Dienstag, 16. Oktober 2012

Detlefs Bericht vom Folk Club 30 im Oktober


Folk Club (Nr. 30) im Oktober 2012 – Gelungenes Experiment (fast) ohne Instrumente

von Detlef Stachetzki

Wer glaubte, ein Folk Club Abend nur mit Gesang ohne Begleitinstrumente sei fade und langweilig, musste sich nach dem Treffen am 5. Oktober die Augen reiben (besser noch die Ohren). Die menschliche Stimme fesselt die Aufmerksamkeit der Zuhörer um ein Vielfaches mehr als jedes Instrument. Gesang geht direkt in die Seele. Der erste A Capella-Abend des Folk Clubs wurde ein voller Erfolg. Selten stieg der Aufmerksamkeitspegel des Publikums nach dem anfänglichen Getuschel und Geraschel so steil an. 

Master John Harrison eröffnete den Abend nach dem üblichen Schlachtruf (Ladies and Gentlemen!“) mit einem kleinen selbstverfassten Gedicht mit dem passenden Titel „Autumn Colours“ und schloss daran eine kleine Betrachtung über die Frage „Verlängert Bewegung das Leben?“ an, die in der ernüchternden Erkenntnis aus Beispielen aus dem Tierreich mündete: Das Tier mit der wenigsten Bewegung, die Schildkröte, lebt am längsten! Vermutlich war John zu der Betrachtung animiert worden, da ihn das Ableben seines langjährigen motorisierten Begleiters zu neuer Bewegung auf zwei pedalbetriebenen Rädern veranlasst hatte.

Nach der Prosa folgte dann wieder gesungene Lyrik mit dem Lied aus der tristen britischen Bergarbeiter-Szene „Close the Coalhouse Door“ von Alex Glasgow aus dem Jahre 1968. Mit dem Gedicht „Little Aggie“ wurde es nach dem zuvor gehörten, eher düsteren Lied wieder humorvoll. Das Gedicht beschreibt die folgenreiche Wanderung von 15 Elefanten, die sich jeweils mit dem Rüssel am Schwanz festhalten, über die Straße und eine missglückte, aber einigermaßen glimpflich ausgegangene Überquerung eines Bahnübergangs. Aggie hat aufgrund der unsanften Begegnung mit dem Zug künftig keine Lust mehr, als Letzte in der Elefantenprozession zu gehen. Die Lehren aus der Geschichte: “An elephant never lets go, an elephant never turns back, an elephant never forgets“. John stellte die Frage, ob vielleicht auch Elefanten im Saal seien. Die Elefanten hatten es John diesmal angetan, denn das nächste Lied „Nellie the Elephant“ handelte von einem weiteren klugen Dickhäutermädchen, das vielleicht bei der Fußpflege im Readers Digest geschmökert hatte und dabei erfahren musste, dass man im Zirkus eher unterdurchschnittlich alt wird. Sie beschließt daraufhin, den Zirkus zu verlassen und setzt ihren Beschluss auch in die Tat um – sehr witzig.

John schloss seinen Beitrag mit dem Lied „Danny Boy“. Obwohl es als irisches Lied gilt, wurde es 1910 von einem Engländer (Frederick Edward Weatherley) geschrieben, der sich zu der Zeit in den USA aufhielt und nie in Irland war. Populär wurde das Lied in Verbindung mit der als „Londonderry Air“ bekannten Melodie. Der Warm up war ein perfekter Einstieg in einen Abend, der dem Singen ohne Instrumentenbegleitung gewidmet war und der noch einige schöne Überraschungen bieten sollte.

Auch Richard Limbert, den wir mittlerweile zu den Folk Club-Routiniers zählen dürfen, diesmal nicht mit Hut sondern mit Schiebermütze und ohne Brille, wagte sich an das Singen auch ohne Gitarre und präsentierte Beiträge vor allem aus dem Füllhorn seiner Eigenkompositionen. „Titanic Mantra“ lautete der Titel eines Liedes, das von Zahnschmerzen handelte. Etwas deftiger (vielleicht ein wenig zu deftig ?) war der Text von „The Whores of San Pedro“ von Dave van Ronk. Danach musste Richard doch wieder seine Gitarre einsetzen bei der Eigenkomposition „The Easy Way Out“, einem Lied darüber, den einfachen Weg zu finden. Ebenfalls selbst geschrieben war „Hang me Higher“, bei dem die Gemeinde herrlich mitsingen konnte und es auch tat. Richard erläuterte die Moral: Man kann an seinem Idol hängen, aber dadurch auch daran scheitern. Richards Beiträge haben immer etwas Geheimnisvolles.

