Folk Club am 10. April 2026 zum Thema „Wunder“
Eigentlich würden zu diesem Thema keine besonderen Beiträge benötigt, denn das gesamte Geschehen im und um den Folk Club gleicht einem Wunder. Dieses Wunder beschert seit Februar 2010 elf Mal im Jahr Musikern eine unkomplizierte Plattform für ihre Stücke, zahlreichen Zuhörern eine wunderbare Unterhaltung am Freitagabend, dem Wirt des Lokals einen schönen Umsatz und zudem allen, die kommen, einen Ort für Kommunikation und Austausch und um einander kennen zu lernen. Zahlreiche Verbindungen zwischen Musikern hatten hier ihren Anfang. All dies entstand ohne große Publicity und im Wesentlichen durch Mundpropaganda. Sicherlich, die Möglichkeiten des Internets haben auch ihren Anteil daran, dass der Folk Club Bonn rasch bekannt wurde. Zudem schafft die Abwesenheit von elektrischer Verstärkung eine ganz eigene, enge Verbindung zwischen Musikern und Publikum. Die italienische Musikerin Serena Finatti, die im Mai mit ihrem Partner Andrea Varnier wieder zu uns kommt, charakterisierte vor Jahren in ihrem Blog die Atmosphäre im Folk Club mit „Momenti veramente magici“ (wahrhaft magische Momente). Ihr zu Ehren haben wir diese Aussage als Motto für den Abend am 1. Mai gewählt.
Weniger wundersam ging es sodann bei den drei Blues-Stücken zu, mit denen John Harrison (Gesang und Gitarre) und Christoph Thiebes (Mundharmonika) den Abend eröffneten. Bei „Machine Gun Kelly“ von Danny Kortchmar geht es eher um einen Weg ins Verderben, den der besungene Gangster geht. Auch eher düster ist die Geschichte von „St. James Infirmary“ (amerikanisches Volkslied). Hier werden in bester Blues-Manier die bedrückenden Geschehnisse in einem Hospital für arme Leute beschrieben. Die geliebte Frau stirbt dort. Mit Robert Johnsons „Rambling On My Mind“ beendeten die Beiden ihren Auftritt. Bezeichnenderweise geht es im eher knappen Text des Liedes auch um ein Ende, ein Ende einer Beziehung nämlich. Der Erzähler fühlt sich von seiner Freundin schlecht behandelt und verlässt sie. Viel Applaus für die beiden, deren Blues-Interpretationen immer wieder gefallen.
Ein wenig nervös startete Kathrin Kangro ihren Auftritt. Sie war zwar schon einmal im Folk Club, da trat sie aber als Teil eines Chores auf. Diesmal stand sie nur mit ihrer Gitarre vor dem Publikum. Die Nervosität war aber unnötig, denn mit ihrer glasklaren und intonationssicheren Stimme und ihrer sicheren Gitarrenbegleitung begeisterte sie das Publikum sofort. „Here’s Health To The Company“ besingt die Geschichte der Auswanderung aus Irland und auch aus Schottland – im Grunde auch eher eine bedrückende Phase für die Betroffenen. Auch bei „Hard Times Come Again No More“ geht es um Leid und Leiden. Das Lied von Steven Foster aus dem Jahr 1854, das im Amerikanischen Sezessionskrieg viel gesungen und gespielt wurde, hat in diesen Tagen ganz besondere Bedeutung und war im Grunde fast die gesamte Zeit seit seiner Entstehung nie ohne Relevanz. Mit dem unsterblichen „Danny Boy“ beendete Kathrin ihren Auftritt und erntete viel Applaus.
Gerald Matuschek (Gitarre und Gesang), diesmal verstärkt durch Sängerin Judith und Johann am Cajon stellten uns Das Lied „Wünsche“ des Duos Carolin No vor. Auch dieses Lied gab es im Folk Club zuvor noch nicht zu hören. Sehr schön die zweistimmigen Passagen von Judith und Gerald. Bei „Rain“ des Duos Ferris und Sylvester konnte Judith ihre stimmlichen Qualitäten voll ausspielen. Für mich sehr beeindruckend war der a cappella-Anfang des Liedes. Trotz der schwierigen Melodie mit einiger Chromatik war die Melodie beim Einsatz der Gitarre perfekt in der Stimmung – alle Achtung an Judith. So etwas ist immer ein Schwitz-Moment für Chöre und Solisten. Entsprechend enthusiastisch fiel dann auch der Applaus des Publikums aus.
Dany Habermann alias „Reminder“ hat seit einiger Zeit den Folk Club als Bühne für seine neuen Lieder entdeckt. Mit „First Day Of Spring“, passend zur Jahreszeit und auch zum Thema (der Frühling ist jedes Jahr aufs Neue ein Wunder) startete er seinen Auftritt. „Be The Change“ basierend auf einem Zitat von Mahatma Gandhi steuerte danach auch ein wenig zum Thema des Abends bei. Der Text des sehr rhythmischen „Storytellers“ erzählt davon, dass man sich die Welt mit Geschichten so zurechtlegen kann, wie man sie gern hätte.
