Aufbruch und
Rückkehr - was ist der Folk Club Bonn und für wen?
Einmal im Monat
zu einem gewohnten Ort zurückkehren, um liebgewonnene Mitmenschen zu treffen –
einmal im Monat losgehen und zu immer neuen musikalischen Ufern aufbrechen –
man kann es drehen und wenden, es bleibt eine Frage der Sichtweise.
Keine Frage der
Sichtweise, sondern ein wiederkehrendes Ritual ist die lautstarke Begrüßung des
Zeremonienmeisters John Harrison, wenn er mit den Worten „Laaaadiiieeees
and Gentlemeeen, Mesdames et Messieurs…..“ den Saal erst zu lautstarkem Lachen
und dann zu gespannter Stille bringt. Wegen des vollen Programms hielt sich
John diesmal musikalisch sehr zurück und huldigte, bezogen auf das warme und
Flüssigkeit fordernde Wetter, seinem Lieblingsbier „Marstons Pedigree“ mit
dem gleichnamigen Lied. Ein Bier welches nicht nur in seinem Bauch beim Trinken
verschwand, sondern auch als Aufschrift seines T-Shirts auf orangenem Grund den
ganzen Abend an den Genuss erinnerte – a cappella vorgetragen und im Refrain
kräftig unterstützt vom Publikum.
Einen Walk In
bestritt dann Dave Davis – diesmal nicht mit witzigen Sketchen, sondern
mit einem sehr schönen und einfühlsamen Liebeslied „My Baby Sue“,
welches er bereits mit 17 Jahren geschrieben hat. Sich selbst auf dem Klavier
begleitend zeigte er uns eine für viele unbekannte Seite seines umfangreichen
Könnens.
Eine
Neuentdeckung (zumindest für mich) war dann Milan Thelen. Mit
selbstgeschriebenen Liedern präsentierte er sich dem Folk Club Publikum.
Wirklich beeindruckend für mich war, dass Milan trotz Ankündigung, dass er erst
seit kurzem Gitarre spiele, wirklich eine Gesamtharmonie der Lautstärke
zwischen dem Instrument und seiner Stimme herstellte – und diese Stimme ist
wahrlich ein Genuss. Mit einem „Love Song“ und der Aussage „I Guess“
zog er seine Zuhörerschaft in Bann und hatte so nicht nur die volle
Aufmerksamkeit, sondern auch die vorweggenommene Entschuldigung, falls in
seinem dritten Song „Doubts“ beim Fingerpicking noch nicht alles ganz
rund läuft. Nun ja, alleine der Titel (Zweifel) deutet ja schon an, dass man
nicht immer nur selbstbewusst sein kann – ich kann nur sagen: Auch mit winzigen
Schwierigkeiten beim Picking war es eine sehr gelungene Darbietung.
Petra
Sigmund ist ein bereits
gut bekanntes Gesicht im Folk Club und da sie ihr Erscheinen auf der Bühne gut
über die Jahre verteilt, weckt sie immer in mir eine Erwartungshaltung, wie sie
sich musikalisch entwickelt hat. Diesmal darf und muss ich sagen: sehr toll. Mit
einem extra für den Abend geschriebenem Lied „Aufbruch und Rückkehr“
zeigte sie, dass sowohl Gitarrespiel als auch Stimme einfühlsam gesetzt und,
alleine durch die Darbietung, eine Wohltat beim Zuhören ist. Wenn nun auch noch
auf den Text gehört wird, der von den Gedanken des Lebens erzählt, so ergibt es
ein Ganzes, was den Abend gelingen lässt. Das Zweite Lied „Niemals zu spät“
war mir schon von einem früheren Auftritt bekannt und ich darf auch hierzu
sagen, dass es mich berührt. Mit „So oder So“ beendete Petra ihren Floor
Spot und erlaubte – nein forderte – mitzusingen, was die meisten auch kräftig
taten.