Ebenfalls nicht ganz unbekannt im Folk Club, allerdings nicht in dieser Konstellation war ein Trio aus drei jungen Damen, die sich mit dem witzigen Titel „The Three Quarter Pellas“ vorstellten. Anhänger des Zeit-Kreuzworträtsels „Um die Ecke Gedacht“ hätten ihre Freude an diesem Wortspiel: Also, sie sind nur drei Viertel einer normalen vierstimmigen A Capella Besetzung, und das drückt sich im Namen aus. Zwei der Gruppenmitglieder waren bereits im Frühjahr in der furiosen Show von „Ferner Liefen“ im Folk Club aufgetreten.

Trotz der drei Viertel nahmen sie gleich volle Fahrt auf und gaben mit „Fly me to the Moon“  in bester Barbershop-Manier einen furiosen Einstand. Wunderbare Gänsehaut-Harmonien gesungen von drei stimmsicheren Musikerinnen, die locker die schwierige Melodieführung der im Jazz und Barbershop so beliebten „Close Harmony“ beherrschten – ein Genuss und zum Weinen schön. Die drei, Elena Fricke, Jennifer Mösenfechtel und Ulrike Greiner, toben sich musikalisch ansonsten im Jazz Chor der Universität Bonn aus, und das ist sicherlich keine schlechte Referenz. Zudem haben zwei der drei Sängerinnen auch im Ensemble der vielumjubelten Rock ‘n’ Rollator Show von Michael Barfuß mitgewirkt. Von dort stammt das nächste Lied „Technicolor Dreams“ über die televisionären Highlights im Altersheim – ein geniales Lied und wunderschön gesungen. Weiter ging’s mit Aretha Franklins „I Say a Little Prayer for You“ – was soll der Chronist noch an Steigerungen der Begeisterung beschreiben. Das Publikum verlangte die Zugabe und bekam sie natürlich. „The Rose“ aus dem gleichnamigen Film aus dem Jahre 1979 und damals gesungen von Bette Midler, bekam durch das Trio einen ganz neuen Ausdruck. Natürlich blieb es nicht bei der einen Zugabe und so folgte das gefühlvolle „You’ve Got a Friend“ von Carole King. Die Zuhörer waren gerührt und ganz leise war aus dem Hintergrund Stimmunterstützung aus dem Publikum zu hören – eine zauberhafte Atmosphäre.

Jutta Mensing, die ihrem Auftritt entgegensah, bekam angesichts des geballten Harmoniegewitters massive Bedenken. „Kann man danach eigentlich noch auftreten?“, lautete ihre bange Frage. Indes, sie wagte es, und siehe da, auch die Einfachheit hat ihren Reiz. Bei ihrem ersten, in plattdeutscher Sprache gesungenen Lied „Mien Jehann“ sprang sofort der Funke über. Mit klarer, und gut artikulierter Stimme hatte sie das gerade noch von kunstvollen Klangteppichen verwöhnte Publikum sofort auf ihrer Seite. Auch das alte Lied „Ich hab’ die Nacht geträumet“ trug sie mit viel Gefühl vor – die Konzentration im Publikum war zum Greifen spürbar. Auch bei diesem Lied gab es wieder ungeplante, aber gekonnte Begleitung aus dem Publikum – herrlich. „Mit Lieb’ bin ich umfangen“, das alte Madrigal aus dem 16. Jahrhundert von Johann Steurlein lebte durch Juttas schönen Vortrag und die gebannte Aufmerksamkeit des Publikums auf. Natürlich musste auch Jutta mit einer Zugabe ran, und sie spannte gleich das Publikum als Refrainchor ein beim bekannten Volkslied „Ein Jäger längs dem Weiher ging“.
Und noch einmal durfte Jutta singen, diesmal zusammen mit Steve Perry und zwar das von Ian Tyson geschriebene und als Ersatz-Nationalhymne Kanadas gehandelte Lied „Four Strong Winds“. Zweistimmig mit der Frauenstimme als „Unterstimme“ klang das einfache Lied höchst apart.