Hans Ihnen setzte sich diesmal wieder ans Klavier (muss dringend gestimmt werden!). „Wenn Millionäre schlafen gehn“ von Hans Hartz besingt das ewige Thema „Reich und Arm“. Gut zum Thema passte das Lied „What A Wonderful World“ von Bob Thiele und George David Weiss, das 1967 erstmals von dem unnachahmlichen Louis Armstrong gesungen wurde. Das Lied kam mitten im Vietnamkrieg an die Öffentlichkeit und bildete einen grotesken Kontrast zu den täglichen Horrornachrichten aus Südostasien. Es gab in den USA einige Kontroversen in Bezug auf seine Aufführung. In Europa war das Lied hingegen äußerst erfolgreich und ist noch immer sehr bekannt. Zum Abschluss spielte er das Lied „The Last Resort“ von den Eagles. Das Lied thematisiert den endlosen Hunger der Menschen nach den Ressourcen der Natur und die Folgen davon. Großer Applaus für Hans Ihnen und seine immer wieder beeindruckende Liedauswahl.
Pierluigi Petricca, der Featured Artist des Abends, der sich auch kurz PG nennt, hatte bisher geduldig gewartet, aber wir hoffen, dass ihm die Lieder gefallen haben. Ab jetzt ging „PG“ mit seiner beeindruckenden Reibeisenstimme und hinreißender Gitarrentechnik zu Werke. Mit „Pasqualine“ gesungen im italienischen Dialekt seiner Heimat in den Abruzzen startete er seinen Auftritt. Unter Pasqualine versteht man Ostergebäck aus Teig, Mangold und einem gekochten Ei, das sich im Gebäck befindet. Was uns PG mit diesem Lied mitteilen wollte, blieb in Ermangelung von Sprachkenntnissen und hinter Lokaldialekt verstecktem Italienisch leider im Verborgenen. Auch das Internet brachte keine Aufklärung. So bleibt uns nur, der herrlichen Sprachmelodie, dem beeindruckenden Gesang und der schönen Gitarrenbegleitung zu lauschen. „La mattina avreste“, ein Blues gespielt mit Bottleneck, handelt, soviel konnte ich verstehen, von einem Bauern, der Tag für Tag in der Frühe aufsteht und seine Felder bearbeitet. Wie die vorherigen Lieder aus eigener Feder aber in englischer Sprache verfasst, ist das Lied „Bad Days“, das PG während des Lockdowns in der Corona-Zeit geschrieben hat. Sein erstes Set beendete PG mit dem „Pony Blues“ von Charly Patton aus dem Jahr 1929. PG setzte auch hier Bottleneck-Technik ein.
Im zweiten Teil seines Auftritts startete er mit dem Lied „Terra“ aus seinem gleichnamigen jüngsten Album. Was sich hinter dem schönen Lied mit der traurigen und schwermütigen Melodie verbirgt? Wer gut Italienisch spricht, möge sich bei mir melden. Das Lied kann man im Internet anhören oder bei mir, denn ich habe die CD gekauft. Den Inhalt zu verstehen ist bei „I Keep On Drinking“ von Blind Willie McTell nicht sonderlich schwer. Es geht im eher spärlichen Text schlicht darum, die bösen Gedanken durch den Genuss einer ordentlichen Menge Alkohol zu verscheuchen. Das geht meistens nicht gut aus. Bei „Ascise alla panchina“ geht es um Trennung. Ein Paar beschließt durchzubrennen, aber die Frau erscheint nicht wie verbredet am Bahnhof. Da entscheidet sich der Mann, allein fortzugehen. Herrlich traurige Melodie dem Anlass gemäß – das ist mein Lieblingslied! Ein Lied aus der traditionellen Blues-Kiste ist Robert Johnsons „I Believe I’ll Dust My Broom“. Im Stück im Delta-Blues-Stil geht es wie so oft im Blues darum, dass die Freundin weggelaufen ist und der Sänger sich nach etwas Neuem umsehen will. Im Übrigen kommt im Lied die Standardphrase „When I woke up in the morning“ vor. Der Text ist spärlich, aber die Musik drumherum ist herrlich, insbesondere wenn sie von einem Spezialisten wie PG gespielt und obendrein noch von einem Mundharmonikakönner wie Christoph Thiebes begleitet wird.
Aus einer völlig anderen Ecke kommt „Ninna Nanna“. Das ist ein traditionelles Schlaflied aus PGs Heimat. Ich würde bei PGs Interpretation zwar nicht einschlafen, dafür gefällt mir das Lied aber. Einen Ausflug in die Welt der Country-Musik machte PG mit dem Lied „Sugar Cane“. Beeindruckend, wie PG das Bottleneck einsetzt. Zu Abschluss seines Auftritts gab es noch ein Lied aus den Mississippi-Hills von R.L. Burnside. Der 2005 verstorbene Schöpfer des Lieds hat bestimmt am Himmelspöötzche ausgiebig Beifall gespendet. Das Publikum zeigte sich jedenfalls begeistert.
