Dienstag, 19. Mai 2020

Detlefs Bericht vom Folk Club Nr. 111 am 6. März 2020


Folk Club am 6. März – 111. Treffen zum Thema Alter
Alter? Wer hatte sich das wohl als Motto des Folk Clubs Nr. 111 ausgedacht. Und wer hätte gedacht, dass das Motto irgendwie auch bezeichnend für die aktuelle Situation stand. Gelten doch gerade die älteren Menschen aktuell als gefährdet, wenn sie sich mit dem Corona-Virus anstecken. Beim Folk Club im März saßen noch alle gemütlich und unbeschwert beieinander, aber schon ein paar Tage darauf geriet manch einer in Angst und Schrecken, und nun? Aus ist’s bis auf weiteres mit den Folk-Club-Abenden, und auch unser Treffen im Mai wurde abgesagt. Für weitere Treffen gibt es bislang nichts als das Prinzip Hoffnung. 

Trotz des Trauerflors muss sich euer Chronist aber endlich aufraffen, ein paar Zeilen über den wirklich schönen Abend am 6. März zu schreiben. 

John Harrison hatte ein wirklich perfekt zum Thema passendes Startlied dabei: „Pamela Brown“, das gemeinhin Leo Kottke zugeschrieben wird, aber nach Johns Aussage von Tom T. Hall stammt. Der Text handelt von einem Mann, der rückblickend ganz froh ist, dass sich seine einstmals Angebetete Pamela Brown für einen anderen entschieden hatte. So lebte er ein Leben, in dem er viel herumkam und nicht in seinem kleinen Nest festklebte. Und warum hatte sie sich für einen anderen entschieden? Man fasst es nicht, er fuhr einen Pick-up.  Das Lied erinnert mich ein wenig an „Ming eetste Fründin“ von den Bläck Fööss. Meiers Kättche entschied sich damals auch für Webers Mattes, weil der schon ein Auto hatte und nicht nur ein „Mopped“. Aber kürzlich hörte ich ein Lied, in dem der damalige Unglückliche „dat Kättche“ nach Jahrzehnten wiedertraf und angesichts ihres inzwischen erheblichen Umfangs ziemlich erleichtert war, dass ihm Webers Mattes damals in die Quere gekommen war.
„A Man Of The Earth“ von Berny Parry hat ebenfalls das Alter zum Thema: Ein junger Arbeiter begegnet einem Rentner, der nach rund fünfzig Jahren Arbeit im Stahlwerk in seinem Garten werkelt. Ihm wird klar, dass er noch viele Jahre schwerer Arbeit vor sich hat und am Ende nur eine kleine Rente erwarten kann. „Corona, Corona“ handelt zwar nicht vom Alter, ist aber eine kleine Persiflage auf der Basis des Liedes „Corina, Corina“ von Robert Johnson. Oje, lieber John, wenn wir geahnt hätten, was mit Corona noch auf uns zukommen würde!
Das Thema „Alter“ verkörpert Gert Müller ganz selbstverständlich, führt er uns doch immer wieder mit seinen Gedichtvorträgen im Bonner Dialekt in eine Zeit zurück, in der diese Sprache noch ganz alltäglich auch für gebildete Zeitgenossen war. Wir „jüngeren“ Zeitgenossen stehen sozusagen auf dieser Seite der Grenze, und Menschen aus der gar nicht so viel älteren Generation Gerts haben noch ein Bein auf der Seite der – vermutlich unwiederbringlichen – Vergangenheit. Viele Gedichte von Gerts Freund Ferdinand Böhm interpretieren bekannte Bibelstellen neu und in unerwarteter Weise. Diesmal ging es um „De Trööte vun Jericho“ – die Trompeten von Jericho also. Das Unmögliche, die Mauern von Jericho einstürzen zu lassen, vollbringt am Ende ein Unbekannter, der sich de Tröötemann nennt.

Etwas nachzuholen hatten Mario Dompke und Sonja. Mario musste im Juni vorigen Jahres das Lied „Gabriellas Song“ aus dem Film „Wie im Himmel“ „nur“ in einer Instrumentalversion spielen, da Sonja erkrankt war.  Diesmal gab es das Lied in seiner ganzen Schönheit mit Sonjas wunderbarer Stimme zu Marios genialer Gitarrenbegleitung – ein wahres Gänsehautstück!

