiden.

Timmy, Evas kleiner Sohn, durfte danach zeigen, dass er auch schon etwas auf der Geige kann (klar, bei der Mama) – „Hejo, spann den Wagen an“ konnte das Publikum, begleitet von Timmy und der Mama im Kanon singen, und das sogar dreistimmig.

Gert Müller, unser Mann für alle Gedichte, kann nicht nur Bonner Platt. Gert glänzte diesmal – begleitet von Steve Perry auf der Gitarre – mit einer kleinen Kostprobe aus der Bühnenshow „Rock ‘n Rollator Show“: Der „Altersheim Rap“ (Take a Walk On the Wild Side) ist ein wunderbarer Spaß und eine fantastische Werbung für die Rollator Show.

ElPi alias Lothar Prünte ist gleichfalls ein Mann für alle Gelegenheiten, zumindest für die musikalischen. Sein Repertoire scheint unerschöpflich. „Ride like the Wind“ von Christopher Cross passte perfekt zum Thema und was viel wichtiger ist, das nicht ganz einfache Lied wurde von Lothar mit einer Leichtigkeit gesungen und gespielt, das es eine Freude war. Das Gleiche galt auch für „Take the Weather With You“ von Christopher Cross. Lothars Beiträge sind immer ein Genuss.

Neu im Folk Club waren Isabell und Carolin, beide mit Gitarre ausgestattet. Isabell steuerte die Gesangsstimme bei. Mit „Til It Shines“ von Bob Seger starteten sie ihr Set. Auch das muss man einmal lobend hervorheben: Isabell stellte die Stücke mit klarer und deutlicher Stimme vor, so dass jeder verstehen konnte, was als nächstes zu hören war. Ziemlich häufig gibt es leider bei dieser Gelegenheit nur verhuschtes Gemurmel. So klar und deutlich wie die Vorstellung der Stücke war auch Isabells Gesang und zudem ausdrucksstark und intonationssicher. Zusammen mit den beiden gekonnt gespielten Gitarren boten Isabell und Carolin eine super Vorstellung für das Publikum. Das alte irische Lied „The Star of the County Down“ ist ein Klassiker, den man immer wieder gern hört. Meiner Erinnerung zufolge gab es das Lied „Lonely People“ von America aber bislang im Folk Club noch nicht zu hören. Wenn diese Erinnerung getrogen hat, dann dürft ihr im Blog gern einen Kommentar hinterlassen. Ihr dürft aber ohnehin gern einen Kommentar abgeben, wenn es nicht gerade Schmähkritik ist. Applaus für die Beiden verbunden mit dem Wunsch nach einem weiteren Auftritt.

Die Geige hatte heute einen besonderen Tag, als ob sich die Musiker abgesprochen hätten: Johannes Epremian, der ansonsten mit der Gruppe „Le Clou“ auftritt, stellte als Solokünstler Cajun-Stücke vor. Cajun ist oder war die Musik der französischsprachigen Bewohner von Louisiana im äußersten Süden der USA. „Les Barbes de La Prison“ heißt der Walzer (der aber kein Walzer ist). Johannes spielt Geige (und wie!) und singt dazu, eine ungewöhnliche Kombination. Besonders ungewöhnlich aber ist Johannes‘ Stimme: Wie ein Vulkan kommt sie daher und ist dabei doch einfühlsam, wunderbar tragend mit leichtem Vibrato und zudem prägnant in der Artikulation – grandios. Für Leute wie ihn ist eine Bühne ohne elektrische Verstärkung wie geschaffen. Nur instrumental ist ein Stück, dessen Ursprung nicht ganz klar ist. Es heißt „Michael Turner’s Waltz“. Diesmal ist es tatsächlich ein Walzer, also ein Stück im Dreiertakt. Der Komponist, der schottische Arzt Michael Turner, hat die Melodie vermutlich bei Mozart geklaut.

Eine witzige Geschichte steht hinter dem Lied „Blues de Soulard“ (Saufkoppblues), das über ein Paar berichtet, die 77 Jahre lang verheiratet waren. Gefragt nach dem Geheimnis ihres langen Lebens und ihrer langen Ehe hätten sie unisono geantwortet: „Wir beide haben dasselbe Hobby, wir saufen beide gerne!“ Tja, das sollten wir mal den Moralaposteln unter die Nase reiben. Ein bemerkenswerter Beitrag von Johannes, der frenetischen Applaus erntete.