Nach der Pause hatte Barry Roshto nach drei Monaten Folk Club-Abstinenz wieder Gelegenheit, die Gemeinde in seinen Bann zu ziehen – und er tat es mit großem Genuss. Das Lied „Mama’s Little Baby Loves Shortnin’ Bread” ist ein altes Plantagenlied, das wie eine Litanei – aber mit wesentlich witzigerem Text – bei der Arbeit auf den Feldern der Südstaaten gesungen wurde, um die Monotonie zu erleichtern. Die Arbeiter saßen diesmal im Publikum – sehr amüsant. Und auch beim nächsten Lied, das Barry in einem kleinen Büchlein mit Cowboyliedern gefunden hatte, war das Publikum gefordert. „Roll on Little Dogies” (das ist kein Schreibfehler; Steve Perry hat mich aufgeklärt: „dogies“ heißt Kälber) lautete der Refrain des Liedes, dessen Melodie den meisten aus “My Bonnie Lies Over the Ocean“ bekannt ist. Zu guter Letzt trumpfte er mit dem Spaßlied „The Cat Came Back the Very Next Day“ auf.

Inzwischen zum zweiten Mal trat Alvaro Arango aus Kolumbien auf (das erste Mal im vergangenen Juli). Für den speziellen Abend verzichtete er bei seinem ersten Lied, „Walk Away“ von Tom Waits, beinahe auf seine geliebte Gitarre. Durch stimmloses Anschlagen der Saiten mit der ganzen Hand diente ihm das Instrument quasi als Schlagzeug – eine interessante Alternative. Zudem begeisterte er mit seiner wunderbar klaren und tragenden Stimme sofort. Mit dieser Stimme konnte er auch locker das schöne Lied von Joni Mitchell „Both Sides Now“ (allerdings in der Version von Dave van Ronk) vortragen. Danach verwöhnte er uns mit einer seiner Eigenkompositionen. „Sell my Soul“ lautete der Titel. Natürlich kam auch er nicht ohne eine Zugabe weg. „The End“ lautete der sinnige Titel auch dieser Eigenkomposition. Wir sind gespannt, welche schönen Lieder wir von Alvaro noch in der Zukunft hören dürfen.

Mit Jörg Bohnsack, auch ein Akteur aus der famosen Rock ‘n’ Rollator Show, konnten wir einen weiteren Vertreter der plattdeutschen Sprache begrüßen. Jörg spielte und sang zusammen mit seinem Freund Walther Hundt aus Büsum in Dithmarschen das stimmungsvolle und zur Jahreszeit passende Lied von Knut Kiesewetter „Fresenhof“ – wunderbar. Schade, dass wir von den beiden nur ein Lied hören durften. Vielleicht gibt es ja bei anderer Gelegenheit mehr.

Zum Abschluss gab es noch einen besonderen Gast aus dem entfernten kanadischen Vancouver Island an der Pazifikküste: Bill Perry, der auf Besuch bei seinem Bruder Steve war. Im Duett sangen beide die schönen, von Bill geschriebenen Lieder über die Berge und die vielen Abschiede, die Bill erleben musste. Bill, der in den Jahren 1965 bis 1967 als Soldat der US-Armee in Bayern stationiert war, stellte sich und seine Lieder in bewundernswertem Deutsch vor, obwohl er seit Jahrzehnten nicht mehr in Deutschland gewesen war. „I’m Leaving the North Appalachians” hieß das gefühlvolle Lied über seinen Abschied aus der Welt der Berge Neuenglands im Nordosten der USA, um nach seinem Studium in den hohen Bergen im Nordwesten der USA zu klettern und an der Westküste Kanadas seine forstwirtschaftliche Karriere verfolgen.

Auch das Lied „Farewell to Vancouver Island“ handelt von einem solchen Abschied. Eher humorvoll war die gesungene Geschichte über die Reparatur von Bergstiefeln. Dabei glänzte Bill zudem mit einer gekonnten Jodeleinlage. Vielen Zuhörern war dabei nicht klar, dass die Jodeltechnik nicht nur „bei uns in Tirol“ zuhause ist, sondern auch in der Volksmusik Nordamerikas, insbesondere der der Appalachen. Großer Applaus für Bill und Steve. Den Abschluss bildete das Bluegrass-Lied „Rabbit in a Log“.

Mit so vielen Eindrücken von berückenden Klangerlebnissen und neuen Liedern im Kopf sang die Gemeinde natürlich voller Inbrunst den mittlerweile traditionellen Rausschmeißer „Jock Stewart“ und freut sich auf den nächsten Folk Club am 2. November. Wir dürfen dann als Special Guest das Duo „Light Falls Forward“ aus London begrüßen. Wer es bis dahin nicht aushalten kann, dem sei die Internetseite des Duos empfohlen (http://www.lightfallsforward.com), auf der man sich zahlreiche Lieder der Gruppe anhören kann.

Keine Kommentare:

Kommentar posten