John Hurd, unser rasender Konzertreporter (Internetplattform: 3SongsBonn mit wunderbaren Berichten und brillanten Bildern von Konzerten in der Region) hatte zum Thema des Tages ein Lied aus eigener Feder parat. Johns Vater war im 2. Weltkrieg in Ostasien eingesetzt und in japanische Kriegsgefangenschaft geraten. Er hatte nach Johns Aussage nie über den Krieg gesprochen. Seine Erlebnisse müssen so furchtbar gewesen sein, dass er nie wieder daran rühren wollte. So musste John mit dem Lied „This Is What He Would Have Said” die Berichte seines Vaters fiktiv nachempfinden – berührend.
Daniel Bongart steuerte mit dem – ebenfalls selbstgeschriebenen – Lied „Maybe Tomorrow We’ll Meet Again“ ebenfalls etwas zum Thema bei. Es geht darin um Menschen, mit denen man vor langer Zeit zu tun hatte und die aus dem Lebensumfeld verschwunden sind. Was ist mit Ihnen geschehen? Trifft man sie vielleicht einmal wieder?
Folk-Club-Urgestein und seit vielen Jahren Programm-Organisator Steve Perry hatte entdeckt, dass in der walisischen „Nationalhymne“ das Wörtchen „alt“ in jeder  Strophe und im Refrain einmal vorkommt. „Alt“ heißt auf walisisch „hen“. Somit passt das Lied vorzüglich zum Thema des Abends, und Steve konnte ein Lied in der von ihm geliebten walisischen Sprache vortragen. „Hen Wlad fy Nhadau“ (Altes Land meiner Väter) heißt der Titel der Hymne in der urigen keltischen Sprache.

Ihre neuesten Kompositionen präsentierten Stephan Weidt (Gitarre und Gesang) und Ulrike Hund (Querflöte und Gesang), die schon mehrmals im Folk Club aufgetreten sind. In einem Medley fassten sie mehrere Stücke zusammen, die mit dem Thema Zeit und seiner Wahrnehmung zu tun hatten – sehr meditativ. „Wut“ hieß dann der Titel eines Liedes, das von den Konflikten zwischen den Generationen handelt. Die Kreationen von Ulrike und Stephan sind Poesie pur, verpackt in eindringlich gesungene und gespielte, leicht entrückte Melodien. Bravo Ulrike und Stephan!

Das Thema Wut setzte Rainer Goetzendorf, der vielseitige Musiker, der Manchen vielleicht als Trompeter aus der Hot Pepper Jazz Band bekannt ist, mit seinen drei Liedern fort, die sich mit der drohenden Zerstörung unseres Planeten durch die menschliche Gier befassen. „Nur weil ihr gierig seid“, Wahnsinn, meine Wut, sie wächst“ und „Gaia, die schöne, blaue Perle“ lauteten die Titel, bei denen sich Rainer selbst auf der Gitarre begleitete. Ja, die Protestsongs leben noch!
Steve Crawford (Gitarre und Gesang) und Sabrina Palm (Geige und Gesang) sind in der Region bekannte Musiker, und auch im Folk Club hatten sie bereits vor Jahren einen umjubelten Auftritt. Diesmal sprangen sie glücklicherweise als Featured Artists für den erkrankten Gerd Schinkel ein, der eigentlich für den Abend vorgesehen war. Zum Aufwärmen spielten sie ein ein Jig, ein instrumentales Tanzlied, mit dem Titel „Three Little Steps“. Eine Erinnerung an die Versenkung der kaiserlichen Flotte in Scapa Flow, einer Bucht inmitten der Orkney-Inseln, ist ein Lied, das das Ereignis indirekt aus der britischen Sicht schildert. Kris Drever, ein schottischer Liedermacher, der von den Orkneys stammt, lässt in seinem Lied einen deutschen Seemann die Geschichte schildern. So viel Empathie für das Schicksal deutscher Militärmaschinerie ist eurem Chronisten von britischer Seite noch nie begegnet. Steve sang das Lied mit seiner schönen Stimme mit großem Einfühlungsvermögen. 

Ebenfalls aus Steves schottischer Heimat ist das Lied „Such A Parcel of Rogues In A Nation“, das aus der Feder des schottischen Nationaldichters Robert Burns stammt. Es fasst die grenzenlose Enttäuschung darüber zusammen, dass die Mitglieder des schottischen Parlaments 1707 mit ihrer Unterschrift das Gesetz über die Zusammenführung Englands und Schottlands (Act of the Union) besiegelten. Vorangegangen war eine katastrophale Pleite eines Kolonialprojekts in Panama, in das schottische Finanziers riesige Summen gesteckt hatten. Von englischer Seite wurde den Investoren eine Erstattung ihres Verlustes in Aussicht gestellt, wenn sie sich für die Vereinigung einsetzten. Letztlich kam es so, und der „Act of the Union“ gilt bei eingefleischten Schotten bis heute als das Ergebnis eines grandiosen Korruptionsskandals und als ein Verrat am Vaterland.

Ihre Virtuosität auf der Geige konnte Sabrina beim Reel (einem schottischen Tanz) „Scone Palace“ ausspielen. Immer wilder wird die Melodie, und Bogen und Finger müssen ganz gehörig flitzen. Steves Können auf der Gitarre bildet dazu die perfekte Ergänzung. „Hope Remains“ ist der Titel eines gefühlvollen Liedes über Vergangenheit und Zukunft, das aus Steves eigener Feder stammt. „Farewell Rory“ ist ein Instrumental, eine Melodie für einen Abschied, die aber eher wie ein Lied zur Begrüßung klingt. Ebenfalls ein Instrumental war das letzte Stück von Sabrina und Steve mit dem Titel „Something Is Right About It“. Nach Sabrinas Worten handelt das von ihr geschriebene ruhige und melodische Lied sozusagen über das gesamte Leben und davon, dass es so, wie es ist, schon irgendwie richtig gefügt ist. Steve ergänzte noch ein riesiges Kompliment an den Folk Club, der der beste der Welt sei, natürlich nach dem Folk Club Aberdeens, Steves Heimatstadt – frenetischer Applaus für die beiden wunderbaren Musiker!

Eigentlich waren die Sabrina und Steve schon die Glanzlichter des Abends, aber wie so oft beim Folk Club, es wird nicht gekleckert, sondern geklotzt: „Stables“, so nennt sich das englische Duo bestehend aus Matthew Lowe (Gitarre und Gesang) und Daniel Trenholme (Schlagzeug, Ukulele, Mundharmonika und Gesang), starteten ein wahres Feuerwerk an fantasievollen Melodien gepaart mit Spielfreude, stimmsicherem, zweistimmigem Gesang und professioneller Instrumentenbeherrschung. „Dandelions And Daisies On My Mind“ brachte eine kleine Aufmunterung in die leicht depressive Stimmung, die durch die vorherigen Lieder eigezogen war. „Disagree“, ein Lied über unterschiedliche Auffassungen in Beziehungen, behandelt das Problemthema mit Schwung und Humor „Who am I to disagree?“ lautet eine Refrainzeile aus dem Lied. Mit dem Lied „Steam“ hatten die beiden ihr gemeinsames Musizieren gestartet. Über Träume, in denen man sich verlieren kann, handelte das Lied „Reverie“. Neben den eigenen Liedern hatten die beiden auch das Cover des Lieds „Laundry Room“ der amerikanischen Band „The Avett Brothers“ mitgebracht. Ich habe mir das Original angehört und muss sagen, die Version der Stables gefällt mir viel besser. Mit „Eleven Hours“ und „Meet You“ stellten sie weitere eigene Lieder vor. Zum Schluss sangen sie das unsterbliche Lied „Graceland“ von Paul Simon. Mit diesem Lied ging ein wieder unglaublich schöner, unterhaltsamer und vielseitiger Folk-Club-Abend zu Ende. 

Aber halt, zu Ende ist ein Abend im Folk Club erst, nachdem dem ollen Schotten Jock Stewart gesanglich ausgiebig gehuldigt wurde: „A man you don’t meet every day“.

Ja, und wann wir uns wieder treffen können und werden, steht noch in den Sternen, und selbst dort haben wir es noch nicht lesen können.
Liebe Gemeinde, bleibt geduldig und singt selbst ein bisschen.

Vielleicht habt ihr ja inzwischen etwas einstudiert für das erste Treffen des Folk Clubs nach der langen Zwangspause in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft.

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