Die Featured Artists des Abends haben sich den witzigen Namen AGA+ gegeben. AGA+ steht für Astrid Kröger-Schönbach (Akkordeon und Gesang), Gabriella Acsai, (Flöte und Gesang), Anja Städtler (Violine und Gesang) sowie Frederic Schönbach als das Plus am Kontrabass. Die drei Frauen und ihr männlicher Kollege widmen sich der Kombination Klezmer-Tango-Jazz-Folk mit wahrer Leidenschaft. „Mit‘n Fidele“ ist ein schwungvolles Klezmer-Instrumentalstück.

Miteinander kombiniert sind die Lieder „Ne aludj el“, ein Liebeslied aus Gabriellas ungarischer Heimat und das serbische „Ajde Jano“, ein altes Volkslied, das gern bei Partys gesungen und gespielt wird. Das Lied im für den Balkan typischen 7/8 Takt ist mitreißend, dabei muss man einfach tanzen! Wunderbar die Stimmen der drei Frauen.
Ebenfalls eine Kombination verschiedener Stücke nennt sich „Stolen Moments“ und besteht aus den Tänzen Hora (langsam im ¾ Takt), Freilach (etwas schneller im 4/4 Takt) und Bulgar (wild).
Land


„Land of Choice“, ebenfalls ein instrumentales Mischstück, besteht aus Melodien der Stile Gipsy, Klezmer und Czardas. Umgearbeitet zu einen Klezmerstück haben die Vier das Lied von Jason Derulo „Talk Dirty“ – beachtlich. Als offizielle Hymne der Zigeuner gilt das Lied „Djelem Djelem“, das Gabrielle in ihrer ungarischen Muttersprache singt – bezaubernd sowohl Gabrielles Solopart mit ihrer wunderbaren Stimme als auch der vierstimmige Refrain.

Zum Schluss, na ja noch nicht ganz, gab es noch ein Instrumentalstück kombiniert aus den Tänzen Freilach und Kolomeike. Nun, wie schon angekündigt, war das natürlich nicht ganz der Schluss. Als Zugabe durfte das Publikum sich über das bekannte Lied „Bei mir bist du schön“ freuen und auch ein wenig mitsingen.

Mit begeisterndem Applaus wurden die Vier entlassen.
Nun, wir haben die Reihenfolge nicht eingehalten und die Sets von AGA+ vor der Pause und am Ende des Abends zusammengefasst. Es gab noch mehr zu hören an diesem vielseitigen Abend:

Steve Perry eröffnete den zweiten Teil mit einem Lied mit tiefschwarzem Humor von Sheldon Harnick (Wikipedia, das alles weiß, sagt, dass das Stück entgegen weitverbreiteter Auffassung nicht von Tom Lehrer stamme): „The Merry Minuet“ wurde bekannt in der Interpretation des Kingston Trios. „They‘re rioting in Africa, they’re starving in Spain“ startet der Text zu einer lustigen Melodie im Dreivierteltakt. Zur Lösung der Widrigkeiten des Weltgeschehens haben die Menschen auch schon das richtige Mittel entwickelt: Ein kleiner Druck auf den roten Knopf, und alles ist erledigt. Bei dem Lied weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll.

Schahan aus Persien stellte uns danach ein Lied in seiner Muttersprache vor. Leider gab es dazu keine vertieften Informationen, aber ich kann versichern, dass es sehr schön gesungen wurde zu einer fein gezupften Gitarrenbegleitung mit einer eher spanisch anmutenden Melodie. Dass er sich der spanischen Musik verbunden fühlt, bewies Schahan auch mit seinem zweiten Lied, das er auf Spanisch sang. So etwas erfreut das Publikum, und entsprechend großzügig fiel der Applaus aus.

Mario Dompke und Sonja wollten eigentlich schon im vorigen Folk Club mit einer weiteren Dame als Trio antreten, aber damals musste Mario wegen der erkrankten Kolleginnen als „Bube ohne Damen“ spielen. Diesmal waren sie zumindest zu zweit. Statt des geplanten Namens „Damen mit Bube“ musste nun ein anderer Name für die Gruppierung her: Die Wahl fiel auf „Fomianderl“, eine Abkürzung für „Folk, Mittelalter-Musik und andere schöne Lieder“ – die Abkürzung ist, wie man sieht, selbsterklärend. Das präsentierte Lied passte so ungefähr zum Thema. Es stammt von Joan Baez und behandelt die Stürme in ihrem Herzen nach der Trennung von einem gewissen Robert Zimmerman alias Bob Dylan. „Diamonds And Rust“ lautet der Titel des emotionalen Liedes, das Sonja mit ihrer feinen Stimme vortrug. Bravo Sonja und Mario.