Ja, liebe Leute, da PG vor und nach der Pause gespielt hat und ich meinen Bericht darüber nicht in zwei Teile trennen wollte, folgt nun noch etwas zu den anderen Stücken aus dem zweiten Teil des Abends. Den Anfang nach der Pause machte erneut – wie könnte es anders sein – John Harrison mit einem der Jahreszeit entsprechenden Gedicht. Es besingt den Löwenzahn, den John besonders in sein Herz geschlossen hat. Das Gedicht trägt den Titel „Dan D Lion“ der eine Verballhornung des französischen Namens für diese Pflanze ist: „Dent de lion“, Löwenzahn also. Witzigerweise nennen die Franzosen den Löwenzahn landläufig „piss-en-lit“, da er eine stark harntreibende Wirkung hat, wenn man ihn verzehrt. Wie auch immer, die Pflanze ist schön anzusehen, wenn sie blüht, aber der Gärtner sticht sie aus, wann immer er es schafft, denn sie vermehrt sich wie der Teufel, und die Wurzeln krallen sich in jede noch so kleine Ritze.
Musikalisch ging es danach mit John Hay weiter, der das Lied „Crazy“ des Duos Gnarls Barkley auf die Bühne brachte. Am Ende fragt man sich, wer ist denn nun verrückt, der Sänger oder die Außenwelt? Musikalisch kam das Lied wunderbar herüber. Thematisch zum Abend passte das Lied „Wonderwall“ von Oasis. Der etwas vergeheimnisste Text thematisiert immerhin das Wunder. Bei „I Will Survive“ von Gloria Gaynor hatte John einen kleinen Texthänger, den er mit tatkräftiger Hilfe des Publikums wunderbar überwand – ohnehin ist das Lied ziemlich lang. Auf die eine oder andere Strophe weniger kommt es nicht an. Instrumental und gesanglich ist John wie immer Spitze – viel Applaus vom Publikum.
Ein paar neue Lieder hatte diesmal Mario Dompke mitgebracht. „Ich muss mit dir sprechen“ beschäftigt sich mit dem Autismus. Mit schönen Tonartwechseln auf der Gitarre unterstreicht Mario die vermutete Gefühlswelt autistischer Menschen – wunderbares Lied über ein schwieriges Thema. Absolut berührend war danach Marios Vertonung eines „Dachbodenfunds“. Ein Brief seines Opas Otto, den dieser im Ersten Weltkrieg von der Front in Frankreich an seine Brüder verfasste und verschickte, beschreibt in einfachen, aber doch eindringlichen Worten den Schrecken des Kriegseinsatzes. Mario hat den Text wortwörtlich verwendet und mit Musik versehen – ein genialer Einfall und beeindruckend umgesetzt. „Euer Bruder Otto“ lautet der Titel des Liedes.
„Zusammen im zu kleinen Boot“ ist ein Aufruf an alle, sich für Veränderungen einzusetzen – aber welche Veränderungen sind die richtigen? Darüber scheiden sich leider die Geister.
Auf einen kleinen Abstecher kam unsere „Neuerwerbung“ Rick Fines. „That’s How I Feel“ lautet der Titel des Blues von Brownie McGhee, und ich brauche nicht viel darüber zu sagen, wie Rick ihn präsentierte – grandios! Ein kleines Kabinettstückchen produzierte Rick dann mit dem Lied „How Did You Know I Missed You?“. Zu dem Lied gibt es eine kleine Geschichte: Das Lied wurde von Rick für einen Freund zum Geburtstag von dessen Frau verfasst. Die Frau hatte sich gewünscht, auf ihrer Geburtstagsfeier zusammen mit Rick aufzutreten. Auf dem Weg zur Feier zimmerte Rick das Lied zusammen, in dem ein imaginärer Louis Armstrong und eine ebenso imaginäre Ella Fitzgerald ein Duett singen. Hier bei uns stellte Rick beide Gesangsparts selbst dar – ein wundervoller Spaß und obendrein noch beendet mit Armstrongs Trompete aus Ricks Mund – Fantastisch!
Das war es für diesmal, wenn auch am Ende nicht in der richtigen Reihenfolge beschrieben.
Und so ging wieder ein wundervoller Folk-Club-Abend zu Ende nicht ohne zuletzt noch mit einem gemeinsamen Lied dem Patron des Folk Clubs Jock Stewart zu huldigen „A man you don’t meet every day“.
Nächsten Monat öffnet der Folk Club seine Türen wieder am korrekten Termin, am 1. Freitag, der auf den 1. Mai fällt. Wir erwarten erneut Musiker aus Italien als Featured Artists: Serena Finatti und ihr Partner Andrea Varnier, die uns in der Vergangenheit schon zweimal verzaubert haben. Entsprechend haben wir auch das Motto gewählt: „Momenti veramente magici“ – Wahrhaft magische Momente“. Das haben wir uns im Übrigen nicht selbst ausgedacht. Es sind die Worte von Serena in Ihrem Blog nach ihrem ersten Auftritt im Folk Club im Juni 2016 – schaut Euch den Bericht über den damaligen Abend auf unserer Seite an. Aber noch viel wichtiger: Kommt am 1. Mai in den Folk Club!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen