Auch 2026 heißt es wieder „Laaadiiees aaaand Gentlemen………“
Zwar nicht am ersten Freitag des Monats, aber am ersten möglichen Freitag im Monat Januar lud der Folk Club Bonn zu seinem ersten Abend des Jahres 2026 ein. Am ersten Freitag ist im Januar die Heimstatt des Clubs – das Dotty’s – urlaubsbedingt geschlossen. Aber auch der dritte Freitag wurde von treuen Folk – Club - Besuchern ebenso wie von neuen Interessenten gut besucht, und so konnte der Zeremonienmeister John Harrison etwa 100 Besucher mit seiner bekannten Begrüßungsformel erfreuen. Und nach seiner Begrüßung erfreute er in Begleitung von Christoph Thiebes gleich weiter, indem er den Abend auch musikalisch mit dem Song „In The Wee Midnight Hour“ eröffnete. Mit diesem Lied drückte er sein Mitleid für all jene aus, die aus unterschiedlichen Gründen an Schlaflosigkeit leiden. Ebenso mit einem konkreten Hintergrund hatte John sein zweites Lied ausgewählt. „Bring Me Flowers When I’m Living“ ist eine ebenso wahre Erkenntnis, wie auch eine Ehrung an unseren langjährigen Weggefährten, Folk – Club - Besucher und Aktivist der ersten Stunde Günter Peters, der leider im Dezember verstorben ist. Es ist schön zu sehen und zu hören, dass der Folk Club eine familiäre Gemeinschaft bildet, die sich auch über das Leben hinaus an seine Mitglieder erinnert. Beendet wurde der erste Floorspot durch das Lied „The Hunting Song/ The Fox Must Die“, welches wohl von Christoph Thiebes ausgesucht wurde, da ein Fuchs einen Teil seiner Hühner vernascht hatte – Christoph muss nun auf sein Frühstücksei eine Weile verzichten und nur dem Müsli frönen – wie froh er über diese Situation ist, merkte man an der Emotionalität mit der er die Textzeile „The Fox must die“ sang.
Nach diesem Lied standen – diesmal wieder vollständig – die Mitglieder der Gruppe Fomiander auf der Bühne. Im Dezember mussten sie wegen Krankheit absagen und waren dankbar, dass so schnell ein Ausweichtermin gefunden werden konnte. So war es möglich, ihr Programm aus dem Dezember weiter zu nutzen und die winterliche Jahreszeit mit dem Lied „Winter, heut’ hab’ ich dich tanzen gesehen“ von dem großartigen Knut Kiesewetter zu würdigen. Aber die Winterzeit ist auch die dunkle Jahreszeit und dies nicht nur durch kurze Tage und lange Nächte, sondern auch im Gemüt vieler Menschen. Eben diese Gefühlslage wurde durch das Lied „Wenn die Seele Trauer trägt“ besungen. Dass man aber auch wieder aus solchen Depressionslöchern herauskriechen kann, wenn z. B. nicht das gesellschaftlich vorgeschriebene Leben gelebt, sondern ein eigener Weg beschritten wird, und Emotionen nicht heruntergeschluckt, sondern herausgeschrien werden, versuchte das letzte Lied von Fomiander „Lichte den Anker“ zu beschreiben.