Etwas verlegen aber dann doch überzeugend stellten sich dann die beiden Freundinnen Ulrike und Anouk mit jeweils einem Lied vor.

Ulrike präsentierte ihre adaptierte Version des Liedes der Arctic Monkeys „Do I Wanna Know“. Schön gesungen und gespielt, aber die Artikulation des Textes ist noch etwas verbesserungsbedürftig. Euer Chronist, der alles andere als sattelfest bei den aktuellen Popsongs ist, und die Hilfe des Internets beim Herausfinden der Titel benötigt, hatte ganz schön Mühe, aus den wenigen verständlichen Textfragmenten das Lied zu identifizieren. Aber ich habe es geschafft.

Bei Anouks Lied – „Que Vendra“ von ZAZ – gab es weniger Identifizierungsaufwand. Anouk stellte das Lied schlicht und einfach am Anfang vor. Zu dem lyrischen Lied mit einem Text halb auf Französisch, halb auf Spanisch passte Anouks klare Stimme und das differenzierte Gitarren-Fingerpicking wunderbar. Großer Applaus für Beide.

Fritz Kasper aus Köln, der bereits im Folk Club im vorigen aufgetreten war kam diesmal mit zwei weiteren jungen Herren (Peter Parnow, Bass, Gitarre und Gesang; Chris Frank, Schlagzeug) als Gruppe „The Shift“. Die drei legten sofort mit ihrem eigenen Lied „The Fear“ los und präsentierten Musik mit einem tollen Sound und ausgereiftem Arrangement – alle Achtung! “Stormy Weather“, ganz passend zum Thema, ist eine Coverversion eines Liedes der britischen Band The Kooks. Mir gefällt die Version der drei Kölner Jungs viel besser als das Original. Es ist vielleicht meinem Alter geschuldet, aber die delikatere und stärker auf die Singstimme und weniger auf dröhnende Bässe und Heavy-Metal-Gitarren fokussierte Präsentation spricht mich einfach mehr an. Das Lied hat zwar den gleichen Titel wie das erste Lied des Abends, das John und Eva vortrugen. Deren Lied "Stormy Weather" ist aber ein Klassiker von Harald Arlen und Ted Hoehler und aus dem Jahr 1933. „Just a Song“ war dann wieder eine feine Eigenproduktion. Großer Applaus für die Drei, von denen wir sicherlich noch viel hören werden.

Schon fast Stammgäste im Folk Club sind Volker Lindner und Jan Hoffmann alias „Die Folkscheuchen“ aus Roisdorf, die uns immer wieder mit ihren originellen Liedern überraschen und erfreuen. Volker ordnet ihre Musik in die Kategorie „Akustikmetal“ ein. Die Texte der Lieder – erfreulicherweise in deutscher Sprache – sind teils schräg und teils nachdenklich und meist beides, auf jeden Fall unterhaltsam. „Die Geschichte des Gehenkten“ ist ein gutes Beispiel dafür: Die Schlinge zieht sich nicht zu, und der Delinquent überlebt – puhh, das ging gerade noch einmal gut. Wer von uns hat – nicht ganz so dramatisch aber im übertragenen Sinne – solch eine Situation nicht schon einmal erlebt?! Beim „Bildersturm“, der durch ein wildes Geigensolo von Volker unterstrichen wird, geht es um einen Spaziergang im Winter. Der Sturm der Bilder findet in diesem Lied eher in den Köpfen der Menschen statt. Beim „Aufbruch“ geht es um den rastlosen Weg des Menschen, der unaufhaltsam dem Ende zustrebt. Auch hier geht es oft stürmisch zu – leider wahr, aber auch erschreckend. Dies war nicht das Endes des Abends, denn der zweite Teil von AGA+ kam ja noch hinterher (siehe weiter vorn in diesem Text), aber hiermit endet unser Bericht über den wieder unterhaltsamen, vielseitigen und mit hervorragenden Auftritten gespickten Abend.

Aber halt, der Rausschmeißer „Jock Stewart“, quasi das traditionelle Schlussgebet, mit dem die Gemeinde die Messe beendet, darf nicht unerwähnt bleiben.

Auf Wiedersehen beim Folk Club Nr. 106 am 4. Oktober. Wir dürfen uns auf Serena Finatti (die kleine Frau mit der großen Stimme) und ihren Begleiter Andrea Varnier (kunstvolle Gitarrenunterstützung) aus Italien freuen.

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