Donnerstag, 5. Juni 2014

Detlefs Bericht vom Folk Club Nr. 48 im Mai 2014



Folk Club Nr. 48 im Mai - Mehr als nur ein Mai-Ansingen
Mailieder gab es zwar auch beim Folk Club-Treffen im Mai, aber der Abend stand eindeutig im Zeichen der beiden Special Guests aus Mexiko und Irland/Amerika. Die Programmplaner hatten sich diesmal nicht dazu hinreißen lassen, zusätzlich noch zahlreiche Floor Spots einzubauen. Das Publikum konnte sich voll auf das dennoch sehr abwechslungsreiche Programm der beiden Gruppen konzentrieren und durfte einen fulminanten Abend erleben. Wie in den letzten Monaten fast schon gewohnt war der Saal gerammelt voll, und die Müllestumpen-Besatzung musste zusätzliche Stühle für die hereindrängenden Gäste bereitstellen.
Der „Tradition“ folgend eröffnete John Harrison den Abend mit einigen schönen Liedern aus seinem Repertoire: „Police Dog Blues“ von Blind Blake war vielleicht sogar programmatisch, um damit der anfänglichen Unruhe im Saal ein polizeihündliches „Halt!“ entgegenzuschleudern. Aber Disziplinarmaßnahmen sind dem Folk Club fremd und so ging’s gleich weiter in die Welt der Disziplinlosigkeit mit „Stack-a-Lee“ einem Lied, das von einem Streit um einen Hut handelt, der mit einem tödlichen Schuss beendet wird. Der Bösewicht endet freilich – Ordnung muss sein – am Galgen. Mit dem Traditional „Oh Well, Oh Well“ und „Rabbit Hills“ von Michael Chapman beendete John das beklatschte Warm up.
Der als Isaac Tabor angekündigte Special Guest entpuppte sich als ein wunderbar spielfreudiges Trio bestehend aus Isaac Tabor (Gitarre und Gesang) sowie Neil Fitzgibbon (Geige) und Bean Dolan (Kontrabass), die Isaac aber auch gesanglich unterstützten. Isaac ist ein wahrer Kosmopolit, mit amerikanischen Wurzeln in den Niederlanden aufgewachsen und tourt in Europa herum. Sein nächstes Ziel nach dem Auftritt in Bonn war in Irland. Seine beiden Mitstreiter sind Iren und perfekte Repräsentanten ihres musikbegeisterten und für Musik begeisternden Landes. Ihre Lieder sind allesamt Eigenkompositionen mit poetischen Texten und mitreißenden Melodien. Alle drei Musiker spielten ihr wunderbares Talent voll aus. „Down To the Water“ beispielsweise startet mit einem schönen Geigensolo von Neil. Das Lied handelt von den Sorgen und Nöten von jemandem, der ständig auf Achse ist und nach seinem Ruhepol sucht. Die Lieder pendeln zwischen vielen Stilrichtungen hin und her. Das schwungvolle „Arkansas“ ist ein waschechtes amerikanisches Country-Lied, ebenso wie „This is it“. „More Than You“ ist ein Blues, und „Don’t Let the Winds Pass Us By” ist ein poetisches Lied in bester Dylan-Manier mit herrlichem dreistimmigem Gesang. „Something’s Gotta Change“ mit schönem Gitarrensolo von Isaac drückt das Bedauern über ein Leben aus, das aus dem Vollen schöpft, aber dabei wichtige Aspekte des Daseins außer Acht gelassen hat. Ragtimes und Irish Folk Lieder komplettierten das Programm, bei dem auch Bean Dolan bei etlichen Basssoli sein Können unter Beweis stellte. Riesenapplaus für die Drei von einem dankbaren Publkum und gute Wünsche für die weitere Tour. Vielleicht sind Isaac, Neil und Bean bald wieder in unserer Gegend zu sehen und zu hören. Erste Anbahnungsgespräche konnten bereits belauscht werden.
Natürlich durften auch die Mailieder nicht fehlen. Unser treuer Gefolgsmann Günther Peters legte schon während der Pause auf dem Klavier los und stimmte zusammen mit Ingrid Stachetzki das Lied „Komm lieber Mai und mache“ an, das dank verteilter Textzettel vom Publikum vielstimmig mitgesungen wurde. Natürlich durfte auch der Klassiker „Der Mai ist gekommen“ nicht fehlen. Immerhin ist es ein „Bonner Lied“, denn der Textdichter Emanuel Geibel soll dieses Lied angeblich im Jahre 1835 während seiner Bonner Studentenzeit im Lokal „Ruland am Markt“ erstmalig vorgetragen haben. Wir glauben diese Version der Entstehungsgeschichte natürlich gern. 