Eingeleitet war die deutsche Sprache im Liedgut durch Fomiander bereits, doch nun vervollkommnete Tom Kannmacher dies, indem er, eben in deutscher Sprache, auch deutsches, uraltes Kulturgut präsentierte. Tom Kannmacher ist uns allen bekannt als der, der immer wieder neue Volkslieder ausgräbt und diese in möglichst authentischer Form auf seiner Basslaute zum Klingen bringt. So auch beim 164. Folk Club, wo er mit dem „Schiffer auf dem blanken Rhein“ eine Eigenart von vielen Menschen (Männern?) beschreibt, die durch das Reisen in vielen Städten und auf jeder Rheinseite ein anderes „Liebchen“ haben. Weiterer Kommentare hierzu enthalte ich mich. Mit einem Lied, welches eine Befreiung dreier reisender Knaben aus der Gefangenschaft in Amsterdam beschrieb - „Es reisten drei Knaben (Flucht aus Amsterdam)“ - griff er einen weiteren Aspekt der Gefahren des Reisens auf. Wenn die Armut den in frühen Zeiten oft einzigen Weg wählen ließ – den Weg ins Soldatentum – ging dieser immer einher mit der Sorge der zurückgelassenen Familie, ob der Krieg oder auch nur das Exerzieren irgendwann einen gesunden Mann wieder nach Hause kommen lässt. So auch beschrieben in dem Lied „Ich hab ein Schatz“. Und weil’s so schön war, kam noch ein Doppellied dazu, in dem Tom zum einen die Sorgen einer Hausfrau beschrieb (in der Eifel als „Hilisch Lied“ bekannt und zu Hochzeiten gesungen) und dann selbige einer Nachtigall „Der Nachtigall Klage“ beschwor. Warum diese Lieder zusammengehören? Es gibt halt noch viele Rätsel in dieser Welt.
Nun wurde es wieder englisch. Der featured artist des Abends Steve Crawford kam mit Gitarre und vielen eigenen und traditionsbehafteten Liedern wieder einmal in den Folk Club. So wurde das Jahr 2026 begonnen, wie 2025 beschlossen wurde, nämlich mit einem schottischen Songwriter. Damit aber nicht genug, denn Steve brachte Unterstützung durch seinen schottischen Schulkameraden Pete Coutts mit, der uns bereits im November als featured artist beglückt hat. Natürlich kamen beide nicht mal eben aus Schottland über den Kanal, sondern Steve wohnt inzwischen in Bonn und Pete in Remagen-Kripp – das Rheinland scheint eine große Anziehungskraft auf Schotten auszuüben. Begonnen wurde der Reigen als Solist mit dem Stück „A Hard And A Heavy Rain“. Gesteht es mir zu, dass ich zu den Inhalten der Lieder von Steve nicht gar so viel sage, denn die schottisch gefärbte Aussprache von Steve in Verbindung mit meinem eher ungeübten Englisch, veranlassten mich stärker dem musikalischen Eindruck zu huldigen. Und der war bei allen seinen Stücken grandios. Mit welcher Lockerheit Steve die Gitarre sowohl im Fingerpicking wie auch beim Strumming bediente und wie er stimmgewaltig sowohl die leisen wie auch die lauten Töne des Gesangsparts meisterte, war schon beeindruckend. Wenn man selbst Musik macht, betrachtet man die musikalischen Darbietungen anderer oft auf einer anderen Basis. Man weiß, wo die Schwierigkeit liegt, locker zu sein, obwohl die Technik der Darbietung Höchstleistung abverlangt. Man weiß, wie viel Können es erfordert, den eigenen Spaß an der Musik rüberzubringen und trotzdem konzentriert eine saubere Interpretation zu zaubern und man weiß, wie schwierig es ist, sich nicht von kleinen und großen Umgebungseinflüssen ablenken zu lassen (Pommeslieferungen, Toilettengänge und manchmal auch störende Unterhaltungen des Publikums). Zwar sind solche Randstörungen im Folk - Club - Bonn eher gering – trotzdem ist es immer wieder eine große Leistung, dabei eine solche Professionalität wie Steve Crawford zu beweisen. Aber nun zurück zu den Grundlagen dieser Beweisführung. Mit weiteren eigenen Songs „After The Ceilidh” und „Rules” und dem Traditional „The Barngates Of Delgaty” dokumentierte Steve sein musikalisches Interpretationskönnen ebenso wie seine Fähigkeit, Erlebnisse in Lieder zu gießen und so Geschichten zu erzählen. Bei dem Lied „Empty Skies” kam, wie bereits angedeutet, Pete Coutts mit auf die Bühne und begleitete das Lied mit einem wunderbaren Mandolinespiel. Man merkte schon, dass die Beiden nicht zum ersten Mal zusammenspielten – genauer gesagt, hatten beide zusammen ihre erste Band im Schüleralter. Zwar war nach diesem Stück erst mal eine Pause angesagt, diese wurde aber arbeitsam genutzt, denn als echter Schotte hält Steve Traditionen aufrecht. Und eine dieser Tradition ist der CD-Verkauf, auch wenn es heutzutage immer weniger CD-Player gibt. Nach der Pause ging es zwar erst mit anderen Künstlern weiter, doch erlaube ich mir hier bereits den zweiten Teil des featured - artist - Gigs zu erwähnen, bei dem Steve nicht nur wieder eigene Lieder als Solist darbot („Glandestry“ und „Hope Remains”), sondern auch teilweise wieder von Pete Coutts begleitet wurde („5 am”) und auch weitere Unterstützung durch seinen langjährigen Musikerkollegen aus der Band Le Clou Johannes Epremian erfuhr, indem Johannes ihn bei dem Coversong „Loose Future” von Courtney Marie Andrews auf der Geige begleitet. Als Trio (also wieder mit Pete Coutts) spielten sie das Lied „The Moonshine Is Glowing on Your Soul Tonight”. Zum abschließenden Höhepunkt kam es mit einer vom Publikum abverlangten Zugabe. Mit „Bright As You Can“ bewiesen die drei, dass sie auch ohne großes Proben ein glanzvolles Zusammenspiel hinkriegen.