Das Trio
Nova Bonn (Stephan Westphal, Wolfgang Schmidt, Enrico Klein) ist ein
Zusammenschluss von Folk-Club-Bonn-Besuchern, die erkannt haben, dass gemeinsam
musizieren noch mehr Spaß macht, als alleine vor sich hin zu singen/ spielen.
Stimme, Gitarre, Geige – folkiger geht es kaum. Das Trio hat sowohl weltliche
Themen im Repertoire - „Rhythmusstörung“ ist ein Liebeslied – wie auch
geistliche Lieder – „Engel, die uns berühren“, der Titel spricht für
sich. Beide Stücke sind von Enrico Klein geschrieben. Aber das Trio kann auch
covern und aus bekannten Liedern sowohl ein Gemeinschaftsprojekt mit dem
Publikum, wie dem Lied „Blowing In The Wind“ einen eigenen Charakter
aufsetzen. Ich gehe fest davon aus, dass wir das Trio noch häufiger hören
werden.
Mit Hey
Polly ging es weiter. Wenn es hier auch keine selbst komponierten Lieder
gab, so waren die Interpretationen poppiger/ rockiger Stücke auf zwei Gitarren
mehr als hörenswert. Auch wurde wieder das Publikum einbezogen, wobei es sich
bei diesen bekannten Stücken wahrscheinlich das Mitsingen gar nicht hätte
verbieten lassen. “Go Your Own Way“ von Fleetwood Mac, „Sweet Dreams“
von den Eurythmics und „One More Time“ von Britney Spears sind alles
Lieder, die man nicht auf den ersten Blick in einem Folkclub erwarten würde –
akustisch interpretiert waren sie aber absolut passend und worauf weist John
immer wieder hin – alles, was das Volk singt, sind Volkslieder.
Nun kam die
featured artist des Abends – Delta Danny, klein, mit Schiebermütze und
im Publikum eher unscheinbar, wurde sie doch groß und gewaltig auf der Bühne.
Blues ohne Schnörkel, Ton für Ton Gefühl. Ich fühlte mich in eine rauchige
Kneipe versetzt, in der in einer Ecke ein Mensch sitzt, welcher seinen Gefühlen
ohne Pathos Ausdruck verleiht. Danny scheint es doch eher gewohnt zu sein mit
Verstärkung zu spielen – das merkte man, wenn manche Töne kaum zu hören waren,
weil sie halt im Vorbeihuschen gespielt wurden – dem Gesamtvortrag tat dies
jedoch keinen Abbruch. Jedes Stück für sich kam aus der Person selbst, fühlte
sich nicht einstudiert, sondern gelebt an. Rhythmisch deutlich unterstützt von
ihrem Schuhabsatz (der auf dem genutzten Barhocker auch schon deutliche Spuren
hinterließ) trieb der Blues den Vortrag immer weiter, so dass die Zeit wie im
Flug verging und die Pause fast etwas plötzlich kam. Mit „I’m Ready“ und
„Sweet Home Chicago“ zeigte sie den urwüchsigen Blues, mit „Blueberry
Hill“, dass Blues auch sanft und zart sein kann. Mit „I Just Can’t Lose“
bewies sie, dass sie auch eigene Lieder schreiben kann und mit „There’s
Gonna Be Some Rockin’“, dass auch AC/DC Lieder sich zum Blues eignen. Lasst
mich wie gewohnt einen Sprung machen und berichten, dass Delta Danny natürlich
in der zweiten Hälfte wiederkam und weiter das Dotty’s in einen Mississippi
Delta Blues Keller verwandelte. Allerdings wurde es zuerst ein wenig sanfter,
denn die Stücke die Danny selbst geschrieben hat sind nicht ganz so rau wie die
gecoverten. Mit „Don’t Go Blues“, „Bird In The Wind“ und „Dead
Baby Blues“ bewies sie erneut, dass sie den Blues nicht nur darbieten,
sondern auch selbst erzeugen kann. Wie schon gesagt, bei Danny merkt man, dass
die Songs nicht einstudiert, sondern gelebt werden. Verabschieden wollte sich
Danny mit ihrer Interpretation von „Knocking On Heaven’s Door“ – vom
Publikum, aber insbesondere auch durch Petra Sigmund unterstützt, die es
fertigbrachte dem Blues noch eine gehörige Portion Gospel einzuhauchen. Aber
was heißt schon wollte sich verabschieden. Das Publikum „erbat“ sich weiteren
Blues, den Danny wieder aus der rockigen „Cold Hearted Man“ und folkigen
„Whiskey In The Jar“ Kiste auslieh. Alles in Allem eine gelungene
Vorstellung der Darmstädter Blueserin.