Einen englischsprachigen Beitrag Lieferten Barry Roshto und Steve Perry mit dem schönen Lied „Hail, hail, the first of May-oh, for it is the first summer’s day-oh“. Auch dieses Lied hat eine nette Geschichte: Das Lied, das wie ein altes traditionelles Volkslied klingt, stammt tatsächlich vom Folksänger Dave Webber aus dem Jahr 1990. Webber trug dieses Lied einst bei einem traditionellen Maiansingen in Padstow, in Cornwall, vor. Er wurde sofort dafür ausgeschimpft, ein traditionelles „Padstow-Lied“ geklaut zu haben. Den Einheimischen war offenbar nicht bewusst, dass sie es waren, die ein Lied von Webber „eingemeindet“ hatten, indirekt ein schönes Kompliment für den Komponisten.
Der zweite, oder sollte ich besser sagen d e r Knüller des Abends war der Auftritt unserer Gäste aus dem fernen Mexiko. Los Pájaros del Alba, die Vögel der Morgendämmerung, sind eine Musiktruppe, die sich der Pflege traditioneller mexikanischer Musik verschrieben hat. Die Musikrichtung nennt sich „Son Jarocho“ und ist entstanden aus der Verschmelzung von Musik der indianischen Einheimischen mit Musik der hauptsächlich spanischen Einwanderer speziell in der Provinz Veracruz an der Karibikküste Mexikos. Dazu wird oftmals der „Zapateado“ (Zapato = Schuh) getanzt. Los Pájaros waren auf einer Europatournee mit Stationen unter anderem in Frankfurt und Troisdorf. Mit mitreißenden Rhythmen ihrer speziellen gitarrenähnlichen Instrumente und bombastischen Stimmvolumens rissen sie vom Fleck weg den Saal mit. Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass das Konzept „ohne elektronische Verstärker“ seine Berechtigung hat, hier wurde er mit großer Energie angetreten.
Den Anfang machte allerdings der mit den Pájaros gereiste Miguel Centeno mit einem Soloauftritt zur Gitarre und startete mit einem Lied im Stil des kubanischen „El Mozambiqe“. Ein eher zartes Lied im Drevierteltakt folgte, das die Schmerzen der Liebe besingt. „El Rey“, der König, ist ein in Mexiko berühmtes Lied des Sängers und Komponisten José Alfredo Jiménez, das von einem eher armen Menschen, einem Landstreicher, handelt, der ohne Geld irgendwie zurecht kommt und dadurch unabhängig und stark ist. Großer Dank an Miguel für seine mit schöner tragender Stimme gesungenen Lieder.
Los Pájaros übernahmen danach und starteten mit „Maria Chuchena“, einem echten Gassenhauer, mit dem die Pájaros sofort alle in ihren Bann schlugen. Wir müssen natürlich noch die „Vögel“ vorstellen:
Saél Bernal y Samudio und Saél Giovanni Carrizosa, genannt "Chopo", spielen die kleine viersaitige „Jarana Jarocha“. Das Instrument ist typisch für die Region Veracruz. Das Instrument von Nazario Martínez y Amaro ist die etwas größere sechssaitige „Requinto“. Für die nötige Bassbasis sorgte Alberto Vásques mit seinem Marimbol, einer Art Aufsitztrommel à la Cajon. Der Marimbol ist aber nur ein großer Resonanzkörper mit Stimmzungen, die mit der Hand angerissen werden und die Musik mit vollem, sattem Bassklang stützen.
Weiter ging’s mit „Butaquito“ und dem hintersinnigen „La Bruja“, die Hexe. Den zweiten Teil ihres Auftritts starteten sie mit „Pájaro Cu“, einem sehr rhythmischen Lied. Zu „Asi se goza“ luden sie das Publikum ein, ein paar Tanzschritte des „Zapateado“ zu wagen, und siehe da, eine mutige Zuschauerin wagte sich auf die Bühne und wurde von Saél Bernal einfühlsam angeleitet. „La Morena“ war danach ein Lied über eine dunkelhäutige Schönheit. Weitere Titel lauteten: „El Balajú“, „El Ahualuco“, „La Guacamata“, „El Buscapes“. Den meisten bekannt gewesen sein dürfte das Lied „La Bamba“, bei dem sich alle Musiker des Abends zusammen einbrachten. Isaac, Neil und Bean zauberten jeweils schöne Instrumentalsoli aus dem Hut – ein tolles Beispiel für Kontinent übergreifende musikalische Zusammenarbeit. Als Zugabe gab es das schöne Lied über den Hahn „El Gallo“ – ein Feuerwerk der guten Laune und mitreißenden Musik war beendet, und es folgte ein stürmischer, anhaltender Applaus. Die „Vögel“ aus Mexiko waren nicht vergebens nach Bonn geflattert.
Der Abend war aber nicht zu Ende ohne „Jock Stuart“, den traditionellen Rausschmeißer. Besonders schön war diesmal, dass sich auch hierbei alle Musiker des Abends in das Abschiedslied einbrachten und so dem „Man, you won’t meet every day“ einen würdigen musikalischen Rahmen gaben.

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