Aber springen wir noch einmal zurück zum Beginn der zweiten Hälfte des Programms. John Harrison bewies mit einem kleinen Gedicht, dass poetisch gefasster Spaß eine große Kunstform ist, und so wurde mit den Gedichten von Ogden Nash „The Duck“ und „The Cow“ bewiesen, dass die Ente kein Huhn ist und unter Wasser isst und direkt anschließend, dass die Kuh vorne muh sagt und hinten Milch gibt (glücklicherweise wurde keine musikalische Interpretation des hinteren Endes der Kuh gegeben).
Nach John wurde es erst einmal ruhiger, den Reminder (mit bürgerlichem Namen Daniel Habermann) brachte drei seiner Eigenkompositionen dar. „Two more Days“ und „February Of The Canaries“ beschreiben Erlebnisse und Wünsche von Daniel. Mit dem Lied „Mind Your Thoughts“ erläuterte er auch seinen Künstlernamen Reminder, denn durch die Verarbeitung seiner Erlebnisse mit Musik, werden diese zur Ewigkeit und er kann sich immer wieder daran erinnern.
Ein bekanntes Gesicht mit einem neuen Mitmusiker kamen nun als Heidis Brüder (Helge Kirscht, Ulrich Bünseler) auf die Bühne – der Gruppenname sollte später erläutert werden, dies verlor sich aber anscheinend in der allgemeinen Heiterkeit ob ihrer Darbietung. Heidis Brüder haben sich zur Aufgabe gestellt den Humor – auch oder gerade den schrägen – zu wahren. So begannen sie mit dem Cover „Religion“ von Celina Bostic, in dem der Genuss des Augenblicks eben zur Selbigen erhoben wird. „Die dicksten Eier der Welt“ sind als Lieddarbietung inhaltlich sicher nicht jedermanns Geschmack, würzten den Abend aber mit herrlich anzüglichem Humor – auch gab dieses Lied von Christian Steiffen im Verlauf des weiteren Abend immer wieder Anknüpfungspunkte. Im gleichen Genre des Feierns, sich selbst Behauptens und Spaß - Habens ging es dann mit einer Interpretation des Deichkind Songs „Krawall und Remmidemmi“ weiter und gipfelte mit diesem Lied in eine fulminante Begleitung des Duos durch das Publikum.
Ja, den zweiten
Auftrittsteil von Steve Crawford hatte ich schon beschrieben und so ging der
Folk Club zu Ende – obwohl, nein, zum Schluss kam wie immer die gemeinsam
gesungene und gespielte Hymne auf den Patron des Folk Clubs Bonn „Jock
Stewart“. Und weil dies immer so ist, in jedem Folk Club wiederkehrt,
erinnert es auch daran, dass nach dem Folk Club vor dem Folk Club ist. Im
Februar als Singers Night. Nun denn:
Out of the bedroom – cu at the Folk Club
Euer Mario
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