Aber zurück zum
Anfang der zweiten Hälfte – noch war das Spiel um die Sprache für Bonn nicht
verloren, deshalb legte sich Gert Müller so richtig ins Zeug und gab
seinem Wunsch „Ich möschens widder Bönnsch verzälle“ gekonnt Gedicht
interpretierend Ausdruck.
Jochen
Hiester war schon
einmal Überraschungsgast und fand die Atmosphäre so gut, um wiederzukommen. Mit
eigenen Stücken über die Sinnhaftigkeit sich selbst zu lieben „Die
Botschaft“ und angelehnt an ein Gedicht von Khalil Gibran „Ab und Zu“
überzeugte er mit wundervollen Texten – leider war sein Klavierspiel so laut,
dass vieles dieser Texte nicht mehr verständlich war – auch hier wahrscheinlich
wieder die Gewohnheit normalerweise verstärkt zu spielen.
Jochens
Schwester Ina Hiester kam dafür mit einer kleinen, eher leisen Gitarre,
dafür aber einer glasklaren und überzeugenden Stimme auf die Bühne. Sie lebt
seit zwei Jahren im United Kingdom auf einem Segelboot und ist so recht
ungebunden, was viele mit „macht nichts Anständiges“ verwechseln. Als erste
Erfahrung setzte sie die Erkenntnis in ein Lied um, dass in englischen Open Mic
Club auf bekannte Lieder gewartet wird und nicht etwa auf Eigenkompositionen.
Mit ihrem Song „Away“ besang sie genau diese Situation. Die Frage nach
dem „was Anständiges machen“ gipfelte bei Ina irgendwann in dem poetischen
Ausdruck, dass jede Art von Leben Vor- und Nachteile hat – umgesetzt hat sie
diese Erkenntnis in dem Lied „Two Different Lives“. Aber das Schöne an
gerade ihrem Leben besang sie dann mit der Beschreibung, dass ihr Garten, ihr
castle die ganze Welt ist – „The World Is My Garden“ eine wunderschöne
Ode an Sonnenauf- und Sonnenuntergang, an die Freiheit der Welt auch mal
entfliehen zu dürfen.
Bliebe noch der
Floorspot von den Tresperados. Dass ich kein Spanisch verstehe und somit
nicht dem Inhalt folgen konnte, war nicht schlimm, denn die Musik der Band ist
einfach schön. Bei dem ersten Lied „El Viento del Sur“ flüsterte mir
Elena zu, dass es die Geschichte einer Versöhnung im Traum erzählt (Aufbruch
und Wiederkehr?). Wie bei vielen Liedern die Miguel mitbringt, schwingen seine
Gefühle aus der Emotionswelt in den Texten mit. Mit „Camino de Terra“
verabschiedeten die Musiker sich - aber bestimmt nicht auf lange, denn
nach dem Folk
Club ist vor dem Folk Club – auch, wenn es diesmal etwas länger dauert.
Wir sehen uns
wieder am 4. September mit Juhana Iivonen.
Also: Out of the bedroom – come to the Folk Club
Mario